Von KLara Berger
Regisseur Axel Ranisch und Adam Benzwi (Musikalischer Leiter) bringen die DDR auf die Bühne – mit ihren Schlagern, ihren Songs, ihren Tänzen (der Lipsi!) und auch mit all ihren Widersprüchen. Gemeinsam haben sie einen Soundtrack zu vier Dekaden DDR-Geschichte entworfen, der uns mit Tempo, viel Humor und einer guten Portion Bissigkeit von den hoffnungsfrohen Anfängen über die politische Erstarrung bis in die Wendeeuphorie führt, und auch das anschließende „Katerfrühstück“ nicht ausblendet.

Für„gelernte“ Ossis eine anrührende, vielleicht mitunter auch ein wenig verklärend-wehmütige Reise in die Vergangenheit, die aber auch die beklemmende DDR-Wirklichkeit nicht ausspart. Und so mancher „Wessi“ wird erstaunt sein über die Vielfalt und künstlerische Qualität der einst wenig beachteten, wenn nicht verpönten DDR-Musik-Szene. Auch wenn im Arbeiter-und Bauernstaat bewusst auf Starrummel verzichtet wurde, Publikumslieblinge gab es reichlich in der Schlagerszene und – im Gegensatz zur westlichen Musikindustrie – wurde nicht englisch, sondern überwiegend deutsch gesungen.

Und so begegnen uns die Hits großer DDR-Stars – von Gaby Rückert und Helga Hahnemann bis Frank Schöbel und Karel Gott –, aber auch Songs von Brecht/Eisler und Wolf Biermann. Man schwelgt in einer wunderbar mitreißenden, opulenten Szene des DEFA-Filmerfolgs Heißer Sommer 1968) und amüsiert sich köstlich über die leicht ironisch präsentierten internationale Showacts aus der beliebten DDR-Fernsehunterhaltungssendung Ein Kessel Buntes. Verordnete Lebensfreude versus Realität und sozialistische Biederkeit – aufgehübscht durch Weststars. Ein bisschen Glamour für die Werktätigen.



Zwischen all der Musik finden auch Szenen aus dem äußerst populären satirischen Ost-Berliner Kabarett „Distel“ ihren Platz, darunter bis heute unveröffentlichtes, weil seinerzeit zensiertes Material.
Heute, mit jahrzehntelangem Abstand und neuen Erfahrungen erlebt man den musikalischen Sound einer vergangenen, ja verlorenen Welt einigermaßen nachdenklich und mit gemischten Gefühlen. Schon ein bisschen Nostalgie aber keine Verklärung. Ironisch aber auch respektvoll.
Nach der vom Publikum gefeierten Premiere wird durchaus hier und da kontrovers diskutiert. Und ja, da ist wieder ein bisschen die Mauer zwischen Ost und West zu spüren. Eine Reaktion, die durchaus erwünscht und gewollt ist, um sich möglicherweise sachlich und ohne Ressentiments auf beiden Seiten dem Thema zu nähern.



Einhellig begeistert ist man über einen hinreißend arrangierten, inszenierten und choreografierten Abend, eine opulente Revue mit schmissiger Live-Musik, Big-Band-Sound (Leitung Adam Benzwi) dem wie immer mitreißend spielfreudigen Chor der Komischen Oper (Leitung Inga Diestel) die authentischen Kostüme von Pettycoat bis Hotpants (Alfred Mayerhofer) und natürlich der unvermeidlichen Show-Treppe in XXL-Format, auf der die Solisten des Abends glänzen: So Maria-Danaé Bansen, Gisa Flake, Mirka Wagner, Johannes Dunz, Philipp Meierhöfer, Nico Holonics und Thorsten Merten. Ein Ensemble hochkarätiger Darsteller und Sänger, die alles geben und in den verschiedensten Rollen brillieren. Nicht zu vergessen das exzellente Show-Ballett (Choreografie Christopher Tölle).

Auch wenn es ein frappierender Zufall ist, dass die „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ zusammentreffen mit der Wiedereröffnung der legendären Ostberliner Mokka-Milch-Eisbar in der Karl-Marx-Allee, so ist es doch symptomatisch, dass offenbar die Zeit reif ist, sich nun auch mit dem kulturellen und künstlerischen DDR-Erbe objektiv auseinanderzusetzen.
Letzte Vorstellung in dieser Spielzeit von „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ am 6. Juli um 19:00 im Schillertheater.
Fotos: © Ingrid Müller-Mertens