Geburtstagsgeschenk für Vater Zille

Geburtstagsständchen von Leierkasten-Jule für Pinselheinrich. Bild: Ingrid Müller-MertensGeburtstagsständchen von Leierkasten-Jule für Pinselheinrich. Bild: Ingrid Müller-Mertens

 

159 wäre er geworden, „ . . .der jute Vater Zille“. Noch erreichen Menschen dieses Alter nicht. Doch einige sind trotzdem unsterblich und dazu gehört unbedingt der Zeichner und Fotograf Heinrich Zille (1858-1929). Der unvergleichliche Berliner „Milljöh“-Maler und Chronist gehört zu Berlin wie kaum ein anderer. Er ist Berlin. Auch wenn er in Sachsen geboren wurde.  Um so bedauerlicher, dass die Stadt ihrem großen Sohn so wenig Reverenz erweist.

Walther Plathe. Bild: Ingrid Müller-Mertens

Walther Plathe. Bild: Ingrid Müller-Mertens

Das ärgerte auch den beliebten Volksschauspieler Walther Plathe, der 2002 die Initiative ergriff, um zusammen mit Heinrich Zilles Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille, dieses unvergleichliche künstlerische und kulturhistorischen Erbe der Nachwelt zugänglich zu machen.

So ist es ausschließlich privater Initiative und Finanzierung durch den „Heinrich Zille – Freundeskreis e.V.“ zu danken, dass ein kleines aber sehr feines Museum im Berliner Nikolai-Viertel an den „Pinselheinrich“ erinnert. Eine wahre Fundgrube für Berliner Geschichte und Geschichten mit dem einzigartigen , teils sehr drastischen aber immer liebevollen Lokalkolorit. Und so war die Wiedereröffnung nach längerer Umbauphase an Zilles Geburtstag am 10.Januar ein freudiges Ereignis für alle Zille-Freunde und die zahlreichen aktiven Helfer und Unterstützer. Auch der wohl im besten Sinne volkstümliche Linken-Politiker Gregor Gysi outete sich als Zille-Fan.

Gregor Gysi. Bild: Ingrid Müller-Mertens

Gregor Gysi. Bild: Ingrid Müller-Mertens

Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille wusste zu würdigen, dass sich damit überhaupt erstmalig ein Politiker für die Ausstellung und damit für einen bedeutenden Teil des kulturellen Erbes Berlins interessiert hatte. Der dafür prädestinierte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) war leider verhindert, ließ aber grüßen. Wie Gysi trocken bemerkte: „Er grüßt besonders gern, weil es nichts kostet“. Denn nach wie vor gibt es für das Museum eines der ganz großen Berliner Persönlichkeiten keine staatliche Unterstützung.

Dank der vielen engagierten Mitstreiter komme man klar, so der 75jährige Urenkel, gut wäre allerdings etwas Hilfe bei der Öffentlichkeitsarbeit. Leider ist die Einrichtung bei den Touristen aber auch den Berlinern noch zu wenig bekannt. Und er hat auch gleich einen guten Vorschlag: Wäre doch wunderbar, wenn ein Urberliner Unternehmen wie die BVG auf den Bussen Werbung für das Zille-Museum machen würde.

Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille. Bild: Ingrid Müller-Mertens

Urenkel Hein-Jörg Preetz-Zille. Bild: Ingrid Müller-Mertens

Denn wo sonst könnte man das sprichwörtliche „Berliner Herz mit Schnauze“ so liebevoll präsentiert finden. Auf der rund 250 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche veranschaulichen Zeichnungen, Grafiken und Fotografien aus Heinrich Zilles Schaffen sowie biografische Dokumente das vom „Pinselheinrich“ so typisch und akribisch eingefangene „Berliner Milljöh“ aus den Mietskasernen, Hinterhöfen und Kaschemmen der Arbeiterviertel um die Wende des 20.Jahrhunderts.

Ebenso beeindruckend, wenn auch weniger bekannt, ist Zilles großartige Leistung als Fotograf. Seine zwischen 1890 und 1910 in Berlin aufgenommenen Fotografien zählen heute zu den bahnbrechenden Leistungen der internationalen fotografischen Moderne. Dabei waren sie mit ihren ungewöhnlichen Blickwinkeln und der direkten Erfassung der Motive des Alltags und der Lebensbedingungen der Menschen ihrer Zeit weit voraus.

Aber einzigartig und immer wieder zutiefst beeindruckend und aufrüttelnd sind vor allem seine Skizzen und Zeichnungen, in denen er die für uns heute geradezu unglaublich erbärmlichen Lebensumstände der Ärmsten ungeschminkt festgehalten und die Verlierer und Verlorenen der Gesellschaft voller Zuneigung und Mitgefühl porträtiert hat.zeichnung_1

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Vor allem die „Berliner Jören“ lagen Zille am Herzen. Sie litten am meisten unter der bitteren Armut, mussten frühzeitig schwer arbeiten und hatten kaum Zugang zur Schulbildung. „Vater Zille“ war Patenonkel zahlloser Berliner Kinder. Er zeichnete „seine Kleenen“ ungeschönt, schmutzig, zerlumpt und oft mit blutiger oder laufender „Neese“. Besonders schwer zu verkraften sind seine schonungslosen Skizzen zur Kinderprostitution. Man kann sich gut vorstellen, dass Kaiser Wilhelm nicht gern mit diesem Elend konfrontiert wurde. „Rinnsteinkunst“ nannte er Zilles Zeichnungen. Und wenn er morgens eine in der Zeitung vorfand „ist mir der ganze Tag versaut“, soll er gesagt haben.zille_2

Auch heute ist man erstaunt, über die Brisanz und Zeitnähe vieler Blätter und Themen. „Jeder findet einen Bezug zu Zille, daher ist er immer noch aktuell“, sagt Gregor Gysi. Im Zille-Museum fühlt man sich „mittenmang“ im Berliner Leben – damals und heute.

Zillemuseum, Propststraße 11 (im Nikolai-Viertel)

Öffnungszeiten täglich 11–18 Uhr

www.zillemuseum-berlin.de

www.zilledestille-nikolaiviertel.de

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