Von Margrit Manz
Dresden hat sich so oft neu erfinden müssen, dass es an ein Wunder grenzt. Doch es hält die Stadt in Bewegung und Bewegung hält jung. Wenn das Motto unserer Reise „Dresden neu erleben“ heißt, beweist sich die Stadt wieder einmal mit altem Charme und frischen Ideen.
Einst galt Dresden als eine bedeutende Kunst- und Kulturstadt und ist drauf und daran, dieses Gütesiegel wiederzuerlangen. Außerdem war die Stadt während vieler Jahrzehnte ein beachtetes Zentrum für Industrie, in deren Werkhallen und Laboren Erfindungen kreiert wurden, die überregional Aufmerksamkeit erlangten. In der Stadtgeschichte Dresdens sind die Erfolge u.a. von Maschinenbau und Feinmechanik vermerkt, die perfekte Voraussetzungen geschaffen haben, dass Wissenschaft, Handwerk und Unternehmertum gelernt haben, Hand in Hand zu gehen, was ihnen natürlich heute zugutekommt.

Die meisten Großstädte haben sich, nicht nur nach 1945, immer wieder neu erfinden müssen. Die ursprünglichen Stadtstrukturen früherer Epochen sind oft nur noch fragmentarisch erhalten geblieben. In Dresden hatten aus der Zeit der Gotik oder Renaissance nur wenige Gebäude überdauert, einige barocke Monumentalbauten, sowie Fassaden am Neumarkt, die nach und nach mit architektonischer Könnerschaft und Blick auf das gesamte Stadtbild rekonstruiert wurden. Dresden fühlt sich bis heute seinem Mythos verpflichtet und möchte die jährlichen 10 Millionen Stadtbesucher „auf ihrer Suche […] nach der barocken Stadt Canalettos“ nach aller Kunst verwöhnen. (Reiseführer Marco Polo)
Sah das Dresden des Grafen Brühl in der Tat so aus wie von Canaletto dargestellt? Und war die Hauptstadt der deutschen Romantik wirklich der Sehnsuchtsort von Malern, Dichtern und Musikern? Der Spazierweg an der „Brühlschen Terrasse“ entlang, die Stadtkulisse „Elbflorenz“, oder die „Sächsische Schweiz“ mit ihren bizarren Felsformen des Elbsandsteingebirges zeugen jedenfalls davon.
„Dresden – hier wurde die Schönheit erfunden“,
sagte der Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann 1755

Fürstenzug 35 Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige der Wettiner sind auf dem 102 Meter langen Bild zu sehen. Gefertigt aus 23.000 Fliesen aus Meißner Porzellan, ist es das größte Porzellanbild der Welt.
Dresden ist die schönste Stadt Deutschlands
Das sagen zumindest die Umfragen. In den Notizen des italienischen Romanciers Umberto Eco heißt es: „Die Dresdner fragen einen gar nicht, ob einem die Stadt gefällt. Sie sagen es einem.“ Bei den Einheimischen ist die Sache also klar: Die Stadt gefällt und fertig.

Die Silhouette der Stadt gilt als mediale Ikone, aus der die prächtige Frauenkirche herausragt, die mit internationalen Spendengeldern wiederaufgebaut wurde und ein Symbol für Versöhnung und Wiederaufbau ist. Schön ist natürlich auch die klassizistische Semperoper, aber die Dresdener wollen die Schönheit ihrer Stadt nicht nur an der Zahl der Baudenkmäler bemessen.
Nichts existiert ohne Gegenteil
In Dresden begegnen uns auch kühle Funktionsbauten aus der Nachkriegszeit. Sie zeugen von der wechselvollen Geschichte und tragen zum Charakter dieser Stadt bei. Sie ist halt kein flächendeckendes Kunstwerk, sondern sollte in ihren städtischen Räumen möglichst viele Interessen berücksichtigen. Auf der einen Seite gibt’s die wunderschönen Villenviertel in Blasewitz und am Weißen Hirsch, auf der anderen die sogenannte „Ost-Moderne“. Und jede Seite hat ihre Fangemeinde, denn die Dresdener mögen die richtige Balance zwischen Ordnung und Abwechslung.
Marktforscher haben die Besucher der Stadt gefragt, wie viel „Schönheit“ oder „Flair“ sie einer Stadt zuschreiben. Dresden hat es auf einer Skala von 1 bis 10 auf Platz eins unter Deutschlands schönsten Städten geschafft. So gesehen, hat sich Umberto Eco getäuscht, nicht nur die Dresdener behaupten, dass die Stadt gefällt, die Besucher stimmen seit vielen Jahrhunderten und bis heute mit den Füßen ab.
„Und Köpfe sind das Entscheidende.“
So sieht es Prof. Peter Fulde, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts. Dresden versammelt helle Geister wie kein anderer Ort in Deutschland: Elf Einrichtungen der Fraunhofer-Gesellschaft, fünf Leibniz-Institute, drei Max-Planck-Institute, ein Zentrum der Deutschen Forschungsgemeinschaft und sieben Hochschulen. An der technischen Universität (TU) arbeiten einige Tausend Forscher. Und sind erstmal genug kluge Köpfe versammelt, ziehen sie weitere kluge Köpfe nach sich. Dieses Konzept funktioniert bis heute.
Denn gerade baut der taiwanesische Halbleiter- Konzern TSMC vor den Toren der sächsischen Landeshauptstadt eine gigantische Produktionsstätte, die mit dem derzeitigen Chip-Boom eine Art Zukunftsversprechen ist. Bis 2030 rechnet die Stadt mit zehntausend neuen Bewohnern. Das bedeutet den Bau neuer Wohnsiedlungen, sowie Kitas und Schulen. Während die Chipproduktion ins Laufen kommt, wird Dresden auch die Infrastruktur modernisieren müssen. Was anderswo Silicon Valley heißt, wird hier das Silicon Saxony werden.
Innovation aus Tradition, heißt es. Damit kann Sachsen punkten. Die Wirtschaft hat seit dem Jahr 2000 um über 30 Prozent zugelegt und verzeichnet damit eine der höchsten BIP-Wachstumsraten aller Bundesländer.
Senkrechtstarter Hotel Am Terrassenufer

Das Hotel Am Terrassenufer befindet sich direkt an der Elbe in unmittelbarer Nähe zur Brühlschen Terrasse, deren Ursprung ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Seine fußgängerfreundliche Lage bietet allen Stadtflaneuren einen idealen Ausgangspunkt für eine mannigfaltige historisch-interessierte Rundumschau auf die Stadtlandschaft. Die großen Fenster bieten ein unvergleichliches Panorama über die Innere Altstadt von Dresden, die Elbe, die bekannte Frauenkirche, das Residenzschloss, die Schiffe der Weißen Flotte und den Brühlschen Garten. In 15 Minuten ist die historische Altstadt von Dresden zu erreichen, dabei sind Highlights wie Frauenkirche, Zwinger und Semperoper zu besichtigen und Qual der Wahl, beim abendlichen Bummel viele Gourmettempel auszuprobieren.
190 Jahre mit Schaumkronen – Wackerbarth und seine Perlenbläschen
Im Jahr 1836 beschlossen drei Weingutsbesitzer in Radebeul, eine der ältesten Sektmanufakturen Europas, die spätere Sektkellerei Bussard, zu gründen. Der Sektexperte Johann Joseph Mouzon aus Reims wurde der erste Kellermeister und führte die Kunst der klassischen Flaschengärung aus seiner französischen Heimat ins Elbtal ein. Die große Tradition aus dem Hause Bussard wird heute erfolgreich fortgesetzt. Schloss Wackerbarth gehört zur unangefochtenen Sektspitze Deutschlands. 2026 feiert Wackerbarth 190 Jahren Sekttradition.

Schloss Wackerbart, Pressefoto Copyright: Heinz-Dieter Schulz
190 Jahre Sächsische Dampfschifffahrt
Neun original erhaltene Schaufelraddampfer und zwei moderne Salondampfer nennt die Weisse Flotte der Sächsischen Dampfschifffahrt ihr Eigen und gehört damit zu den ältesten und größten Raddampferflotten der Welt. Das 190-jährige Jubiläum wird dieses Jahr mit dem Event-Highlight „Elbzauber“ gefeiert, das Musik, Lichtkunst und Geschichte verbindet. Bei einer Jubiläumsparade im Herbst werden alle elf Schiffe gemeinsam die Elbe befahren.

Der Personendampfer „Stadt Wehlen“ ist mit seiner originalen Dampfmaschine der älteste Schaufelraddampfer der Schiffsflotte. 1879 erbaut, hat er in seiner wechselvollen Geschichte, nicht nur mehrfach seinen Namen gewechselt, sondern auch verschiedene Umbauten und Verbesserungen über sich ergehen lassen müssen. 1993 erfolgte eine historische Rekonstruktion des Schiffes und einiges aus DDR-Zeiten wurde zurückgebaut. Zur Flottenparade am 1. Mai 1994 kam das Schiff wieder zum Einsatz. 2020 versagte jedoch die historische Dampfpfeife und gab keinen Ton mehr von sich. Es dauerte ein Jahr bis das Pfeifen wieder im Elbtal zu hören war. Dass die alten Dampfer alle 2 Jahre zum TÜV müssen, versteht sich von selbst.
Das Niedrigwasser der Elbe stellt für die Schifffahrt ein Problem dar. In einem Abkommen hat sich der Nachbar Tschechien verpflichtet, seine Wasserspeicher regelmäßig für die Elbe zu öffnen. „Die Strömung des Flusses erschwert den Einsatz von Solartechnik. Der Akku des Schiffes wäre nach drei Stunden leer, denn Dampfmaschinen brauchen zu viel Strom“, .erklärt Marketingmanager Christoph Springer. „Der Einsturz der Carolabrücke hat über 2 Millionen Umsatzeinbruch gebracht. Wir müssen jetzt ganz schön rudern“, versichert er.
Schaumkronen aus Sandstein

Eines der bedeutendsten barocken Wahrzeichen der Stadt ist der Neptunbrunnen im Stadtteil Friedrichstadt gegenüber dem gleichnamigen Krankenhaus. Mit seinen 280 Jahren kann er die Jubiläen noch einmal toppen. Die Jahrhundertereignisse überstand der Brunnen fast unversehrt. Was dem Bau zu schaffen machte, war die Witterung. Der Sandstein begann zu bröckeln, Stücke der Figuren und des Bassins platzten ab. Der Verein der Freunde des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt e. V. setzte sich für die Rettung des Brunnens ein und schaffte es, dass er umfassend restauriert und die Technik erneuert wurde. Doch dieses Kunstwerk von europäischem Rang wird von den Besuchern wenig beachtet. Die meisten verlassen die Stadt, ohne die berühmte Anlage gesehen zu haben.
Schlösser ohne Herrscher
Lingnerschloss
Eberhard Müller, Vorsitzender des Fördervereins Lingnerschloss e.V. berichtet von den wechselnden Schlossherren, vom 2. Weltkrieg, der das Gebäude fast unversehrt hinterließ und von der Nutzung in DDR-Zeiten durch renommierte Dresdener Persönlichkeiten. Nach der Wende stand das Schloss fast 10 Jahre leer. 2002 wurde der gemeinnützigen Förderverein Lingnerschloss e. V. gegründet, der sich unter dem Motto „Bürger engagieren sich für ihre Stadt“ mit seinen Mitgliedern und ehrenamtlichen Helfern für die Sanierung und Erhaltung des Schlossgebäudes engagierte. Mit dem Anspruch es als lebendiges Denkmal einer zeitgemäßen Nutzung zuzuführen, gelang es, das ehemalige Lingnersche Speisezimmer zu rekonstruieren. Einst befand sich dort an der hellen Jugendstildecke eine Gipskopie des Reliefs der berühmten Sängerkanzlei von Lucca dela Robbia aus Florenz, die 1908 vom damaligen Besitzer Lingner angebracht wurde. Für jede der einzelnen Reliefplatten hatte der Förderverein erfolgreich „Paten“ gesucht, die 500 Euro für eine Einzelplatte am Wandfries gespendet haben.
Residenzschloss

Einst Machtzentrum der sächsischen Könige wurde das Residenzschloss 1945 bei dem Bombardement Dresdens fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau begann 1986 und beherbergt heute u.a. das Grüne Gewölbe und die Rüstkammer.



Wo Gastronomie zum Erlebnis und Essen zur Emotion wird
„Weine mit Weitblick“ in der Straußenwirtschaft: Der Winzer Lutz Müller hat seinen Namen mit Dresdner Weinen der exklusiven Lagen „Dresdner Elbhänge“ und „Pillnitzer königlicher Weinberg“ gemacht. 1995 hat er mit einer kleinen Parzelle am Lingnerschloss begonnen und 3 Jahre später am Albrechtsberg und in Pillnitz weitere Flächen erschlossen. Heute bewirtschaftet er 3,5 ha Weinberg mit klassischen Rebsorten. Der Schwerpunkt liegt auf den weißen Rebsorten Müller Thurgau, Weißer Burgunder und Riesling. Aber es lassen sich auch Traminer, Kerner, Grauer Burgunder, Scheurebe, Domina und Spätburgunder finden.

Kulturwirtschaft im Kraftwerk Mitte: Einen kulinarisch würdigen Abschluss einer Dresden-Reise kann man im Restaurant „Kulturwirtschaft“ erleben, wo sich meist Künstler, Schauspieler und Theaterbesucher einfinden. Hier herrscht eine interessante Mischung aus schlichter Industriekultur und opulentem Barock, wozu auch goldene Kronleuchter und ausladende Deckenlüster gehören, die um 1830 entworfen wurden, aber auch Tische, Tafeln und Stühle im Industriedesign. Großformatige Malereien, üppige Blumenbouquets und Pflanzenarrangements vervollständigen das schräge aber durchaus kreative Ambiente.
Oder auch im Restaurant Pattis:
Für Mario Pattis, erster Sternekoch Ostdeutschlands, sind hochwertige regionale Zutaten die Grundlage, mit der er sein Delikatessengeschäft, die Bistroküche und das Fine-Dining-Restaurant verbindet.

Apropos große Brötchen
Wenn sich früh lange Schlangen vor Bäckereien in Dresden bilden, erinnert das an DDR-Zeiten. Doch heute harren die Leute mit Begeisterung für die sogenannten kultigen Doppelsemmeln aus. Die „Ostbrötchen“ werden noch auf der Herdplatte gebacken und nicht in einem Heißluftofen. „Das macht den Unterschied“, weiß Karl von der Bäckerinnung Meißen. „Aber klar ist, dass man ein Original-DDR-Brötchen nicht mehr so genau hinkriegt. Das Mehl ist anders, die Technik ist anders. Das heutige Brötchen ist halt ein Zwischending, nicht mehr so klein wie zu DDR-Zeiten, aber auch nicht aufgeblasen.“ In Dresden werden die Backkunst und ihre Tradition über Generationen hinweg gepflegt. Stollen und Baumkuchen sind überregional berühmt, doch die Dresdener lieben vor allem ihre Eierschecke – eine Art Quarkkuchen mit Eiersahne. „Die Eierschecke ist eine Kuchensorte, die zum Schaden der Menschheit auf dem Rest des Globus unbekannt geblieben ist“, resümierte einst Erich Kästner.
Erich Kästner (1899-1974) war nicht nur ein renommierter Schriftsteller, sondern auch ein Kind der Dresdner Neustadt. Er sagte rückblickend über seine Stadt:
„Dresden war eine wunderbare Stadt, voller Kunst und Geschichte und trotzdem kein von sechshundertfünfzigtausend Dresdnern zufällig bewohntes Museum. Die Vergangenheit und die Gegenwart lebten miteinander im Einklang. Eigentlich müsste es heißen: im Zweiklang. Und mit der Landschaft zusammen, mit der Elbe, den Brücken, den Hügelhängen, den Wäldern und mit den Gebirgen am Horizont, ergab sich sogar ein Dreiklang. Geschichte, Kunst und Natur schwebten über Stadt und Tal, vorn Meißner Dom bis zum Großsedlitzer Schloßpark, wie ein von seiner eignen Harmonie bezauberter Akkord.“
Fotos: Königs-Fotografie Berlin, Klaus Gerhardt, Margrit Manz