Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges – verblüffender Comic-Spaß in der Komischen Oper

Comic-Spaß in der Komischen Oper Berlin. Foto: Ingrid Müller-MertensComic-Spaß in der Komischen Oper Berlin. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Nach dem großen Publikumserfolg ihrer Zeichentrick-Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „ Zauberflöte“ an der Komischen Oper Berlin, ist die britische Theatergruppe „1927“ , mit einem neuen Geniestreich an das Haus in der Behrenstraße zurückgekehrt.DSC01584_1 Und wieder kommt man aus dem Staunen nicht heraus, über die  verblüffende und überaus präzise Kombination von Cartoons, Animation und live agierenden Darstellern, das perfekte Ineinanderfließen von Bildprojektionen, Sängern und Artisten.

Typisch Barry Kosky, möchte man sagen. Denn der Intendant der Komischen Oper überrascht immer wieder  mit neuen Stoffen, außergewöhnlichen Protagonisten und unkonventioneller Sichtweise. Für diese zweite Produktion der Künstlergruppe „1927“ ( Suzanne Andrade, Esme Appleton und Paul Barritt) wählte er zwei eher selten gespielte Werke aus: „Petruschka“ von Igor Strawinsky, 1911 in Paris vom Ballets Russes uraufgeführt, 1947 überarbeitet. Und „L’Enfant et les Sortilèges“ (Das Kind und der Zauberspuk), eine lyrische Kurzoper von Maurice Ravel, uraufgeführt 1925, mit dem Libretto von Collette.

„Petruschka“ (Tiago Alexandre Neta Fonseca) , eine in Russland seit Jahrhunderten beliebte Clownspuppe, wird mit zwei weiteren typischen Jahrmarktsfiguren, der graziösen Ballerina (Pauliina Räsänen) und dem grobschlächtigen Muskelprotz (Slava Volkov) zum Leben erweckt und vom sadistischen Puppenspieler gequält. Man leidet und bangt mit Petruschka auf seiner Flucht vor dem diabolischen Meister durch das groteske Jahrmarktstreiben und ist verzaubert und hingerissen durch den Kontrast der Animationen zwischen den farbenfrohen Bildern im naiven Kinderbuchstil und der plakativen abstrakten Formensprache des russischen Konstruktivismus zu Beginn des 20.Jahrhunderts.

Sehr schnell kommt der Punkt, wo man abhebt, Fiktion und Realität verschmelzen und man sich selbst mitten im skurril-phantastischen Geschehen befindet: Mal als Winzling gegenüber der überdimensionalen bösen Ratte, mal als Riese beim Anblick des kleinen, zappelnden Petruschka in der Damenhandtasche. Ein ungemein faszinierendes Spiel mit Proportionen, Identitäten, virtuellen Effekten und auch anrührenden poetischen Momenten.

Dazu dann das ideale Pendant mit Ravels skurriler Fantaisie lyrique. Ein ungezogener, zerstörungswütiger Junge (Nadja Mchantaf ) tobt sich am Mobiliar und seiner Mutter (Ezgi Kutlu) aus und schikaniert die wehrlosen Tiere. Doch als der dickliche verwöhnte Knabe die Sache auf die Spitze treibt, gerät er in einem virtuellen Albtraum. Alle von ihm malträtierten Gegenstände wie Sessel, Uhr, Teekanne oder Tapete erwachen zum Leben , die gequälten Tiere führen ihr Leiden mit dramatischer musikalischer Untermalung vor und bedrängen ihren Peiniger. Natürlich läutert sich der kleine Unhold und kann dann schließlich nur noch verängstigt eines rufen: Mama! Wunderhübsch umschwirrt vom  nun glücklichen Getier im heimischen Garten.DSC01660_1

So überwältigend das perfekt verwobene Spiel zwischen Sängern, Tänzern, Akrobaten und der virtuellen Fantasiewelt auch ist, mitunter ist es ein wenig zu fesselnd, zu aufregend, zu dominant. Über weite Strecken nimmt man die Musik nicht mehr wahr, sie kann sich zu wenig behaupten und wird – wie auch der Gesang – unverdientermaßen zur Geräuschkulisse.

Alles in allem ein Riesenspaß für die ganze Familie. Jubel beim  Premierenpublikum.

 

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

www.komische-oper-berlin.de

 

 

 

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