Fontäne im „Weißen See“. Foto:Sebastian Wallroth, Wikimedia Commons CC BY 3.0
Von Margrit Manz
Die Zeit, als der Berliner Stadtteil Weißensee als langweiliger Ortsteil im Bezirk Pankow galt, ist zum Glück vorbei. Besonders hat es das Komponistenviertel zwischen Berliner Allee und Jüdischem Friedhof allen Berliner Wohnungssuchenden und Gästen der Stadt angetan. Hier kann man gleichermaßen die ruhige Lage als auch eine gute Anbindung ans Zentrum-Ost nutzen. Mit der Straßenbahn ist man in einer Viertelstunde vom Antonplatz am Alexanderplatz.

Unser Spaziergang führt von Weißensee in Richtung Hohenschönhausen, vorbei an drei Seen, die diesem Stadtteil den Zusatz „grüne Oase“ gegeben haben, an alten Villengegenden und üppigen grünen Parks.

Von der Berliner Allee gelangten wir ins Komponistenviertel, das im späten 19. Jahrhundert in der damals typischen Bauweise mit prächtigen Fassaden und baumbepflanzten Nebenstraßen entstanden ist.

Der Unternehmer Ernst Gäbler (1812-1876) ließ ab 1872 südlich der heutigen Berliner Allee ein Wohnviertel errichten, dessen Straßen nach französischen Landschaften und Orten benannt wurden. Das Wohnquartier hieß darum zuerst Französisches Viertel. 1951 wurden diese Straßen nach den berühmten Komponisten Bizet, Borodin, Gounod, Mahler, Meyerbeer, Puccini, Rossini und Smetana umbenannt und bildeten somit das Komponistenviertel. Ausnahmen bilden die Herbert Baum- und die Otto Brahm-Straße. Herbert Baum (1912-1942) war ein jüdischer antifaschistischer Widerstandskämpfer und Otto Brahm (1856-1912), ein jüdischer Berliner Literaturhistoriker, Kritiker und Leiter des Deutschen Theaters.
Jüdischer Friedhof
Mit seinen rund 42 Hektar ist der Jüdische Friedhof der flächenmäßig größte Europas, mit 116.000 Grabstellen und Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs.

Zahlreiche Berliner Persönlichkeiten wurden auf diesem Friedhof beigesetzt. Einige der alten Gräber und prächtigen Familienmausoleen sind teils schon verfallen und eingestürzt, manche sogar vollständig mit Moos überzogen.


Hier befindet sich auch die Grabstelle von Margot Friedländer, einer Überlebenden des Holocausts, die mit 103 Jahren verstarb und neben ihren Großeltern beigesetzt wurde.
Beim Gang über den Friedhof sollten Männer ihren Kopf bedecken. Dafür werden am Eingang leihweise Kippas zur Verfügung gestellt.
„Berliner Seehunde“ am Orankesee
Weiter geht es durch die Gounodstraße bis zur Indira-Gandhi-Straße, wo sich der Auferstehungsfriedhof befindet. Eigentlich wollten wir durch die Kleingartenanlage Oranke gehen, aber die Gartenpforte bleibt verschlossen.

Wir finden einen anderen Weg bis hinunter ans Ufer des Orankesees. Das gegenüberliegende Strandbad bietet neben dem Sandstrand und einer grünen Liegewiese, noch eine 52 Meter lange Wasserrutsche. Und wer neben dem Baden noch etwas anderes erleben will, findet auf dem Gelände eine kleine Soccer-Arena, zwei Tischtennisplatten und ein Beachvolleyballfeld. Und in der Winterzeit laden jeden Sonntag die „Berliner Seehunde“, 190 Sportfreunde im Alter von 12 bis fast 90 Jahren, zum Winterschwimmen oder Eisbaden ein.

Wir wandern am Obersee entlang und erfreuen uns an Weiden, die ihre Äste längs übers Wasser hängen und an stattlichen Villen, die jedoch kein Lebenszeichen von sich geben. Es sind weder Bewohner zu sehen, noch Kinderspielzeug im Garten. Wir bleiben vor dem Mies-van-der-Rohe-Haus stehen, das nach den Auftraggebern auch „Landhaus Lemke“ genannt wird. Es ist das letzte Wohnhaus, das Mies van der Rohe in Deutschland vor seiner Emigration 1938 in die USA entworfen hat. Seit den 1990er Jahren wird es als Museum und Galerie genutzt.

Und weiter geht’s zum Faulen See, auf dessen Zugangsplattform wir einen guten Rundblick haben. Im Sommer eine Idylle mit dichtem Baumbewuchs .
Mit der Tram geht’s weiter an den Weißenseer Antonplatz.
Bei der Brotfabrik um die Ecke
Neben dem „Natur-Ankerort“ hat der Stadtteil auch ein dichtes Kulturangebot zu bieten. Das Kunst- und Kulturzentrum Brotfabrik am Caligariplatz war früher ein angesagter DDR-Jugendclub und ist heute der „kulturelle Ankerort“, der seine Besucher von weit über die Kiezgrenze anlockt.


Auf dem Antonplatz ist das alte Kino „Toni“ noch immer in Betrieb. 1919 entstand hier ein erstes Wohnhaus mit Lichtspieltheater, in dem es 1929 zum ersten Mal Tonfilme zu sehen gab. Dass es bis heute erhalten geblieben ist, ist dem Regisseur Michael Verhoeven und seiner Ehefrau, der Schauspielerin Senta Berger, zu verdanken, die das Kino nach der Wende erworben haben.
Kurzum, Weißensee mag vielleicht noch zu den unterschätzten Stadtteilen Berlins gehören, doch durch die gleichnamige ARD Fernsehserie Weißensee hat er etwas Berühmtheit erlangt. Wir haben festgestellt, dass sich ein Spaziergang durchaus lohnen kann und wir noch längst nicht alles gesehen haben.

P.S. Das nächste Mal machen wir eine Runde in Sachen Film, denn da hat Weißensee noch einiges mehr zu bieten.
Die Filmateliers waren neben den Studios in Potsdam-Babelsberg, zwischen 1913 und 1928 ein wichtiger Produktionsstandort. Als Zentrum deutscher Stummfilmproduktion sei an dieser Stelle Fritz Lang erwähnt, der mit dem 2-teiligen Abenteuerdrama „Die Spinnen“ (1919-1920) Furore machte oder Marlene Dietrich, die ihre Filmkarriere in Weißensee begann. Der bekannte Regisseur G.W. Pabst drehte „Geheimnisse einer Seele“ (1926) in Weißensee. Die Berliner Chanson- und Kabarettkönigin Claire Waldorff wirkte in „Mieze Strempels Werdegang“ (1915) als Schauspielerin mit.
Fotos: Anne, Margrit, Klaus, Pankow Chronik