Lee Bul: Crash – Ausstellung im Gropiusbau zwischen Science-Fiction, Groteske und Verzauberung

Lee Bul zeigt ihre faszinierenden Werke erstmals in Deutschland. Foto: Ingrid Müller-MertensLee Bul zeigt ihre faszinierenden Werke erstmals in Deutschland. Foto: Ingrid Müller-Mertens

„Ich möchte das Gefühl vermitteln, man bewege sich durch die Zeit, durch verschiedene Epochen. Meine Arbeiten sind wie Reisen an einen anderen Ort, in eine andere Zeit. Wir reisen, aber die Landschaft trägt Geschichten in sich und man kann sehen, dass es sich immer um denselben Ort handelt. Es ist wie bei einem Diorama: Man macht eine Reise, aber es ist immer dieselbe Aussicht, derselbe Ort.“

Lee Bul, eine der bedeutendsten koreanischen Künstlerinnen ihrer Generation, hat für ihr formal erfinderisches und intellektuell provokantes Werk große internationale Anerkennung erfahren. Noch bis zum 13. Januar 2019 zeigt der Gropius Bau mit „Crash“ ihre erste Einzelausstellung in Deutschland.

„Was mich an ihr so interessiert, ist, dass sie einerseits diese unglaublich verzauberten Arbeiten macht und andererseits einem so unter die Haut geht“, sagt die Kuratorin Stephanie Rosenthahl.

1964 in Südkorea geboren, wuchs Lee Bul als Tochter zweier Aktivisten in einem politisch engagierten Umfeld inmitten turbulenter gesellschaftlicher Veränderungen auf. Die 1980er und 1990er Jahre in Südkorea waren eine Phase des Übergangs von der Militärdiktatur zur Demokratie und der Entwicklung in Bezug auf Modernisierung und wirtschaftliche Stärke.

Lee Bul, "Cravings", 1989 Performance, Jang Heung, Korea, Foto Courtesy: Studio Lee Bul

Lee Bul, „Cravings“, 1989
Performance, Jang Heung, Korea,
Foto Courtesy: Studio Lee Bul

Nach ihrem Abschluss im Fach Bildhauerei an der Hongik Universität, Seoul, im Jahr 1987 verlagerte Lee Bul ihre künstlerische Praxis mit den ersten Performances in Korea aus dem Studio in den öffentlichen Raum.

Mit diesen Arbeiten hinterfragte sie das Verständnis „weiblicher“ Schönheit sowie die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Lee Buls vielfältiges Schaffen zwischen Performance- und Installationskunst erforscht Träume, Ideale und Utopien, die von futuristischen Theorien und Science-Fiction, Bioengineering und visionärer Architektur beeinflusst sind. Ihre raumgreifenden Inszenierungen und Landschaften experimentieren mit außergewöhnlichen Materialien wie Perlmutt, Kristallen, Leder oder Samt und zeigen fantasievolle Topographien utopischer Sehnsüchte.

Viele Arbeiten von Lee Bul enthalten subtile Anspielungen auf die Geschichte und Politik Koreas. Sie möchte die Unterdrückung, den körperlichen Schmerz, die Taubheit und Verletzlichkeit zum Ausdruck bringen, welche die Zeiten geprägt haben, die sie selbst erlebt hat. Die Ausstellung macht auch die Parallelen der deutschen und der koreanischen Geschichte sichtbar. Von einem historischen Blickpunkt aus betrachtet, teilen beide Länder Gemeinsamkeiten, insbesondere hinsichtlich ihrer Teilung, des damit einhergehenden nationalen Traumas sowie der Frage nach einer Wiedervereinigung.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Als Lee Bul Mitte der 1990er Jahre mit ihrer Serie Cyborg (1997–2011) begann, wandte sie sich weitgehend von Performance-Arbeiten ab und erforschte mittels dreidimensionaler skulpturaler Arbeiten das Streben nach Perfektion durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Der Technikeuphorie stellte sie in den 90er-Jahren ihre körperversehrten Cyborgs entgegen. Lebensgroße Plastiken unvollständiger Maschinenmenschen. In der Ausstellung schweben die arm- oder beinlosen Plastiken von der Decke wie fliegende Mangacomic-Superhelden.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

 

Die Auseinandersetzung mit Körpern führte unmittelbar zu ihrer Erforschung von Modellen utopischer Stadtlandschaften. 2005 begann sie Modelle zu entwerfen, die von modernistischen architektonischen Entwürfen inspiriert sind.

Diese komplexen Skulpturen und verwandte Arbeiten auf Papier und Leinwand bilden eine fantasievolle Topographie utopischer Sehnsüchte und Misserfolge.

Lee Bul, „After Bruno Taut ,2013, Foto: Mathias Völzke

Lee Bul, „After Bruno Taut ,2013, Foto: Mathias Völzke

Sie werden zu einer Metapher für das vernetzte unterirdische Wurzelsystem unserer Städte, aber auch für Gesellschaften mit ihren utopischen Ideen.

Lee Bul scheint mit einer angenehm heiteren Gelassenheit auf die Welt zu schauen. Offenbar ganz nach der Lehre des Zen-Buddhismus: „Nichts bleibt, nichts ist abgeschlossen und nichts ist perfekt…“.

 

 

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Eine Ausstellung der Hayward Gallery, London in Zusammenarbeit mit dem Gropius Bau, kuratiert von Stephanie Rosenthal.

Gropius Bau Niederkirchnerstraße 7 10963 Berlin

 

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