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Lin May Saeed. Im Paradies fällt der Schnee langsam

VonRedaktion

Sep 18, 2023

Ausstellungsansicht mit Tierskulpturen aus Styropor von Lin May Saeed

Zur Berlin Art Week eröffnete das Georg Kolbe Museum die erste museale Einzelausstellung der deutsch-irakischen Künstlerin Lin May Saeed in Deutschland. Präsentiert werden ihre Tierskulpturen, Reliefs, Stahlarbeiten und Zeichnungen im Dialog mit einer der bedeutensten Künstlerinnen der Moderne—Renée Sintenis (1888.1965), zu deren Tierplastiken auch der Berliner Bär gehört.

Lin May Saeed beschäftigte sich seit gut 20 Jahren mit dem Leben von Tieren und den Beziehungen zwischen Tier und Mensch. Mit einer konsequenten formalen Sprache, viel Einfühlungsvermögen, einem breiten kulturhistorischen Wissen zu Märchen und Fabeln, aber auch mit Humor erzählt sie in ihren Arbeiten alte und neue Geschichten von der Unterwerfung und Befreiung der Tiere und ihrem Zusammenleben mit den Menschen.  Und so steht man fasziniert im eindrucksvollen Atelierraum Georg Kolbes (1877-1947) vor einer Herde von lebensgroßen Tieren aus Styropor, die sich aus ihren Käfigen befreit haben. Styropor ist das zentrale Material von Lin May Saeed.
Seit zwei Jahren wusste Lin, dass ihr wegen eines Hirntumors keine Zeit mehr bleibt. An den Ausstellungsvorbereitungen war sie noch aktiv beteiligt. Ihre Eröffnung hat sie nicht mehr erlebt. Am 31. August verstarb die Bildhauerin und Malerin mit deutsch-irakischen Wurzeln im Alter von 50 Jahren in Berlin. Sie sei „ein sehr warmer Mensch gewesen. Ein Mensch, den man wirklich in ihren Arbeiten erkennt. Sehr zugewandt, ein zurückhaltender, eleganter Mensch“, erinnert sich die Museumsdirektorin Kathleen Reinhardt beim Rundgang.

Von links: Gilgamesch- Acdyl auf Leinwand; Enkidu and Jakal – Styropor, Stahl, Acrylfarbe; St.Jerome and the Lion – Stahl.

In ihrer ersten musealen Einzelausstellung in Deutschland treffen Lin May Saeeds künstlerische Arbeiten auf Sammlungswerke des Georg Kolbe Museum von Renée Sintenis (1888, Glatz-1965, West-Berlin). Diese zentrale Bildhauerin der Moderne, die ihrerzeit ebenfalls nach einer Sprache und Abbildbarkeit der Beziehungen zwischen Tier und Mensch suchte, feierte ihren Durchbruch in den 1920er Jahren mit kleinformatigen Tierskulpturen. Die bekannteste – der Berliner Bär – wird immer noch alljährlich im Rahmen der Berlinale Filmfestspiele verliehen.

Mit Skulpturen, Reliefs, raumgreifenden Scherenschnitten und Zeichnungen erschuf Lin May Saeed eine neue Ikonographie der Solidarität zwischen den Arten.

Erntedankrelief mit Affe. Styropor, Acryl, Stahl, Jute

Der im Georg Kolbe Museum entstehende Dialog zwischen den Künstlerinnen über verschiedene Generationen hinweg spürt nicht nur formalen Entwicklungen der Tierbildhauerei nach. Die Ausstellung untersucht auch den Wandel des gesellschaftlichen Bildes des Tieres in den letzten 100 Jahren und verweist auf eine neue Aktualität in unserer Wahrnehmung und in unserem Umgang mit anderen Lebewesen, wie beispielsweise auf die Rolle industrieller Tierhaltung im Fortschreiten der Klimakatastrophe. Auch werden in ferner Zukunft nicht Bronze oder Marmor als bildhauerisches Material Zeugnis menschlichen Schaffens ablegen, da sie verfallen sein werden. Styropor hingegen bleibt intakt. Deshalb ist dieser auf Erdöl basierende, biologisch nicht abbaubare Kunststoff der von Lin May Saeed bevorzugte Werkstoff für ihre Arbeiten.

Mureen/Lion School, Styropor, Acrylfarbe, Stahl, Gips, Holz

Er steht für sie als Mahnung der Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt. Und so eröffnet die Kunst von Lin May Saeed immer auch eine politische Dimension im menschengemachten Zeitalter des Anthropozän. Also in dem Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

Zu sehen noch bis zum 25.Februar 2024 im Georg Kolbe Museum

Sensburger Allee 25, 14055 Berlin

www.georg-kolbe-museum.de

Von Redaktion