„Wenn ich einmal reich wär“ – umjubelte „Anatevka“ in der Komischen Oper

"Wenn ich einmal reich wär" - Max Hopp als Tevje in "Anatevka". Foto: Ingrid Müller-Mertens"Wenn ich einmal reich wär" - Max Hopp als Tevje in "Anatevka". Foto: Ingrid Müller-Mertens

500 Aufführungen von 1971 bis 1988 erlebte Walter Felsensteins legendäre Inszenierung „Der Fiedler auf dem Dach“ in der Berliner Komischen Oper. Siebzehn Jahre lang begeisterte die traurig schöne Geschichte vom ebenso pfiffigen wie gottesfürchtigen  armen Milchmann Tevje  im galizischen Schtetl Anatevka, seiner Familie und den Dorfbewohnern. Das Buch zu Anatevka, im englischen Original „Fiddler on the Roof“, basiert auf den berühmten jiddischen Erzählungen von Scholem Alejchem, die zwischen 1894 und 1916 unter dem Titel Tewje, der Milchmann entstanden. Jerry Bock schuf daraus das Musical . Mit über 3.000 Aufführungen allein am Broadway eines der erfolgreichsten und auch berührendsten Meisterwerke des Genres. Eine Tragikomöde voller Lebensfreude, Melancholie und Herzblut. Eine Geschichte aus dem frühen 20.Jahrhundert, die alles andere ist, als Geschichte, sondern gerade wieder brandaktuell.

Und so sitzt der Fiedler in Barrie Koskys beeindruckender Wiederaufnahme des Stückes im Rahmen des 70.Opernjubiläums , auch nicht auf dem Dach – entsprechend dem berühmten Vorbild auf dem Gemälde von Chagall – sondern kommt in Gestalt eines Dreizehnjährigen (Maxime Bergeron ) mit drahtlosen Kopfhörern auf die Bühne gerollert. Neugierig stöbert er in einem alten Schrank und findet neben alten Kleidern und Pelzmänteln eine Geige. Zaghaft entlockt er ihr einige Töne und gerät unversehens in eine Zeitreise, weckt Ururgroßvater Tevje (Max Hopp) und das gesamte Dorf Anatevka urplötzlich wieder zum Leben. In rasantem Tempo nimmt nun die Geschichte von Tevje und seiner resoluten Ehefrau Golde (Dagmar Manzel) seinen Lauf.

Der arme Milchmann, aufgehoben in seiner jüdischen Tradition und grenzenlosem Gottvertrauen, will seine drei ältesten Töchter, Zeitel (Talya Lieberman), Hodel (Alma Sadé) und Chava (Maria Fiselier) mithilfe der Heiratsvermittlerin Jente ( Barbara Spitz) an möglichst gutsituierte Bräutigame vermählen. Doch die Mädchen haben eigene Vorstellungen vom Lebensglück. Aus Liebe zur Liebe lässt Tevje sie gewähren – und akzeptiert mit Witz und Menschlichkeit alle ihrer Flausen. Fast alle! Im Angesicht antijüdischer Pogrome und im Moment der tragischen Flucht nach Amerika verstößt der Vater seine Tochter Chava, die es gewagt hatte, entgegen der Tradition heimlich und ohne den Segen der Eltern einen jungen Russen zu heiraten. Eine Entscheidung, die der Vater nicht verzeihen kann, nicht verzeihen darf – auch wenn ihm das Herz bricht.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

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Die Tradition muß um jeden Preis bewahrt bleiben. Denn für das seit Jahrtausenden geschundene jüdische Volk ist Tradition überlebenswichtig. Besonders anrührend verdeutlicht in der zutiefst berührenden Schabbat-Zeremonie.

Für Barry Kosky ist die Neuproduktion auch die Erfüllung eines persönlichen Traums, denn auch seine Familie ist einst aus Osteuropa nach Australien ausgewandert und so weiß er sehr genau um den Verlust des Zuhauses, Vertreibung, Flucht und die Suche nach einem neuen Platz in der Welt. Ein Thema, dass heute wieder besonders aktuell ist.

8Max Hopp, als Tevje ein großer Glücksfall, trägt das Stück mit typisch jüdischem Witz, ganz unsentimentalen Emotionen und hinreißender Ausdruckskraft und wurde vom Publikum zu Recht frenetisch gefeiert. Ebenso Dagmar Manzel als Ehefrau Golde. Beide seit einiger Zeit das „Dream-Team“ der Komischen Oper wenn es um die leichte Muse geht.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

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Wie immer bei einer Kosky-Inszenierung besticht die gesamte Ensembleleistung. Der spielfreudige Chor ( Leitung David Cavelius) verkörpert das dörfliche, jüdische Milieu, wie es authentischer und zu Herzen gehender nicht sein könnte. Nicht zuletzt dank der eindrucksvollen Kostüme ( Klaus Bruns), die aus jedem Bild ein Gemälde Alter Meister machen.

 

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

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Besonders unter die Haut geht wohl die ergreifende Schlüsselszene: Zunächst eine überbordend fröhliche Hochzeitsfeier mit den traditionellen russischen und chassidischen Tänzen (Tanzchoreografien von Otto Pichler ) – dann das abrupte Ende der Feier durch russische Schläger.

Ein Bild von unbeschreiblicher Wirkung, wenn die eben noch so fröhlichen Schtetl-Bewohner starr vor Angst, geschlagen und entwürdigt sich nicht zur Wehr setzen, sondern in tiefer Verzweiflung duldsam verharren. 4Leider auch eine Tradition in der jüdischen Leidensgeschichte. Und so werden sie am Ende auch den Pogromen weichen und das Dorf mit ein paar Habseligkeiten Richtung Amerika oder Palästina verlassen. Man hofft inständig, dass sie ihr Ziel erreicht haben mögen.flucht

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