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Päpstlich-inspirierende Wasserroute

VonRedaktion

Apr 27, 2022

Eine Kajaktour auf der westpommerschen Drage

Von Peer Schmidt-Walther

Stille ringsum. Hier ist selbst das eigene Atmen zu hören, abgesehen vom gelegentlichen Eintauchen der Paddelblätter in den von Strudeln gekräuselten Flussspiegel. Die Luft indes ist erfüllt von einem vielstimmigen fröhlichen Vogelkonzert. Links und rechts quaken hochzeitende Froschmänner – eine kaum zu überbietende Kakophonie – aus dem üppigen Schilf wie Störenfriede ungeniert dazwischen. Aus der Ferne mischen sich trompetende Kraniche ein, während hoch über unseren Köpfen majestätisch ein mächtiger Seeadler kreist.

Eine fast schon unwirkliche Szenerie kaum zehn Minuten entfernt von der Fernstraße 10 bei Wildforth/Prostynia zwischen Stettin und Bromberg, die von schweren Lastzügen beherrscht wird. Bis dahin hat uns Andrzej Gorski, Chef der örtlichen Tourismus-Organisation, mit seinem Transporter samt Bootsanhänger von Neuwedell/Drawno kutschiert. Unterhalb der Brücke ein kleiner Strand, an dem die robusten Leihkajaks zu Wasser gelassen werden. Nur etwas mehr als eineinhalb Stunden von der deutsch-polnischen Grenze und rund 90 Kilometer von der Landeshauptstadt Stettin entfernt.

Transport der Kajaks zur Einsetzstelle

Von Gletschern modelliert

Auf der Drage, polnisch Drawa, herrscht allein die Natur. Das fast 186 Kilometer lange Fließgewässer entspringt bei Bad Polzin/Polczyn-Zdroj im Kreis Dramburg/Drawsko der Woiwodschaft Westpommern und mündet unweit von Kreuz/Krzyz/Großpolen in die Netze/Notec. In Outdoor-Führern als eines der „abwechslungsreichsten Fließgewässer Europas“ gelobt. Während in Deutschland der Wassersport ungebremst boomt und schon längst an seine Grenzen gestoßen ist, hofft man hier noch Ursprünglichkeit und Unzerstörtheit zu finden.

Aus 212 Metern Quellhöhe mäandriert sie durch eine postglaziale Landschaft, die von den skandinavischen Eiszeit-Gletschern vor rund 12.000 Jahren nachhaltig modelliert und schließlich zur Pommerschen Seenplatte wurde. Schlanke Rinnenseen, endlose Wälder und breite, versumpfte Auen prägen dieses ungestörte Bild.

Was anfänglich nur auf der Karte vor uns ausgebreitet ist, wollen wir unbedingt in vierstündiger Praxis und rund 17 Anfänger-Kilometern erkunden. Es gibt laut Outdoor-Führer auch Abschnitte, die für Anfänger nicht geeignet und auf der Karte rot markiert sind. Schon die Wikinger hatten mit der Flusswildnis zu kämpfen. Ein Vogelschutz- und ein Militärübungsgebiet sind ohnehin zeitlich nur limitiert zu befahren.

Knirschen unterm Kiel

Die Sonne spielt mit, während wir durch weite Flussschlingen „zu Tal“ gleiten, wie die Abwärtsrichtung korrekt genannt wird. In der Vor- und Nachsaison gibt es keine Mücken und Ferien, so dass das „Unternehmen Drage“ in störungsfreien Bahnen laufen kann.

Plötzlich scheint voraus diese frohe Fahrt beendet zu sein: Ein riesiger Kiefernstamm hat sich quergelegt, und seine Äste harken abwehrend das Wasser. Strudel markieren steinerne Unterwasserhindernisse. Weil die Fließgeschwindigkeit wegen der Engstelle zunimmt, schlägt das Boot quer und knallt mit voller Breitseite gegen den Baum. Nur mit kräftigen Paddelschlägen kann man sich hier befreien. Dann heißt es eine Durchfahrt ansteuern und den Oberkörper nach vorn oder hinten biegen, vor allem aber den Kopf einziehen. Holz auf Holz klingt nicht gut.

Knapp vor dem Kentern

Unterm Kiel knirscht es. Stillstand, aufgesessen. Der Ast ist schon von vielen Vorgängern blank gescheuert worden. Mit Ganzkörper-Vor- und Zurückruckeln kommt man schließlich frei. Doch die – von Bibern gefällten – Bäume nehmen zu. Wenn man Glück hat und das Wasser flach ist, kann man einfach aussteigen und das Kajak über das Stammhindernis ziehen. Ein Bad zur Abkühlung – manchmal auch unfreiwillig – darf dann schon mal sein. Schwierig wird es allerdings bei mehreren solcher „Wegelagerer“ hintereinander. Da wird Muskelkraft und Überlegung gebraucht.

Singender Bürgermeister und frischer Fisch

In diesem rund 40 mal 40 Kilometer messenden artenreichen Drawa-Nationalpark verdunkelt schließlich üppig grünes Altbuchen-, Espen-, Eichen- und Erlen-Gehölz den Himmel, sorgt auch für leichte Abkühlung und Sonnenschutz. Wölfe und Luchse sind hier wieder zu Hause, wie später Maciej Glawdel, Deutsch- und Geschichtslehrer sowie ehrenamtlicher Park-Führer erklärt. Der Nutzwald wurde renaturiert zu einem Urwald mit reichhaltigem Baumbestand. Und, man glaubt es kaum: Bis 1979 wurde sogar noch geflößt und Finowmaß-Kähne wurden getreidelt.

Maciek führt auch zu aufgelassenen deutschen Siedlungen wie Marzelle und Springe im Kreis Arnswalde mit seinem sehenswerten Baumstelen-Friedhof. Beides liegt an der alten Pflaster-Salzstraße Posen – Kolberg. Wie auch das einzigartige nach wie vor funktionierende „preußische“ Wasserkraftwerk von 1906 von Kamienna, die unseligen Betonreste des „großdeutschen Pommernwalls“ oder die Wassermühlen-Trümmer an der früheren Markstraße und Grenze bis 1772 zwischen der brandenburgischen Neumark und Großpolen.

Altes deutsches Ausflugsschiff HINDENBURG in Tempelburg an Land

Im idyllischen Tempelburg/Czaplinek am Drawsko-/Dratzig-See kann man auf den Spuren der Ordensritter wandeln, sich auf der Burgruine über den Templer- und Johanniterorden schlau machen oder den singender Bürgermeister Marcin Naruszewicz erleben, der hier nämlich als Stadtoberhaupt fungiert. Sogar auf einen Schinkelbau, die weiße vierschiffige ehemals evangelische Kirche, kann er in seinen Mauern stolz verweisen. Frischen, gebratenen oder geräucherten Fisch – Ryby – bei Magda „U Magdy“ sollte man sich nach dem Stadtrundgang zu lokalem Bier unterhalb der Burg mit Seeblick und Badestelle unbedingt gönnen.

Familiär im „Kardasovka“

Bei Fürstenau/Barnimie erinnert ein Gedenkstein an Papst Johannes II. Schon als junger Mann, der alle befahrbaren Flüsse Polens kannte, entdeckte Karol Woytyla 1956 seinen Lieblingsfluss Drawa. Später ließ er sich auch als Weih- und Erzbischof von Krakau und frisch gebackener Kardinal von ihrem ganz eigenen Zauber aus „Einöde, leere und Stille“ inspirieren, wie er schrieb. Für viele Polen, ohnehin wassersportbegeistert, ein Muss, hier mal vorbeizuschauen. Zu seinem 100. Geburtstag pilgerten hunderte von Kanuten in einer Art Wasserprozession zu dem Granitblock. Seitdem ist es die „Wasserstraße Karol Woytyla“. Sein „Geheimtipp“ war die bei Kilometer 133,5 in die Drawa mündende Korytnica. Sie ist ein absolutes Kleinod: glasklar, fischreich, schmal und landschaftlich noch einen Tick urwüchsiger, aber auch hindernisreicher.

Keine Hindernisse gibt es für Wassersportler in zahlreichen Biwaks, sie sind auch offen für Wanderer und Radfahrer, die hier ein gut ausgebautes Wegenetz vorfinden.

Als Ausgangspunkt für alle Touren bietet sich das ehemalige deutsche Waldhaus „Kardasowka“ bei Neuwedell/Drawno am Dubie-/Düpsee an. In der Gegend, wo auch das zerstörte Familienschloss stand, war auch das Weltkriegs-I-Flieger-Ass Graf Erich von Wedell auf einem Rittergut zu Hause.

Ludmila, sie lernt fleißig Deutsch, und Tadeusz Szafranski sind herzliche Gastgeber. Mitten im Wald, an einem scheinfreien Angelteich und einer Wiese gelegen, ist ihr renoviertes Haus ein kleines Paradies. Es steht unter dem Motto „Agrotourismus“, garantiert damit nur einer Handvoll Gäste preiswerten, familiären Urlaub. Sogar mit Katzen und einem Fuchs, der keine Scheu hat.

Bei geselliger Lagerfeuerrunde stibitzt er sich schon mal den einen oder anderen Brocken. Gurken, Kartoffeln und polnische Kelbassa/Wurst schmurgeln appetitanregend duftend auf dem Rost, während am Tisch bei Zubrowka-Wodka (der mit dem Bisongrashalm) „na zdrowje!/Prost“ ausgerufen und „dziekuje bardzo/vielen Dank!“ gesagt wird.

Fotos: Peer Schmidt-Walther

Infos: Polnisches Fremdenverkehrsamt

www.polen.travel

Waldhaus Kardasowka
www.kardasowka.pl

Quelle: CTOUR https://magazin.ctour.de/

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