Wer tickt hier eigentlich noch richtig

Kater Bibo macht sein Mittagsschläfchen unberührt von der Sommerzeit. Foto: Ingrid Müller-MertensKater Bibo macht sein Mittagsschläfchen unberührt von der Sommerzeit. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Unsere Autorin Klara Berger leidet unter der Zeitumstellung.

Irgendein überkompetenter Wirtschaftsweiser könnte mal was Nützliches tun und mir den Sinn der Mitteleuropäischen Sommerzeit plausibel machen. Cui bono, wie schon die alten Römer so pragmatisch fragten, wem nützt es. Mir jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil. Meine innere Uhr ist völlig durch den Wind. Wenn ich die geklaute Stunde am Sonntag rechnerisch noch durch längeres Schlafen irgendwie in die Reihe kriegen konnte, haut es mit dem organisatorischen Ablauf ab sofort überhaupt nicht mehr hin. Nervös, unausgeschlafen und mürrisch stolpere ich desorientiert durch den Tag.church-1124119__340

Der Mensch ist nun mal ein äußerst kompliziertes Wesen und wie wunderbar die Natur alles koordiniert, fasziniert mich immer wieder. Da greift man nicht straflos ein. Gestirne, Gezeiten und was da so kreucht und fleucht scheren sich nicht um die veränderte Zeit und mein Biorythmus auch nicht. Und wenn mich noch vor ein paar Tagen nach Normalzeit gegen halb Fünf Uhr früh das vielstimmige Vogelkonzert in helles Entzücken versetzte, empfinde ich nun um 3.30 Uhr Sommerzeit das ohrenbetäubende Gepiepse als nervenzerfetzende Geräuschkulisse, die mich am erholsamen Schlaf hindert. Zumal ich ja ohnehin – wenn nun der Wecker faktisch eine Stunde früher klingelt – aus meiner erquicklichsten Schlafphase gerissen werde. Man fühlt sich dann wie gerädert und der Tag ist gelaufen. Damit bin ich kein Einzelfall. Mediziner wissen um das Phänomen und sehen verstärkt vegetativ und psychisch Zeitumstellungsgestörte auf sich zukommen. Aha, könnte man nun sagen, Sommerzeit eine lukrative Maßnahme für notleidende Ärzte. Der Ärztelobby wäre das zuzutrauen.

Bleibt noch der angebliche Stromspareffekt. Aus diesem Grund stellte man in Deutschland am 1. April 1916 die Uhren das erste Mal eine Stunde vor. Dann nochmal 1940 bis 1949. 1947 führte man sogar eine „Hochsommerzeit“ ein mit 2 Stunden plus. Nun mag in Kriegs- und Nachkriegszeiten der volkswirtschaftliche Nutzen längerer Helligkeit die Maßnahme einleuchten. Heute profitiert weder die stromerzeugende noch energieverbrauchende Industrie ausreichend, um den Aufwand des länderweiten aufwändigen Zeitumstellens zu rechtfertigen. Und ökologisch ist auch kaum zu punkten. Selbst im gastronomischen Gewerbe ist der Effekt umstritten. Schließlich stellt sich auf „Afterwork“-Partys erst bei Einbruch der Dunkelheit die erforderliche konsumsteigernde Stimmung ein. Schließlich warnen Automobilverbänden vor statistisch erhöhter Unfallgefahr infolge der Zeitumstellung. baby-19295_960_720Und die ohnehin schon zu beanstandende Konzentrationsfähigkeit der Schulkinder wird zusätzlich strapaziert und Babys sind unruhiger. Ja, sogar die Bauern haben zu klagen, was zwar nichts Neues ist aber da es nicht sie, sondern ihre Kühe betrifft, sollte man es ernst nehmen. Diese stoischen Kreaturen beharren nämlich auf ihrem inneren Rhythmus und geben weniger Milch. Ganz zu schweigen, von den nicht unerheblichen technischen Kosten für alle Bereiche des öffentlichen Lebens und den unzähligen Tragödien im privaten Bereich infolge zeitlicher Fehlorientierung.

Alles in allem, ein einziges großes Durcheinander, dass nur von einem anderen Durcheinander abgelöst wird, wenn die Uhren im Herbst wieder zurückgestellt werden. Also, was soll das Ganze? Wem, bitteschön, nützt der ganze Aufwand? Keiner konnte mir das bisher überzeugend beantworten oder gar wissenschaftlich belegen. Immerhin, einen Vorteil hat die Sache für mich. Die seit letzten Oktober noch nicht wieder umgestellte Zeitansage auf meinem Anrufbeantworter stimmt wieder.