„Flieg Taube flieg“ – Geflügelte Pioniere der Luftbild-Fotografie

Im Kreise seiner Familie lässt Julius Neubronner auf einem Feld seine Taube mit umgeschnallter Kamera starten. Um 1910. Bildrechte:
SDTB / Historisches Archiv, Nachlass Julius NeubronnerIm Kreise seiner Familie lässt Julius Neubronner auf einem Feld seine Taube mit umgeschnallter Kamera starten. Um 1910. Bildrechte: SDTB / Historisches Archiv, Nachlass Julius Neubronner

i.4.052_199-01a_brieftaube_mit_kameraIm Zeitalter modernster satellitengestützter Möglichkeiten und Techniken der Luftbildfotografie, ist es durchaus interessant, sich an die Pioniere dieser speziellen Aufnahmetechnik zu erinnern. Es ist gerade mal gut 100 Jahre her, dass erstmals Luftbilder aus der Vogelperspektive entstanden – geliefert im wahrsten Sinne des Wortes von gefiederten „Fotografen“.

Das Deutsche Technikmuseum in Berlin zeigt noch bis 24. Juni 2018 anhand von Fotos und Archivmaterial die bislang wenig bekannte Geschichte der Brieftauben-Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie gilt als wichtiges Vorbild für die heutige Luftbildfotografie. Aus den Beständen des Historischen Archivs der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin werden eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen präsentiert: 20 vergrößerte Reproduktionen und 17 Originalabzüge von Luftaufnahmen, bei denen Brieftauben eingesetzt wurden. Die Fotografien zeigen Häuserdächer, Stadtstraßen, Parks und Landschaften, Schlösser und Eisenbahnbrücken. Sie boten damals einen ganz besonderen Blick aus der Vogelperspektive – und zwar zu einer Zeit, als Google Maps und Drohnenkameras noch in einer weit entfernten Zukunft lagen. Mit einer Collage aus historischen Zeitungsberichten und Werbeanzeigen sowie dem Nachbau einer Brieftaubenkamera widmet sich die Ausstellung auch der damals revolutionären Technik, die hinter dieser Form der Fotografie steht.

Die Entwicklung der Brieftauben-Fotografie durch Julius Neubronner Die Idee, Brieftauben als Träger von Fotoapparaten einzusetzen, geht auf den Apotheker Julius Neubronner (1852-1932) aus dem hessischen Kronberg zurück. Dieser richtete die Vögel zunächst zum Transport von Medizin und Rezepten ab. Als eine seiner Tauben erst nach Wochen von einem Kurierflug zurückkehrte –   dabei aber äußerst wohlgenährt war – rätselte er, wo sich das vermisste Tier in der Zwischenzeit aufgehalten haben könnte. So kam ihm die Idee, zur Überwachung seiner Tauben eine selbstauslösende Miniaturkamera zu entwickeln. Neubronner schnallte die Kamera an seine Tauben und entließ sie in Richtung Taubenschlag. Die Vögel flogen den kürzesten Weg zurück. Während ihres Fluges nahmen die Kameras, je nach Typ, entweder nur ein einziges Foto oder in regelmäßigen Abständen eine Reihe von bis zu zwölf Fotos auf. Im Dezember 1908 wurde Neubronners Patent „Verfahren und Vorrichtung zum Photographieren von Geländeabschnitten aus der Vogelperspektive“ vom Kaiserlichen Patentamt angenommen.

Die von Neubronner entwickelte Taubenkamera kam auf verschiedenen Gebieten zum Einsatz – vor allem in der kriegsrelevanten Aufklärungsfotografie. Aus diesem Grund war auch das Preußische Kriegsministerium sehr an Neubronners Erfindung interessiert. Aufklärungsflugzeuge erwiesen sich im Ersten Weltkrieg jedoch als effektiver für diese Art der Fotografie und so endete noch vor Kriegsschluss 1918 die intensive Zusammenarbeit zwischen Neubronner und dem Militär. Bis in die 1920er Jahre hinein entwickelte Neubronner mit erheblichem finanziellem Aufwand zirka ein Dutzend der 30 bis 75 Gramm schweren Kameramodelle. Der erhoffte kommerzielle Erfolg blieb allerdings aus.

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Auch in seinen Dauerausstellungen widmet sich das Deutsche Technikmuseum der Brieftauben-Fotografie. Die Ausstellung „Das Netz“ in der Ladestraße präsentiert Neubronners erstes Demonstrationsmodell im Größenverhältnis 1:2 eines fahrbaren Brieftaubenschlags mit Dunkelkammer zur Entwicklung von Luftbildfotos im Ersten Weltkrieg. Die Luftfahrt-Ausstellung zeigt im Bereich zum Ersten Weltkrieg die Installation einer Brieftaube mit Kamera. Nach Ende der Sonderausstellung „Die Brieftaube als Fotograf“ wird zudem der dort gezeigte Nachbau der Brieftaubenkamera wieder in der Dauerausstellung zur Fototechnik zu sehen sein. Das Historische Archiv der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin erwarb 1992 den Nachlass von Julius Neubronner. Dieser enthält zahlreiche Unterlagen zu Versuchen und Erfindungen der Brieftauben-Fotografie sowie eine umfangreiche Fotosammlung mit Originalaufnahmen.

Fotos: SDTB / Historisches Archiv, Nachlass Julius Neubronner

Deutsches Technikmuseum

Trebbiner Straße 9 10963 Berlin-Kreuzberg

http://sdtb.de/technikmuseum/startseite

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