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Humboldt Forum vollständig eröffnet

VonRedaktion

Sep 20, 2022

Die „Höhle der ringtragenden Tauben“ (China) im Ausstellungsbereich „Religiöse Architektur der nördlichen Seidenstraße“ des Museums für Asiatische Kunst im Humboldt Forum. © Foto: Alexander Schippel

 Mit der Publikumseröffnung der Sammlungspräsentationen im Ostflügel des Berliner Humboldt Forums ist nach der schrittweisen Eröffnung der temporären Ausstellungen im Westflügel nun ein weiterer Meilenstein erreicht: Auf mehr als 16.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und in mehr als 40 Ausstellungsmodulen werden rund 20.000 Exponate gezeigt und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Neben bedeutenden Beständen, die bis vor fünf Jahren von den Staatlichen Museen in Berlin-Dahlem ausgestellt waren, werden zahlreiche Objekte aber auch erstmals präsentiert.

Und so erlebt der Besucher mehr als eine eindrucksvolle Schau zum größten Teil einmaliger exotischer Exponate. Die Exponate erzählen Geschichten von damals und heute, davon, auf welche Weise sie nach Europa gelangten und was sie noch heute für die Menschen in den Herkunftsländern bedeuten. Dabei geht es eben nicht mehr nur um den westlichen Blick auf die Geschichte, erwünscht und auch schon angelaufen ist der interkulturelle Dialog, der dynamische Prozess zwischen den Kulturen um zu mehr Verständnis und Toleranz zu kommen.

Dabei geht es auch nicht nur um die koloniale „Opferrolle“. Zu berücksichtigen im Diskurs ist auch die Tatsache, dass viele, wenn nicht die meisten Objekte überhaupt nur deshalb noch vorhanden sind, weil sie – wenn auch oft unter verbrecherischen Umständen – in den Besitz und die Obhut europäischer Museen und Sammler gekommen sind

„Mesoamerika. Ballspiel, Pyramiden, Götter“
© Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Ein gigantisches Projekt, weil hier nun ganz neue Wege der Museumspräsentation gefunden werden mussten. Denn ein höchst brisantes Thema beeinflusste seit Anbeginn das ehrgeizige Projekt einer Zusammenführung globaler Kulturschätze an einem Ort: Die Frage nach der Herkunft der gezeigten Objekte. Kunstwerke, archäologische Fundstücke und Artefakte, für die 10 Millionen Euro an Restaurierungskosten aufgewendet wurden und von denen jedes einzelne auf sein Provenienz überprüft, entsprechend ausgewiesen und gegebenenfalls an die die Herkunftsländer zurückgegeben werden muss. Quasi eine Lebensaufgabe für die vier festangestellten ProvenienzforscherInnen. Etwa 4.000 Jahre würde es dauern, so die Chefin des Zentralarchivs, Christina Howald, um für jedes einzelne der rund 20.000 kolonialen Objekt die Herkunft zweifelsfrei festzustellen. Aber die Bereitschaft zur Aufklärung und Restitution ist groß, auch wenn das für viele europäische Museen zu einem gewaltigen Kahlschlag führen könnte.

Die Sammlungen und die gezeigten Objekte werden daher aus unterschiedlichen Perspektiven präsentiert oder kommentiert. Die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern und Mitgliedern von Herkunftsgesellschaften ist integraler Bestandteil des Ausstellungskonzeptes. Dabei präsentieren die Museen nicht nur aktuelle, kooperative Forschung zu den Objekten und neue Ausstellungs- und Vermittlungskonzepte, sondern stellen sich auch der eigenen Sammlungsgeschichte und aktuellen postkolonialen Fragen. Die kritische Aufarbeitung der Provenienzen und Erwerbungskontexte ebenso wie deren Einbettung in die Kolonialgeschichte sind Teil der Erzählung im Humboldt Forum .

Neu eröffnet werden nun die Räume zu Nord-, Mittel- und Südamerika sowie der zweite Teil der Sammlungspräsentationen zu Asien und Afrika mit Höhepunkten wie den Ausstellungsbereichen zum zur globalen Diversität des Islam oder dem Königreich Benin. Die Spannbreite der neuen Präsentationen reicht von der Sammeltätigkeit des norwegischen Forschungsreisenden Johan Adrian Jacobsen an der Westküste Kanadas und den indigenen Perspektiven auf die Objekte in Berlin bis hin zum Leben der Dinge in der Amazonasregion.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Zu den Highlights gehören besondere Exponate wie etwa ein traditionelles Versammlungshaus (Bai) aus Palau, ein fidschianisches Doppelrumpfboot (Drua), der bekannte Goldmann „Kazike“ der präkolumbischen Quimbaya oder die monumentalen Cotzumalhuapa-Stelen aus dem heutigen Guatemala. Die Kunst der Khmer ist u.a. mit raumgreifenden, 23 Meter langen historischen Abgüssen der Reliefs der Tempelanlage Angkor Wat mit Szenen aus Himmel und Hölle vertreten. Religiöse Architektur der nördlichen Seidenstraße lässt sich anhand der spektakulären Rekonstruktion der begehbaren buddhistischen „Höhle der Ringtragenden Tauben“ erleben.

Zwei Räume widmen sich der Kunst aus dem historischen Königreich Benin. Gezeigt werden ehemals zum Berliner Bestand gehörende historische Werke, die nach der kürzlich erfolgten Rückgabe an Nigeria als Leihgaben in Berlin bleiben. Den berühmten Bronzen wird zeitgenössische Kunst aus Nigeria gegenübergestellt.

In vielen Ausstellungsbereichen wurde eng mit internationalen Partnern zusammengearbeitet. So auch bei den sechs temporären Ausstellungen, die von der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss sowie dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst gemeinsam mit Communities aus vielen Regionen der Welt entwickelt wurden. Sie sind Ergebnisse jahrelanger Zusammenarbeit und verknüpfen verschiedene Wissens- und Erfahrungsgebiete, die zum Forum-Charakter des Humboldt Forums beitragen. Exponate der nordamerikanischen Omaha und Haida, der indischen Naga, Fragen an Objekte aus Tansania sowie eine Präsentation von Skulpturen aus Afrika, Asien und Europa geben Einblicke in verschiedene Gesellschaften und deren kulturelle Praktiken.

Dabei präsentieren die Museen nicht nur aktuelle, kooperative Forschung zu den Objekten und neue Ausstellungs- und Vermittlungskonzepte, sondern stellen sich auch der eigenen Sammlungsgeschichte. Die kritische Aufarbeitung der Provenienzen und Erwerbungskontexte ebenso wie deren Einbettung in die Kolonialgeschichte sind Teil der Erzählung im Humboldt Forum und werden die Arbeit mit den Sammlungen auch zukünftig prägen. Dazu trägt auch das vielfältige Programm des Humboldt Forums bei, das neben Ausstellungen Bildungs- und Wissenschaftsangebote sowie Veranstaltungen zu dem Kernthema Kolonialismus und Kolonialität umfasst.

https://www.humboldtforum.org/de/programm/dauerangebot/ausstellung/ethnologische-sammlungen-und-asiatische-kunst-46021/

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