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Ein Feuerwerk der Kulinarik

VonRedaktion

Jan 23, 2024
Grüne Woche 2024

Besonders beliebt: Die Blumenhalle auf der Grünen Woche. Foto © Messe Berlin GmbH

Von Ronald Keusch

In diesem Jahr wurde die Messe nicht selten von Demonstrationen und Protesten der Bauern begleitet. Eine Großdemonstration am 15. Januar von zehntausenden Bauern am Brandenburger Tor mit über 5.000 Traktoren erreichte einen bisher einmaligen friedlichen Proteststurm, deutschlandweit sollen 100.000 Traktoren unterwegs gewesen sein. Offizieller Anlass war die von der Regierung geplante Streichung der Steuervergünstigungen beim Agrardiesel und bei der Kraftfahrzeugsteuer, die gerade für kleine und mittlere Betriebe und Höfe zu einer dramatisch ansteigenden Existenznot führen wird. Doch diese Maßnahmen stellen nur die letzten Tropfen dar, die ein Fass jahrelanger ruinöser Landwirtschaftspolitik zum Überlaufen bringen. So wurde beispielsweise der Kampf gegen den angeblich menschengemachten Klimawandel benutzt, um gegen die Bauernhöfe als Produzenten von klimaschädlichen Abgasen und Stickstoff vorzugehen. Gab es 1995 in Deutschland noch ca. 390.000 Landwirtschaftsbetriebe, so waren es 2020 nur noch etwa 240.000.

Durch das Höfesterben verändert sich radikal die Struktur der Landwirtschaftsbetriebe. Hinzu kommt die allseits kritisierte Bürokratie, wobei die Landwirte vor allem fachlich unsinnige Regelungen beklagen, wie eine online-Umfrage von agrarheute.com ergab. Nach zwei Jahren Zwangspause durch Corona-Maßnahmen und im letzten Jahr wieder einem hoffnungsvollen Neustart steht die Grüne Woche 2024 in einem großen politischen Spannungsfeld.

Kanzler Olaf Scholz „schmeckt Zukunft“, zusammen mit Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, und Daniel Schade, Präsident des Verbandes der Köche Deutschland

Ball liegt jetzt im Spielfeld der Regierung

Der neue Geschäftsführer der Messe Berlin GmbH Dr. Mario Tobias erklärte auf der Eröffnungspressekonferenz, dass die Grüne Woche noch nie so eine hohe gesellschaftliche Relevanz gehabt habe. Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, ließ sich dann auf keine Diskussionen ein und wurde noch deutlicher: „Der Ball liegt jetzt im Spielfeld der Regierung“. Aber die Ampelregierung scheint den Ball nicht zu sehen. Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie Christoph Minhoff erinnerte daran, dass die Ernährungsindustrie mit einem Umsatz von 232 Milliarden Euro zu den größten Industrien des Landes gehört. Die Menschen in der Landwirtschaft arbeiten hart, verdienen allen Respekt, aber werden mit dieser Regierungspolitik geradezu auf die Straßen getrieben

Blick in eine Messehalle. Foto:© Messe Berlin GmbH

Dialog braucht Fakten

Der Besucher ist auf der Grünen Messe von Losungen der Nachhaltigkeit und dem Trend zur Digitalisierung und Globalisierung umstellt. Aber hier sind nicht die Propagandisten und Ideologen unterwegs, die in den Massenmedien und in der Politik heutzutage so häufig den Ton angeben, sondern Fachleute und Experten, die unmittelbar in der Landwirtschaft arbeiten. So ist auch der Bundesverband Rind und Schwein vertreten. Der Verband informierte unter der Überschrift: „Nutztierhaltung in Deutschland … warum wir uns immer noch darüber wundern“. Er beklagt, dass die Nutztierhaltung teilweise undifferenzierter und ungerechter Kritik ausgesetzt ist, dass in den Medien zahlreiche Negativmeldungen und viele Mythen im Umlauf sind und zudem veraltete Darstellungen kursieren. Deshalb ihre Forderung: Dialog statt Vorurteil. Und sie liefern dazu die Fakten!

Auf der Messe beispielsweise auf dem Erlebnis-Bauernhof in der Halle 3.2. kann der interessierte Besucher erfahren, dass Nutztiere im Zusammenspiel mit dem Pflanzenbau für den Nährstoff-Kreislauf unverzichtbar sind. Im Pflanzenbau und in der Lebensmittelverarbeitung fallen pro Kilogramm erzeugter pflanzliche Lebensmittel etwa vier Kilogramm nicht essbare Pflanzenmasse an, wie zum Beispiel Gras, Ernterückstände (Stroh), Rückstände aus der Lebensmittelverarbeitung (Trester, Melasse oder Schrot) oder Zwischenfrüchte. Nutztiere erzeugen daraus trierische Lebensmittel und leisten einen wichtigen Beitrag zur effizienten Flächen- und Ressourcenausnutzung. Man erfährt, dass Weide und Grünfutterflächen doppelt so viel Kohlenstoff speichern wie Ackerböden und dass ein höherer pflanzlicher Anteil unserer Nahrung auch mit einem deutlich höheren Wasserverbrauch verbunden ist. Ein Veganer verbraucht 50% (!) mehr Wasser als derjenige, der Mischkost bevorzugt. Zu den Fakten gehört auch das sehr hohe Niveau der Nahrungsmittelproduktion in Deutschland hinsichtlich Effizienz, Umweltschutz, Tierwohl und Lebensmittelqualität. Und wer weiß schon, dass heute eine Landwirtin oder ein Landwirt achtmal so viele Menschen ernährt wie im Jahr 1960 (siehe „Tierische Fakten“ Bundesverband Rind und Schwein e.V.).

Festival für den Geschmackssinn

Veganer Döner

Doch bei solchen wichtigen Grundsatzthemen kommt bei der Grünen Woche ein Markenzeichen nicht zu kurz: Unter dem Funkturm wird ein Festival für den Geschmackssinn gefeiert. Die Messeveranstalter haben gleich am Eingang Süd in der Jafféstraße die Street-Food-Halle 1.2a eingerichtet.

Hier kann eine Foodtrend-Tour starten, ob tierische Produkte oder auf 28, Pflanzenbasis, ob süß oder herzhaft, für jede kulinarische Weltanschauung ist etwas dabei. Auch die deutsche Ernährungsindustrie lässt sich in der Halle 3.2 auf dem Erlebnis-Bauernhof im Sog weltanschaulich korrekter Kost nicht lumpen und präsentiert den veganen Döner. Er soll an einigen Orten schon den klassischen Namensvetter verdrängt haben.

Spacefood aus Berlin

Spacefood aus Berlin

Auch die Berlin-Halle 22a hat einen sehr exotisch spannenden Beitrag für den Geschmackssinn zu bieten. Das deutsche Startup-Unternehmen „Spacefood“ präsentiert sich als Pionier in der Ernährung für die Reisen von morgen. Hier geht es um getrocknete pflanzliche Nahrung. Die Auswahl umfasst Äpfel, Kiwi, Melone und Kaki, mit hohem Vitamingehalt und geeignet für Langzeit Einsätze wie in der Raumfahrt. Für den irdischen Konsum der Trockenfrüchte sollen einige raffinierte Geschmacksformen sorgen sowie solche Etiketts wie „komplett vegan“, „chemikalienfrei“, „ohne Zucker“, „100 Prozent natural“. Darauf einen lokalen Gin, der auch in der Berliner Halle zu verkosten ist. Und dazu ein Blick durch das Brandenburger Tor aus 485 Kilogramm Schokolade aus dem traditionellen Berliner Schokoladen-Haus Rausch.

Ein wahres Feuerwerk an exotischer Kulinarik liefern die Stände in den Hallen 7 bis 10. Die kulinarische Reise beginnt am Stand von Ungarn, traditionelles Lángos mit verschiedenen Belägen oder der frisch gebackene Schornsteinkuchen Kürtöskalács. Da sind Käse-Chips aus Estland zu kosten, den Pisco Sour aus Peru. Köstlichkeiten aus Tunesien, Nepal und Algerien erwarten den Besucher, die Elch-Bratwurst sollte man auch probieren oder in der Halle 10.2 Feuerwasser aus kanadischem Ahornsirup und Whisky.

Kulinarisch reisen durch die Niederlande

Ein weiterer Trend der letzten Jahre setzt sich zur Freude der Besucher bunt und schillernd fort: Die Präsentation des kulinarischen Reisens, sozusagen eine Grüne Internationale Tourismus Börse 2.0. Das niederländische Büro für Tourismus & Convention hat für die Besucher in der Halle 18 eine besondere Einladung parat. Sie organisiert einen Ausflug ins „Land of Future Food“ – eine kulinarische Reise durch die zwölf Provinzen des Landes. Und natürlich kann man auch eine perfekte Rundreise durch die Urlaubsregionen der 12 Bundesländer in Deutschland machen. Ob Bayern im Süden, Mecklenburg-Vorpommern im Norden oder Thüringen in der Mitte von Deutschland, Reiseveranstalter und unzählige Bauernhöfe warten auf die Urlauber.

Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke besucht den Spreewald-Stand

Brandenburg-Halle

Besonders im Blickpunkt für die Besucher aus Berlin ist selbstverständlich die Brandenburg-Halle 21a. Große Aufmerksamkeit wird der Ausstellungs-Stand Neuzelle im Seenland Oder-Spree finden. Denn hier lohnt in der ländlichen Idylle nicht allein ein architektonisches Kleinod, der barocke Prachtbau einer 750 Jahre alten berühmten Klosteranlage. Zugleich ist hier der Standort der Klosterbrauerei Neuzelle, deren Wurzeln auf die 1589 gegründeten Brauerei des Klosters Neuzelle zurück gehen. Ihren langjährigen Ausstellungsplatz auf der Grünen Woche hat sich die Brauerei auch dadurch bestätigt, dass sie weltweit den Ruf hat, traditionelle Brautechnologien zu revolutionieren. Gemeinsam mit Technologiepartnern hat die Brauerei ein Bierpulver entwickelt. Vermixt mit Wasser sieht es aus wie Bier, schmeckt wie Bier, ist Bier, mit echter Schaumkrone. Vorerst noch alkoholfrei. Geschäftsführer Stefan Fritsche: „Wir sehen unsere Kernzielgruppe deshalb nicht vorwiegend beim klassischen deutschen Endverbraucher, sondern bei globalen Wiederverkäufern (Dryest Beer Konfektionierern), die nicht zwingend Braukenntnisse haben müssen, die aber das Granulat für den Endverbraucher anwendungsgerecht einsatzfähig machen können. Geografisch avisieren wir mit unserem alkoholfreien Bierpulver vor allem transportintensive Export-Märkte an, wie Länder in Asien und Afrika. Wer allerdings Bier aus Neuzelle mit Alkohol trinken will, muss sich die Marke „Schwarzer Abt“ ins Glas füllen – hier am Stand auf der Grünen Woche und dann später im gut sortierten Einzelhandel.

Noch bis zum 28. Januar geöffnet.

https://www.gruenewoche.de/de/

Quelle: www.keusch-reisezeiten.de

Fotos: Ronald Keusch



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