Emil Nolde – Malergenie, Entarteter, Nationalsozialist

Passend zur aktuellen Debatte um Emil Nolde, einen der bedeutendsten deutschen Expressionisten, kann sich das Publikum in der Ausstellung  seiner Werke im Hamburger Bahnhof selbst ein Bild machen. Foto: Ingrid Müller-MertensPassend zur aktuellen Debatte um Emil Nolde, einen der bedeutendsten deutschen Expressionisten, kann sich das Publikum in der Ausstellung seiner Werke im Hamburger Bahnhof selbst ein Bild machen. Foto: Ingrid Müller-Mertens
"Brecher", 1936

„Brecher“, 1936

So sieht es aus: Das anstößige Bild. Der 1936 entstandene „Brecher“ darf künftig nicht mehr im Kanzleramt hängen. Denn sein Schöpfer, der einst als Genie des Expressionismus verehrte deutsche Maler Emil Nolde (1867-1956) ist ins Visier der Geschichtspolitik geraten – gilt nun als Nazi und Antisemit, von dessen Werken sich inzwischen auch die Bundeskanzlerin distanziert. Dass Angela Merkel nun offenbar infolge der Debatte das seit Helmut Schmidts Zeiten im Kanzlerzimmer aufgehängte Nolde-Werk „Brecher“ entfernt habe, ist nur die halbe Wahrheit. Aber so ging es durch die Medien und erregte beträchtliches Aufsehen. Richtig ist, dass das Gemälde – aus dem Besitz der Staatlichen Museen – in der bereits seit Jahren geplanten Nolde-Ausstellung im Berliner Hamburger Bahnhof gezeigt werden soll. Offiziell ließ die Kanzlerin daher den „Brecher“ und das 1915 entstandene Bild „Blumengarten“ für die Ausstellung abhängen. Richtig ist aber auch, dass das Kanzleramt die Werke ausdrücklich nicht zurückhaben will. Eine offizielle Begründung gibt es nicht. Helmut Schmidt benannte in seiner Kanzlerzeit übrigens ein ganzes Zimmer seines Amtssitzes nach Nolde, dem von ihm hochverehrten norddeutschen Landsmann.

 

Schon vor dem ersten Weltkrieg war Nolde eine Malerlegende, stand im Streit mit den Impressionisten um Max Liebermann. 1933 legte er einen Plan vor, der einen jüdischen Staat außerhalb Europas forderte und lag damit eher auf der Linie der Zionisten. Im dritten Reich wurde das NSDAP-Mitglied zeitweise hofiert, hatte aber trotzdem zeitweise als entarteter Künstler Berufsverbot.

Joseph Goebbels auf der Ausstellung "Entartete Kunst" in Berlin, Februar 1938, links: "Die Sünderin", © Zentralarchiv - Staatliche Museen zu Berlin, © für die Werke von Emil Nolde bei Nolde Stiftung Seebüll

Joseph Goebbels auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in Berlin, Februar 1938, links: „Die Sünderin“, © Zentralarchiv – Staatliche Museen zu Berlin, © für die Werke von Emil Nolde bei Nolde Stiftung Seebüll

Der nun als Antisemit und Anhänger des Nationalsozialismus gebrandmarkte Expressionist Emil Nolde ist der wohl berühmteste ‚entartete Künstler‘: von keinem anderen Künstler wurden so viele Arbeiten beschlagnahmt, keine anderen Werke hingen so prominent auf den ersten Stationen der Ausstellung Entartete Kunst von 1937/38. Wie passen Noldes Verfemung und sein Berufsverbot zu unserem Wissen, dass er NS-Parteimitglied war und bis zum Kriegsende den Glauben an das nationalsozialistische Regime nicht verlor? Der Kunstkritiker Adolf Behne hob auf Noldes speziellen Fall ab, indem er ihn zum 80. Geburtstag 1947 pointiert als „entarteter ‚Entarteter‘“ bezeichnete.

Dass Emil Nolde ein Parteimitglied war, ist seit langem bekannt. Aber was dies mit seiner Kunst zu tun hat, und wie sich die historischen Umstände des Nationalsozialismus auf sein Kunstschaffen ausgewirkt haben, ist bisher noch nie umfassend in einer Ausstellung untersucht worden. Die Ausstellung “ Emil Nolde – eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ beruht auf den Ergebnissen eines langjährigen wissenschaftlichen Forschungsprojekts, das erstmals die umfangreichen Bestände des Nolde -Nachlasses in Seebüll auswerten konnte und dabei so viel Neues zu Tage brachte, dass die hergebrachte Nolde-Erzählung revidiert werden muss.

Die Kapelle, 1942. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Die Kapelle, 1942. Foto: Ingrid Müller-Mertens

So wird die Ausstellung zum Beispiel die berühmten „Ungemalten Bilder” – die kleinformatigen Aquarelle, die Nolde angeblich während der Zeit seines Berufsverbots heimlich in Seebüll malte – in einem ganz neuen Licht präsentieren.  Mit über 100 teilweise bislang nicht gezeigten Originalen, die mit Bezug auf Noldes Schriften und im Kontext ihrer historischen Entstehungsumstände präsentiert werden, möchte die Ausstellung die vielschichtigen Beziehungen zwischen Bildern, Selbstinszenierungen des Künstlers, Verfemung und Legendenbildung aufzeigen: Wie wirkte sich das ‚Dritte Reich’ auf Emil Noldes künstlerisches Werk aus? Inwiefern korrespondieren einige seiner Werke, beispielsweise seine Darstellungen mythischer Opferszenen oder nordischer Menschen, mit seinen Sympathien für das Regime?

Welche Auswirkungen hatten die Diffamierung und das Berufsverbot auf Noldes künstlerische Praxis, und auf seine politische Einstellung? Und wie entstanden die Nolde -Mythen der Nachkriegszeit? Die Stiftung in Seebüll ringt nach eigenen Angaben um eine „abgeklärte und möglichst objektive Betrachtungsweise“.

Sicher, der Blick auf Nolde wird sich verändern. Irgendwo zwischen extremer Verehrung und mehr oder weniger begründeter Anfeindung. Aber wer will sich auch unter dem Eindruck objektiver Fakten anmaßen, heute den Stab über einen Menschen zu brechen, der unbestreitbar ein genialer Künstler war und in den dunklen Jahren der Nazidiktatur vor allem das wollte, was er zeitlebens mit Leidenschaft und Hingabe getan hat: Malen.

Man verlässt die Schau der repräsentativ ausgewählten Werke Emil Noldes – hineingestellt in einen sensiblen historischen Kontext über ein bemerkenswertes Leben in all seiner Widersprüchlichkeit – höchst beeindruckt und überaus nachdenklich. Und am Ende verdeutlicht sich trotz aller „Schönheitsfehler“ und aus heutiger Sicht eklatanter Verfehlungen, das Bild eines großen deutschen Künstlers. Der Disput wird weitergehen, die Kunstgeschichte teilweise neu geschrieben werden – die Bilder bleiben.

EMIL NOLDE – EINE DEUTSCHE LEGENDE. DER KÜNSTLER IM NATIONALSOZIALISMUS 12.04. – 15.09.2019

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin Staatliche Museen zu Berlin

Invalidenstraße 50-51 10557 Berlin

Eine Ausstellung der Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, in Zusammenarbeit mit der Nolde Stiftung Seebüll, kuratiert von Bernhard Fulda, Christian Ring und Aya Soika, ermöglicht durch die Freunde der Nationalgalerie und unterstützt durch die Friede Springer Stiftung.

Quelle: Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin

 

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