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Neues Lebensgefühl: Fahrradplakate aus der „Belle Époche“

VonRedaktion

Mai 6, 2024

Eines von über 40 großformatigen historischen Plakaten in der Sonder-Ausstellung Fahrradplakate aus der „Belle Époche“. im Deutschen Technikmuseum. Lithographie von Pol Laforet, Paris ca. 1912. Quelle: SDTB, Historisches Archiv

Frei, unabhängig und modern: Dieses Lebensgefühl versprach das Fahrrad in Frankreich um 1900. Eine Ausstellung im Deutschen Technikmuseum erzählt von einer Zeit, in der das Fahrrad als modernes Verkehrsmittel Furore machte und das Plakat als neues Werbemedium seinen Siegeszug an Häuserwänden und auf Litfaßsäulen antrat. Heute vermitteln uns die authentichen Werbemittel einen überraschenden Einblick in die gesellschaftlichen Ideale und Weltbilder um 1900, zeigen uns ein zeittypisches Spektrum von Geschlechterrollen, Technik und Kultur und faszinieren bis heute mit ihrer Kreativität und Aussagekraft.

Von links: Lithographie von Maurice Marodon, Paris ca. 1900 / Lithographie von Francisco Nicolas Tamagno, Paris ca. 1895/ Lithographie von Ferdinand Mifliez, Paris 1895. Quelle: SDTB, Historisches Archiv,

.Jedes Plakat eigentlich ein grafisches Kunstwerk, das uns auch nach über hundert Jahren sehr eindrucksvoll das Kolorit und Lebensgefühl dieser Zeit nahe bringt. Die heute als Belle Époque . also „schöne Epoche“ bezeichnete Zeit zwischen der Wende zum 20.Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs hatte ihr künstlerisches Zentrum vor allem in Frankreich. Paris gab den Ton an in der Kultur, Kunst, Mode, Architektur oder Literatur. Aber auch bei bahnbrechenden technischen Erfindungen wie dem Automobil, Telefon oder Kino. und einschneidenden sozialen Veränderungen. So wurde es beispielsweise „en vogue“ das Fahrrad als relativ neues Fortbewegungsmittel zu benutzen. Ein lukrativer Markt für die Hersteller. Für das Marketing bot sich da vor allem ein kommerziell gerade sehr effektives Medium an: Das Plakat.

Zwischen Plakatsucht und Fahrradwahn

Um 1890 änderte sich das Stadtbild europäischer Metropolen. Vormals graue Fassaden wurden plötzlich von großformatigen, farbenprächtigen Plakaten eingenommen. Nicht wenige Menschen sahen darin eine Verunstaltung und sprachen von „Plakatpest“. Andere feierten die Wandkunst als Ausdruck einer neuen, modernen Zeit. Ausgehend von Paris kam es zu einem regelrechten Hype, der bald als „Affichomanie“, „Postermania“ oder „Plakatsucht“ bezeichnet wurde.

Lithographie von Manuel Robbe, Paris ca. 1897
Quelle: SDTB, Historisches Archiv

Zur gleichen Zeit gelang einer weiteren technischen Entwicklung der Durchbruch: dem Fahrrad. Es versprach individuelle Mobilität und beflügelte so den Drang nach Freiheit. Speziell für Frauen war es ein Vehikel der Emanzipation. Daher stehen auch vor allem Frauen Plakaten der „Belle Époque“ als Werbebotschafterinnen im Mittelpunkt – und das auf ganz unterschiedliche Weise. Dadurch wurde das Zweirad in konservativen Kreisen ähnlich umstritten wie das Plakat.

Trotzdem begann es die Welt zu revolutionieren und führte zum „Fahrradwahn“ oder „Bicycle Craze“. Das Plakat erwies sich dabei als idealer Werbeträger. Bis 1900 wurden für das Fahrrad mehr Plakate produziert als für jedes andere Produkt.

Was ist wichtiger: Atmosphäre oder Technik?

Die Fahrradplakate weisen eine enorme Vielfalt auf. Motive im floralen Jugendstil, mythologische Darstellungen oder idyllische Landschaftsszenerien – es ging um die Atmosphäre, nicht um die Maschine. So ist das Fahrrad als technischer Gegenstand oft nur zum Teil oder ungenau dargestellt. Erst als nach 1910 das Fahrrad eine wesentlich höhere Verbreitung erreichte, ging die Reklame dazu über, technische Merkmale exakt darzustellen.

Von links:Lithographie von A. Bonnard, Paris ca. 1890/Lithographie, Paris 1895 / Lithographie von Walter Thor, Paris 1906. Quelle: SDTB, Historisches Archiv

Bereits kurz nach ihrer Entstehung wurden die Plakate zu begehrten Sammelobjekten. Man bestaunte die „Explosion der Farben“ und die „Galerie der Straße“. Leidenschaftliche Sammlerinnen und Sammler bestachen Plakatkleber, lösten die „Affichen“ mühevoll von den Hauswänden ab oder kauften bei Händlern wie Edmond Sagot, der nicht weniger als 2.200 Exemplare in seinem Katalog verzeichnete.

Die Frau als Plakatmotiv und potenzielle Kundin

Auffällig ist, wie viele Frauen auf den Plakaten abgebildet sind. Frauenfiguren waren in französischen Plakaten der Jahrhundertwende allgegenwärtig – auch in der Fahrradwerbung. Dabei galt Radfahren um 1900 für Frauen noch als unschicklich: Körperliche Anstrengung und das Tragen praktischer Hosen seien mit weiblicher Anmut unvereinbar. Mit adretten „Werbedamen“ oder betont weiblich dargestellten mythologischen Figuren sollten Fahrradplakate derartigen Vorurteilen entgegenwirken. Die jugendlich-attraktiven Figuren dienten nicht nur dem männlichen Publikum als Blickfang; weibliche Betrachterinnen sollten sich mit ihnen identifizieren. Besonderer Beliebtheit erfreute sich dabei der Stereotyp der „Parisienne“: Die stets modisch gekleidete Pariserin versinnbildlichte den überlegenen Geschmack der französischen Metropole. Sie erschien als stilsichere und selbstbewusste Trendsetterin, die selbst in flotter Fahrt nichts von ihrer Eleganz einbüßt.

Die Sammlung

Das Deutsche Technikmuseum zeigt in der Sonderausstellung „Freiheit auf zwei Rädern“ über 40 großformatige historische Plakate aus der eigenen Sammlung und bildet damit den Auftakt zum Themenschwerpunkt „Fahrrad“ in diesem Jahr. Neben einem Fahrrad-Spezial am eintrittsfreien Museumssonntag am 2. Juni ist ein weiterer Höhepunkt die Eröffnung der großen Sonderausstellung „Rückenwind. Mehr Stadt fürs Rad!“ Ende November im Ausstellungsbereich Ladestraße.

Fahrradplakate aus der „Belle Époche“. Plakat-Sonderausstellung im Deutschen Technikmuseum

www.technikmuseum.berlin

Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin | Tel +49 (0)30/90 254 -0

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