Von Ronald Keusch
Wer kennt nicht in der Sommer-Saison die dicht belegten Strände an den Küsten der Mittelmeer-Länder wie in Italien, Spanien oder Frankreich. Doch es gibt in Europa auch endlose fast menschenleere Sandstrände, wo der Besucher bei mildem Sonnen-Wetter und angenehmen Wasser-Temperaturen in keiner Weise mit Massentourismus konfrontiert wird. Zu diesen Urlaubsperlen gehört die größte Insel im Ärmelkanal Jersey mit rund 100.000 Einwohnern. Sie hat eine Ausdehnung von ungefähr fünfzehn mal acht Kilometern. Die französische Küste der Normandie ist nur etwa 25 Kilometer entfernt und bei klarem Wetter zu sehen, während die kürzeste Entfernung zum britischen Festland etwa 140 Kilometer beträgt.

Doch Jersey hat seinen Besuchern sehr viel mehr zu bieten als nur sich weit erstreckende Badestrände oder kleine Badebuchten zwischen den skurrilen Felslandschaften der Steilküste. Das beginnt bei einem der Markenzeichen der Insel – dem Klima. Hier sind die meisten Sonnenstunden der Britischen Inseln zu erleben. Dank des Golfstroms verzeichnet die Insel im Sommer durchschnittliche 21 Grad. Davon können manche Touristen bei großer Sommerhitze an der Costa Brava oder auf Kreta nur träumen. Auch ganzjährig ist das Klima mild und nahezu frostfrei, in den Vorgärten wachsen Palmen und anderes Mediterranes.

Unzweifelhaft das besonders spannende Merkmal der Insel ist einer der weltweit größten Gezeitenunterschiede, der je nach Mondphase bis zu 12 (!) Meter betragen kann. Das imposante Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut legt große Watt-Bereiche frei, komplette Hafenbecken nebst aller Boote und größeren Schiffe werden „trockengelegt“. Burgen und Leuchttürme, die sonst mitten im Meer liegen, sind dann zu Fuß zu erreichen. Hinweisschilder und Sirenen warnen die unkundigen Gäste.

Britischer Charme und Französisches Flair
Eine weitere Besonderheit der Insel ist die einzigartige Verbindung von britischem Witz und Charme, der einher geht mit kontinentalem Flair à la française. Das hat viel mit der Geschichte der Insel zu tun, mit ihren keltischen, normannischen und britischen Wurzeln und den wechselnden Regentschaften im Vereinigten Königreich und Frankreich. Als im Jahr 1204 die Normandie wieder an den französischen König ging, entschieden sich die Bewohner von Jersey, dem englischen König die Treue zu halten.
Seitdem ist Jersey direkt der Britischen Krone unterstellt, mit eigener Gesetzgebung, Verwaltung und eigenem Steuerrecht. Jersey besitzt eine eigene Flagge mit eigenem Wappen und eine eigene Währung, den Jersey Pfund Sterling. Die Amts- und Umgangssprache ist Englisch, aber überall sind auch französische Namen und Begriffe anzutreffen. Das beginnt mit dem Namen von Jerseys Hauptstadt – Saint Helier, darüber hinaus haben auch viele andere Orte und Straßen besonders im Süden der Insel französische Bezeichnungen.
Duck Fat Potatoes, frische Austern und Black Butter
Der französische Einfluss ist für den Touristen besonders kulinarisch zu entdecken. So haben beispielsweise DUck Fat Potatoes auf den Speisekarten der Insel-Restaurants einen festen Platz, so im Pêtchi Restaurant am Liberty Wharf in St Helier. Duck Fat Potatoes oder Gratin Dauphinois ist die in Entenfett gebackene aromatische Variante des klassischen französischen Kartoffelgratins, nix mit profanen Pell- oder Salzkartoffeln. Überall sind auch frischer Fisch, Königskrabben und Jersey-Austern im Angebot.



Le Petit Train fährt auf einer ehemaligen Eisenbahntrasse von St Helier nach St Aubin (li), Ehemaliges Bahnhofsgebäude in St Aubin (Mitte), Liberation Square in St Helier mit Freiheitsdenkmal (re)
Heritage Pass für Touristen
Allen Besuchern, die sich auf Jersey nicht allein den Badefreuden an vielfältigen Stränden widmen wollen, bietet die Insel einige sehr attraktive Sehenswürdigkeiten. Dazu haben die Insulaner ihren Gästen einen Heritage Pass für 7 Tage eingerichtet. Damit können die Touristen mit ihren Familien die wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Jersey Kulturerbes zu vergünstigten Preisen besuchen.Ein gut organisiertes Busnetz lässt alle Ziele bequem erreichen, über Google-Maps sind die Busstationen und Abfahrtszeiten bequem abrufbar.Insgesamt gibt es auf Jersey 13 offiziell markierte Fahrrad-Routen mit einer Gesamtlänge von rund 131 Kilometern, die an Klippen, Sandstränden und historischen Burgen wie dem MontOrgueil Castle vorbeiführen.
Insel mit ländlicher Atmosphäre
Ein guter Einstieg zur Nutzung des Kultur-Passes ist – nicht nur bei Regenwetter – das modern eingerichtete historische Jersey Museum in St Helier in einem viktorianischen Haus gleich am Hauptplatz, dem Liberation Square.
Es präsentiert die Naturgeschichte wie auch die Geschichte der Insel von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Hier erfährt der erstaunte Besucher, dass die ersten Vorfahren des Menschen hier schon vor 250.000 Jahren siedelten: Die Neandertaler haben hier ihre Spuren als Jäger hinterlassen, wie ein Berg von Mammutknochen im Museum belegt. Erst nach der letzten Eiszeit sorgte das Welt-Klima vor etwa 6000 Jahren dafür, dass Jersey vom kontinentalen Festland getrennt und zu einer Insel wurde.
Abseits der quirligen Hauptstadt St Helier erlebt der Jersey-Urlauber eine idyllische, fast mediterrane Dorfromantik mit sanften Hügeln, viel Grün und historischen Farmen mit alten Bauernhäusern aus rosafarbenem Jersey-Granit und blühenden Gärten.
Schiffs-Fähren auf vier Rädern

Ganz oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten der Insel steht das Elizabeth Castle. Die im 16. Jahrhundert erbaute Inselfestung liegt eine halbe Meile von der Küste von Jersey entfernt im Meer und ist bei Ebbe durch einen schmalen Damm mit dem Land verbunden. Das Elizabeth Castle sollte die Küstenstadt St Helier insbesondere vor Angriffen der Franzosen beschützen und einen sicheren Ankerplatz für Handelsschiffe bieten.

Die Besucher erreichen die Meeres-Festung heute mit einer besonderen Fähre: Sie hat Räder wie ein Bus und ist bei Flut ein Schiff, das am Strand der Festung anlangt und dann auf den Rädern noch ein paar Meter auf einem Damm zur Eingangspforte der Festung hinauffährt. Und bei Ebbe legt die Fähre die ganze Strecke auf dem Meeresboden auf Rädern zurück – was durchaus holpriger ist als die Bootstour. Ein Hinweisschild klärt die Gäste auf, dass sie bei Ebbe die Strecke zur oder von der Burg auch zu Fuß zurücklegen dürfen.

Das älteste Gebäude auf der Gezeiteninsel ist eine Einsiedlerei, in der der später heiliggesprochene Saint Helier – der Namenspatron von Jerseys Hauptstadt – vermutlich um das Jahr 550 n. Chr. gelebt haben soll. Der Legende nach starb er im Jahr 555 am 16. Juli den Märtyrertod. Bis heute pilgern aus diesem Anlass jeden Juli Hunderte Gläubige zum Elizabeth Castle.
Der Gezeiten-Leuchtturm La Corbière

Eine weitere Sehenswürdigkeit auf Jersey ist der Leuchtturm La Corbière an der südwestlichen Spitze der Insel in der Gemeinde Saint Brelade. Sein Standort ist ebenfalls eine kleine Gezeiteninsel, die bei Ebbe über einen Damm zu Fuß erreichbar ist. Für den Besucher ist es einfach faszinierend, wenn er in wenigen Stunden erleben kann, wie der Leuchtturm vom Meereswasser umschlossen ist und dann bei Ebbe sich ein breiter Fußweg mit Betonplatten eröffnet.
Wer Jersey besucht, wird überall an die historisch prägende „Dunkle Zeit“ – wie sie die Bewohner Jerseys nennen – erinnert: Jersey war mit den anderen Kanalinseln von 1940 bis 1945 von der deutschen Wehrmacht besetzt.



Auf Schritt und Tritt findet man heute noch die Befestigungsanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, Bunker, Tunnel, Geschützstände und Artilleriebatterien des deutschen Atlantikwalls.
Auch am Leuchtturm La Corbière steht ein weithin sichtbarer sechsstöckiger ehemaliger deutscher Marinebeobachtungs- und Entfernungsmessturm aus dem Zweiten Weltkrieg, der heute zu einer einzigartigen Ferienunterkunft von „Jersey Heritage“ umgebaut wurde.
Kultstätte aus der Jungsteinzeit

Schließlich kann der Tourist mit seinem Heritage Pass beim Besuch des Kultzentrums La Hougue Bie bei Grouville ganz tief in die Geschichte der Insel zurückblicken. Hier befindet sich eines der größten und besterhaltenen Ganggräber in Europa. Die jungsteinzeitliche Kultstätte entstand vor rund 6.000 Jahren – noch vor den Pyramiden – und zählt zu den zehn ältesten Bauwerken der Welt – wie Archäologen versichern. Vor 100 Jahren wurde das Ganggrab wiederentdeckt und freigelegt.
Zu den attraktivsten Küstenstreifen auf Jersey zum Baden im Meer gehört zweifellos der lange Strand von der St Brelade‘s Bay im Südwesten der Insel. Hier haben Groß und Klein Gelegenheit, im flach abfallenden Meer zu plantschen und zu schwimmen. Das Wasser hat etwa 20 Grad, allerdings sorgt der Wind für kleine Wellen. Palmen und Blumenrabatten schaffen Mittelmeer-Flair.
Die Strandwege, die unzähligen Cafés an der Promenade und der Sandstrand selbst sind gepflegt und sauber einschließlich der öffentlichen kostenlosen Toiletten überall. Hier ist die Urlaubswelt zum Erholen und Entspannen noch in Ordnung.
Fotos: Roland Keusch
Quelle:https://www.keusch-reisezeiten.de