Der Hauptmann von Köpenick und die „Lügenpresse“

Jürgen Hilbrecht, der Hauptmann von Köpenick, in Aktion. Foto: Ingrid Müller-MertensJürgen Hilbrecht, der Hauptmann von Köpenick, in Aktion. Foto: Ingrid Müller-Mertens

von Volker Neef

Der Hauptmann von Köpenick lebt. Alles andere sei eine Verleumdung der „Lügenpresse“. Das sagt einer, der es wissen muß. Auf der Theaterbühne im Köpenicker Restaurant Luise stand am 10. November der Kabarettist, Schauspieler, Sänger und Autor Jürgen Hilbecht. Dem geneigten Publikum stellte er sich vor: „Mein Name ist übrigens Voigt. Wilhelm Voigt. „Ich bin nicht 1922 gestorben. Die Lügenpresse war das, die so etwas Falsches verbreitet hat. Ich, der Hauptmann, bin nämlich unsterblich!“ Natürlich durfte der auf der Bühne stehende Wilhelm Voigt, schon allein aus rechtlichen Gründen, sein Geheimnis nicht verkünden, wie es zu dieser Unsterblichkeit gekommen ist. Er sagte weise und leise: „Auf der Bühne ist alles möglich.“

Wir erinnern: Im Jahre 1906 kaufte sich der in Rixdorf wohnhafte und aus Ostpreußen stammende Schuster Wilhelm Voigt beim Trödler eine gebrauchte Uniform des preußischen 1.Garderegiments. Der bereits mehrfach vorbestrafte Ganove unterstellte, als Hauptmann verkleidet, einen Trupp Wachsoldaten auf „allerhöchsten Befehl“ seinem Kommando in einer „streng geheimen Angelegenheit“. Die darin bestand, das Voigt für seinen Aufenthalt in Berlin dringend einen Pass brauchte, der ihm wegen seiner Vorstrafen verweigert wurde. Mit dem Mute der Verzweiflung zog nun also der falsche Hauptmann nach Köpenick und es kam zur spektakulären Rathaus-Besetzung und Verhaftung des Bürgermeisters. Im Sinn hatte Wilhelm Voigt aber nur eines: Sich im damaligen Rathaus von Cöpenick, das sich noch mit C schrieb, einen Pass ausstellen zu lassen. Seine Tragik: Amtliche Papiere wurden damals in Teltow bei Berlin ausgestellt. Also nahm er im Cöpenicker Rathaus lediglich die Kasse mit, das Ziel seiner Verzweiflungsaktion hatte er nicht erreicht. Ganz Europa lachte.

Dank Jürgen Hilbecht lebt Wilhelm Voigt weiter und betätigt  sich auch weiterhin gelegentlich in der Nähe von Amtspersonen: Er kellnerte doch tatsächlich in der Kantine des Deutschen Bundestages. Leider hielt dieser Job nicht lange.  Der Aushilfskellner und Beikoch zweiten Grades hatte sich zu intensiv um die Speisekarte gekümmert! Die CDU-Fraktion sollte „Essen wie bei Mutti. Die Herrschaften von der bayerischen CSU bekamen von mir vom Papst gesegneten Weihrauchschinken serviert. Den Sozis servierte ich Rote Radieschen, Rote Beete, Rote Grütze, Rote Fassbrause. Das alles schön vermengt auf einem roten Teller. Die GRÜNEN bekamen ihre Grünkernsuppe ab, die LINKEN Soljanka nach ostdeutscher Art.“ Dank „Wilhelm Voigts“ Tätigkeit im Bundestag bekam Arbeitsministerin Andrea Nahles ein Arbeitsgericht serviert, Innenminister Thomas de Maiziere ein Standgericht, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein Militärgericht, und der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der den Steuerzahlern sogar das letzte Hemd wegnehmen möchte, bekam das Jüngste Gericht serviert.

Leider ist der unsterbliche Halunke Voigt aber immer noch ohne Pass.. Beim Pass tun sich auch noch andere Probleme auf. „Im ostpreußischen Tilsit bin ich zur Welt gekommen. Heute sagt man Sowetsk,“ erklärt Herr Voigt alias Jürgen Hilbecht. „Dort regiert Herr Putin. Wenn nun der gute Voigt in deutschen Ämtern den Pass beantragen würde bei diesem Geburtsort: Was ist er heute eigentlich? Migrant? Asylant? Flüchtling? Umsiedler? Viele Fragen und keine Antworten, denn der Hauptmann meidet ja weiterhin Rathäuser und Meldestellen. Eines gab er dem beeindruckten Publikum noch mit auf den Weg: „Bei mir ist noch lange der Lack nicht ab. Ich mache nicht schlapp. Ich bin noch lange kein Wrack.“ So wird man weiterhin dem unsterblichen Hauptmann von Köpenick auf seinen nunmehr eher entspannten und vergnüglichen philosophischen Streifzügen begegnen.

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