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Entfesseltes Musiktheater – „Belshazzar“ in der Komischen Oper

VonRedaktion

Apr. 9, 2026

Soraya Mafi als Nictoris und Robert Murray als Belsazar.

Regierende Rüpel sind wieder in Mode und an der Macht. Dieser Typus Mann räumt auf, stürzt um, greift durch, nimmt aus; und er fühlt sich dabei toll, jung und destruktiv. Auch Belsazar, König von Babylon, war ein Rüpel, ein Monsterregent in biblischen Zeiten…

Im Rausch eines höfischen Festes verhöhnt König Belsazar den jüdischen Gott: »Ich bin der König von Babylon!« Gegen Mitternacht flammt an der Wand eine rätselhafte Schrift auf, das sprichwörtliche Menetekel. Niemand kann die Zeichen deuten. Die kluge Königinmutter will den Propheten Daniel befragen, der das Ende des Reiches vorhersagt.

Das Oratorium endet wie prophezeit – mit dem Tod des Rüpel-Königs und der beglückenden Befreiung des babylonischen und jüdischen Volkes aus dessen Herrschaft.

Soraya Mafi und Ray Chenez (re)

Vom Komponisten als Oper geplant, musste das Werk schließlich Oratorium genannt werden, da laut einem englischen Gesetz im 18.Jahrhundert, biblische Stoffe nicht im Musiktheater verwendet werden durften. So hat dieses „Oratorium“ nicht nur einen äußerst theatralischen Kern, sondern sogar konkrete szenische Anweisungen in der Partitur, was eine bildhafte Inszenierung nahelegt.

Und so findet Herbert Fritsch in diesem Stoff ein ideales Material. Für ihn kennt die Geschichte kein eindeutiges Gut oder Böse. Sie erzählt von Figuren, deren Handeln aus ihren Lebensumständen erwächst und die ihren Platz in einem Geflecht aus politischen und familiären Spannungen suchen.

Susan Zarrabi (mitte) als Cyrus

Die legendäre Geschichte von König Belsazar wird bei Fritsch aus dem oratorienhaften Habitus in einen wilden Tanz überführt. Sein entfesseltes Theater jagt die Figuren in diverse Wechselbäder der Gefühle: Stolz und Freude, Liebe und Hass, Hoffnung und Hybris, Horror und Panik. All diese Affekt-Räume sind in Händels Musik zu hören. Aus den der barocken Komposition filtert Fritsch die Motive für sein horrendes Körperspiel. »Alles muss haarscharf in eine tobende Ordnung gebracht werden.« Dieses Motto von Antonin Artaud (1896 bis 1948) – einem französischen Theater-Theoretiker, der als einer der Urväter der Performance Kunst gilt – könnte dem Händel-Fritsch-Abend an der Komischen Oper Berlin gut vorstehen. Denn danach soll nicht die literarische Vorlage im Mittelpunkt einer Aufführung stehen, sondern viel mehr ein verstricktes Gesamtwerk aus allen dem Theater zur Verfügung stehenden Gestaltungselementen. Und genau das realisiert Herbert Fritsch in seiner turbulenten Inszenierung.


Das farbenfrohe, lebhafte, also ganz und gar barocke Geschehen spielt sich auf einer bühnenraumfüllenden „Show“-Treppe ab, auf der Solisten und Chor in permanenter Bewegung mit optimalem Körpereinsatz herumturnen und dabei auch noch hinreißend singen.

Eine große Rolle spielt auch die extrem lange goldenen Schleppe, mit der Belsazar (Robert Murray) als Zeichen der Macht auf den Stufen herumstolziert und sich nach allen Regeln der pantomimischen Kunst verheddert. Beeindruckend und glücklicherweise unfallfrei. Nun ja – manchmal vielleicht etwas albern.

Die handelnden Gruppen sind liebevoll karikiert und gut zu unterscheiden: Knallbunt die degenerierten Babylonier, in Mao-Blau die revolutionären Perser, die gefangenen verzagten Juden brillieren in den traditionellen Gewändern der Ultraorthodoxen. Köstlich playboyhaft der jugendliche Prophet Daniel (Ray Chenez) mit eine überdimensionalen wagenradgroßen Pelzmütze. Insbesondere dieser Personengruppe widmete der Komponist die schönsten Chöre – hinreißend gesungen vom Vocalconsort Berlin.

Die eigentlich Hauptfigur ist allerdings nicht der Titelheld, sondern dessen ebenso lebenskluge wie liebenswürdige Mutter Nitocris. Beeindruckend virtuos dargestellt und gesungen von Soraya Mafi.

Auch Händel-Spezialist George Petrou kehrt nach »MESSIAS« an die Komische Oper Berlin zurück, um die komplexen Nuancen dieses barocken Oratoriums kontrastreich zu entfalten und einmal mehr deutlich zu machen, dass Händel in seiner Zeit mit seinen Werken weltweit überaus populär war, um nicht zu sagen: Ein Superstar. Belshazzar als farbenprächtiges, höchst vergnügliches Musical des 17.Jahrhunderts. Herbert Fritsch macht´s möglich. Hallelujah!

Belshazzar

von Georg Friedrich Händel, Oratorium in drei Akten [1745]

Weitere Vorstellungen am 19., 25. April, 1. Mai, letzte Vorstellung in dieser Spielzeit am 8. Mai

Wegen der Sanierung des Stammhauses in der Behrenstraße findet die Vorstellung im Schillertheater statt.

Komische Oper Berlin @Schillertheater , Bismarckstraße 110
10625 Berlin

www.komische-oper-berlin.de

Fotos: Ingrid Müller-Mertens/Berliner Umschau

Von Redaktion

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