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„MAURIZIO CATTELAN. NIGHT“

VonRedaktion

Sep. 27, 2026

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026 © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Mit NIGHT präsentiert die Neue Nationalgalerie die erste große Einzelausstellung des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan in Deutschland.

Maurizio Cattelan zur Ausstellungseröffnung, 2026
© Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / Ivan Erofeev

Seit mehr als drei Jahrzehnten zählt Maurizio Cattelan (geb. 1960 in Padua, Italien) zu den prägenden Stimmen der internationalen Gegenwartskunst und hat ein Werk aus Skulpturen, Installationen und konzeptuellen Interventionen entwickelt, das sich mit Autorität, kollektivem Gedächtnis und gesellschaftlicher Macht auseinandersetzt. Seine Arbeiten werden weltweit gezeigt, NIGHT markiert seine Rückkehr nach Berlin, zwanzig Jahre nachdem er 2006 die 4. Berlin Biennale mitkuratiert hatte.

Der Preis der Nationalgalerie, im Jahr 2000 von den FREUNDEN der Nationalgalerie initiiert, hat sich in den vergangenen 25 Jahren als eine der bedeutendsten Auszeichnungen für zeitgenössische Kunst etabliert. Die Ausstellung im Rahmen des Preises der Nationalgalerie 2026 vereint Schlüsselwerke mit neuen Arbeiten und verhandelt zentrale Motive in Cattelans Schaffen: die Grenze zwischen Unschuld und Gewalt, die Konstruktion von Identität und die fortwährende Präsenz historischer Erinnerung.

Konzipiert für Mies van der Rohes Glashalle, vereint die Ausstellung zentrale historische Werke mit mehreren Neuproduktionen und verleiht dem Museum vorübergehend den räumlichen Charakter einer Kirche: ein Raum des Zusammenkommens, der Erhebung und der Reflexion.

NIGHT kreist um die Themen Geschichte, Macht, Gedenken, Identität und Glauben. Vertraute Bilder und Figuren werden so subtil verändert, dass ihre Bedeutung unsicher wird und zwischen Ironie und Mehrdeutigkeit oszilliert. Zugleich treten die Werke in einen direkten Dialog mit der Architektur der Neuen Nationalgalerie. Das Gebäude ist nicht nur Hülle, sondern selbst Teil der Ausstellung.

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026
© Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Der Titel NIGHT beschreibt einen Zustand veränderter Wahrnehmung. „Die Nacht ist nicht einfach die Abwesenheit von Licht. Sie ist ein Zustand“, sagt Maurizio Cattelan. „Die Nacht setzt Gewissheiten außer Kraft. Die Dinge verschwinden nicht zwangsläufig – sie werden lediglich schwerer zu fassen. Die Ausstellung handelt nicht von Dunkelheit, sondern von der Fragilität von Gewissheiten. Zugleich ist die Nacht immer nur vorübergehend. Sie trägt stets die Möglichkeit des Morgens in sich, auch wenn dieser noch nicht sichtbar ist.“

Den Auftakt bildet Purgatory (2026), dass das Brandenburger Tor im verkleinerten Maßstab in das Innere des Museums versetzt. Aus seinem städtischen Kontext gelöst, erscheint das bekannte Denkmal als Ort des Übergangs, des Innehaltens und historischer Ambivalenzen.

Die Anordnung der Werke verleiht der Glashalle vorübergehend den räumlichen Charakter einer Kirche. „Eine Kirche ist eine wunderbare Erfindung, weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht“, sagt Maurizio Cattelan. „Die Neue Nationalgalerie hat bereits etwas Ritualhaftes: ihre Größe, ihre Symmetrie, ihre Stille und ihre Distanz zum Alltag. Mich hat interessiert, diese Qualität ernst zu nehmen, ohne sie religiös werden zu lassen. Ich habe mir den Raum fast wie eine zeitgenössische Kirche vorgestellt: mit einem zentralen Kirchenschiff, Seitenschiffen und einer Abfolge von Präsenzen.“

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026
© Neue Nationalgalerie / David von Becker

Zu den zentralen Werken von NIGHT gehört Him (2001). Von hinten erscheint die kleine Skulptur zunächst als kniendes Kind mit zum Gebet gefalteten Händen. Erst beim Umschreiten wird erkennbar, dass die Figur Adolf Hitler darstellt. Cattelan entzieht Hitler die bekannten visuellen Zeichen von Macht und Ideologie. An die Stelle des Diktators in Uniform tritt eine kniende Figur. In Berlin erhält das Werk eine zusätzliche Bedeutungsebene. Die Haltung kann auch an Willy Brandts Kniefall in Warschau 1970 erinnern. Das Werk legt jedoch keine eindeutige Interpretation nahe. Die Bedeutung der Geste bleibt offen.

Eine Gruppe von Marmorarbeiten greift die Tradition italienischer Bildhauerei auf. All (2007) besteht aus neun lebensgroßen, verhüllten Körpern aus Carrara-Marmor, die nebeneinander auf dem Boden liegen. Die Körper sind sichtbar, ihre Identität bleibt verborgen. So entsteht ein horizontales Monument des Todes, das weder einzelne Personen noch eine Hierarchie erkennen lässt.

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026
© Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Pentecost (2002) zeigt einen präparierten Esel vor einem schwer beladenen Holzkarren. Die ungleich verteilte Last hebt den Körper des Tieres an. Das gesamte Gefüge steht kurz vor dem Zusammenbruch. Das Werk verbindet Arbeit, Ausdauer und Überforderung. Der Titel verweist zugleich auf Pfingsten und damit auf ein christliches Fest der Verwandlung.

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT, Ausstellungsansichten, Neue Nationalgalerie, 2026, © Neue Nationalgalerie David von Becker

In Novecento (1997) hängt ein lebensgroßes präpariertes Pferd von der Decke. Das Pferd als traditionelles Symbol von Kraft, Freiheit und militärischer Macht wird in sein Gegenteil verkehrt.

NIGHT kehrt wiederholt zu Selbstporträts und Scheitern zurück. We (2010) zeigt zwei nahezu identische Figuren Cattelans, die nebeneinander auf einem Bett liegen. Das Selbstporträt wird verdoppelt und bewegt sich zwischen Nähe und Entfremdung.

Die Ausstellung setzt sich außerhalb der Glashalle fort. Auf dem Dach befindet sich Never (2003). Die animatronische Figur basiert auf dem Protagonisten aus Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“ (1959). Sein Trommeln wird zum Akt des Widerstands und zur Warnung vor politischer Gewalt und kollektivem Gedächtnisverlust. In unregelmäßigen Abständen schlägt die Figur ihre Trommel. Der Rhythmus bewegt sich zwischen Parade, Alarm, Trauermarsch und Zirkusattraktion.

MAURIZIO CATTELAN. NIGHT

Preis der Nationalgalerie 2026

Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin

10. September 2026 – 7. März 2027

Eine Sonderausstellung der Neuen Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ermöglicht von den FREUNDEN der Nationalgalerie

Von Redaktion

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