Théo van Rysselberghe: Paul Signac am Steuer der Olympia, 1896, Archives Signac
Von Ronald Keusch
Das Museum Barberini in Potsdam präsentiert noch bis zum 11.Okotber für seine Besucher eine perfekte Sommerzeit-Stimmung.
Unter dem Titel „Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus“ werden knapp einhundert Bilder voller Leuchtkraft und Harmonie gezeigt – für die Freunde der Malerei des Impressionismus von Manet bis Monet ein Festtag. Sie können sich begeistern an Farbkompositionen, wunderschönen verträumten Landschaftsmotiven, Küstenbildern mit Segelbooten und originellen Porträts und Alltags-Szenen.


Paul Signac: Segel und Pinien, 1896, Öl auf Leinwand, Privatsammlung (links), Georges Seurat: Die Seine bei Courbevoie, 1885, Privatsammlung
Doch die Ausstellung kann viel mehr spannende Geschichten über die Strömung des Neoimpressionismus Ende des 19. Jahrhunderts erzählen, die sich für den aufmerksamen Betrachter auch in den Gemälden widerspiegelt. Dabei wird auch die zentrale Rolle des Künstlers Paul Signac gezeigt, sein Einfluss auf diese Kunstrichtung und andere europäische Maler seiner Zeit.
Zunächst macht Direktorin Ortrud Westheider in der Eröffnungspressekonferenz darauf aufmerksam, dass diese Ausstellung ganz folgerichtig im Museum Barberini stattfindet. Denn dieses Spitzenmuseum für Malerei der Impressionisten in Deutschland hält in der Sammlung des Mäzens Hasso Plattner auch einen der größten Bestände an Werken des Neoimpressionismus.


Paul Signac: Saint-Tropez, Sonnenuntergang im Kiefernwald, 1896, L’Annonciade, musée d’art moderne de Saint-Tropez © Luisa Ricciarini / Bridgeman Images (links), Maximilien Luce: Die Seine bei der Pont Saint-Michel, 1900, Sammlung Hasso Plattner, Museum Barberini.
Die Ausstellung umfasst knapp 100 Werke, von denen mehr als ein Drittel von Paul Signac stammen. Neben berühmten Namen wie Georges Seurat und Camille Pissarro sind auch in Deutschland weniger bekannte Maler aus Belgien, den Niederlanden und Frankreich vertreten.
„Die Verbindung von wissenschaftlicher Präzision und sinnlicher Farbwirkung macht den Neoimpressionismus bis heute einzigartig“, so lautet ein Fazit der Direktorin des Museum Barberini Ortrud Westheider. Die Kunstrichtung entstand Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich und führte den Impressionismus weiter. Anstatt flüchtig und spontan zu malen, beruht der Neoimpressionismus auf wissenschaftlichen Farbtheorien. Reine Farben werden nicht auf der Palette gemischt, sondern in winzigen, nebeneinanderliegenden Punkten aufgetragen. Das menschliche Auge verschmilzt die einzelnen Farbpunkte aus der Distanz zu neuen Farbtönen. Die Motive sind streng komponiert und wirken oft künstlich oder starr, im Gegensatz zur lockeren Pinselführung der Impressionisten. „Auch in Potsdam lässt sich nun entdecken, wie aus einzelnen Farbpunkten Bilder von außergewöhnlicher Leuchtkraft entstehen. Ihr Zusammenspiel von Farben und Formen erzeugt eine fast musikalische Harmonie.“


Henri-Edmond Cross: Rosafarbener Frühling, 1909, Privatsammlung, Courtesy Richard Green Gallery, London (links), Rechts: Jeanne Selmersheim-Desgrange: Porträt von Colette, um 1907, Öl auf Leinwand, Sammlung CFC © Estate Jeanne Selmersheim-Desgrange, Photo: Aurélien Mole
Die Sammlungsleiterin des Museums Barberini und Kuratorin dieser Ausstellung, Nerina Santorius, würdigt Paul Signac, der den von Georges Seurat initiierten Malstil nach dessen frühem Tod im Jahr 1891 nicht nur schlechthin weiterführte, sondern über Jahrzehnte zum Vordenker und Vermittler dieses Malstils wurde. So breitete sich der Neoimpressionismus in einer Bewegung von Frankreich nach Belgien, Deutschland und in die Niederlande aus. „Signac suchte nach ästhetischer Harmonie, die er als Spiegel gesellschaftlicher Eintracht verstand. Wissenschaftliche Erkenntnisse der Optik und der Farbtheorie flossen ebenso in sein Werk ein wie anarchistische Überzeugungen und ein ausgeprägtes Interesse an Musik.“ So verwundert es auch nicht, dass Signac seine Bilder häufig mit Opus-Angaben versah.

Rückkehr vom Fischfang, 1891
Privatsammlung, Belgien, Courtesy Virginie Devillez Fine Art
© Vincent Everarts
Die Ausstellung des Neoimpressionismus wird in sechs Kapiteln auf zwei Etagen des Museums gezeigt. Gleich im ersten Raum „Von der Impression zur Wissenschaft. Der Beginn des Neoimpressionismus“ werden die Anfänge des Neoimpressionismus Mitte der 1880er Jahre gezeigt. Maler wie Seurat, Signac und Pissarro wandten sich in dieser Zeit von den intuitiven, spontanen Pinselstrichen des Impressionismus ab und experimentierten mit neuen Techniken.

Das Kapitel „Charakter oder Dekor. Das neoimpressionistische Porträt“ widmet sich Figurenbildern und Portraits. Paul Signac stilisierte in seinen Bildern Kleidung und Umgebung, um eine harmonische und dekorative Bildwirkung zu erzielen. Théo van Rysselberghe ist hier mit mehreren Werken vertreten, in denen er die neue Technik mit der Detailtreue der flämischen Malereitradition verbindet.
Ein anderes Kapitel ist mit „Gesellschaftliche Ideale. Die Neoimpressionisten und der Anarchismus“ überschrieben. Hier kommen auch anarchistische Überzeugungen und utopische Gesellschaftsentwürfe zum Ausdruck, die teils unterschwellig, teil explizit in den Bildern thematisiert werden.
Im Ausstellungs-Kapitel „Im Licht des Südens. Mediterrane Landschaften als anarchistische Utopie“ erwarten den Besucher Landschaften des Mittelmeeres, die als Projektionsräume von Utopien genutzt werden. Die neoimpressionistischen Künstler zeigen die Côte d‘Azur als paradiesischen Gegenentwurf zum industrialisierten Paris. Die südliche Sonne, so das Urteil der Fachwelt, eröffnete den Künstlern einen neuen Umgang mit dem Kolorit. Durch das Nebeneinandersetzen von Punkten in leuchtenden, komplementären Tönen erzeugen sie den Effekt farbigen Lichts.

Das Sommer-Feeling ist noch bis zum 11. Oktober in Potsdam zu bewundern. Das rührige Team vom Museum Barberini erweitert diese Sommerausstellung mit einer ganzen Reihe von hochinteressanten Veranstaltungen. Dazu zählt ein Gesprächskonzert mit dem Titel „KlangFarben – Saitenspiel“. Dabei wird Paul Signacs leuchtende Malerei in einen Dialog mit der Klangwelt der klassischen Musikinstrumente Flöte, Viola und Harfe gebracht (10. Juli). Weiter wird ein Barberini Kinderfest im Innenhof des Museums veranstaltet, ein Familientag mit kostenlosem Programm und Live-Musik (23. August). Im Nikolaisaal Potsdam wird ein Konzert „Leuchtende Klänge“ stattfinden, das Synergien der Gemälde von Paul Signac mit der Musik von Maurice Ravel und Claude Debussy findet (5. September).
Zu einem besonderen Sommer-Hit wird der Innenhof des Museums in ein Open-Air-Kino verwandelt. An drei Abenden (6./ 13./ 20. August) werden französische Filmklassiker gezeigt, darunter von Jacques Tati „Die Ferien des Monsieur Hulot“ aus dem Jahr 1953. Dazu werden auch Gespräche mit Filmexperten wie Knut Elstermann und Regisseuren wie Volker Schlöndorf stattfinden. Diese Filmvorführung unter freien Himmel auf Liegestühlen vermittelt Sommerabendstimmung und ist wie die anderen Barberini-Veranstaltungen eine gelungene Ergänzung der neoimpressionistischen Symphonie der Farben von den Malern um Paul Signac.
Quelle: https://www.keusch-reisezeiten.de/post/2026-07-kultur-barberini-signac-neoimpressionismus