Traum, Illusion, Horror – „Die tote Stadt“ in der Komischen Oper Berlin

Erich Wolfgang Korngolds frühes Meisterwerk "Die tote Stadt" in der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freese/drama-Berlin.deErich Wolfgang Korngolds frühes Meisterwerk "Die tote Stadt" in der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freese/drama-Berlin.de

Von Klara Berger

Ein musikalischer Psychothriller über die Schwierigkeit loszulassen und die Notwendigkeit, es dennoch zu tun, eröffnet die neue Spielzeit in der Komischen Oper Berlin. Mit Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ gibt der kanadische Regisseur Robert Carsen sein Hausdebüt. Für den neuen Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis ist es der offizielle Einstand.

Insgesamt plant die Komische Oper in dieser Saison 179 Opernvorstellungen sowie 41 Konzerte und Sonderveranstaltungen. In der vorigen Spielzeit hatte das Haus mit einer Gesamtauslastung von 88,4 Prozent das beste Ergebnis seit Beginn der Intendanz von Barrie Kosky. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass es Kosky immer wieder gelingt, Stücke „auszugraben“, die selten gespielt werden aber sich in den spektakulären Inszenierungen des Hauses zur Begeisterung des Publikums neu erfinden.

Aleš Briscein als Paul. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Aleš Briscein als Paul. Foto: Ingrid Müller-Mertens

So auch Erich Wolfgang Korngolds geniales Frühwerk „Die tote Stadt“ von 1920. Kaum zu glauben, dass der Komponist dieses psychologisch tiefgründige und musikalisch überaus reizvolle Werk mit gerade mal 20 Jahren geschaffen hat.

Die Besessenheitsstudie um einen liebeskranken Witwer und dessen Totenkult um die verstorbene Gattin zwischen Wahn, Groteske und schier unerträglicher Seelenpein bringen den Zuhörer teilweise mit ihrer fast schmerzhaften Intensität bis an die emotionale Erschöpfung. Korngolds Musik, die mit ihrem spätromantischen Überschwang mit Richard Wagner und Gustav Mahler spielt aber auch rauschhaft Richard Strauss , Puccini oder Lehár zitiert, ist von überbordender Klangwelt und erinnert nicht zu Unrecht an einen Film-Soundtreck. Hat Korngold doch nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland 1934 erfolgreich für Hollywood Filmmusiken komponiert.

Entsprechend der Entstehungszeit des Werkes und der damaligen Fokussierung auf Freud, die Psychoanalyse und das Unterbewusstsein erlebt der Protagonist Paul einen Seelentrip zwischen Traumwelt, Illusion und Horror. Beeindruckend in Szene gesetzt durch Bühnenbild (Michel Levine), Choreographie (Rebecca Howell)  und Kostüme (Petra Reinhardt).

Nach dem Tod seiner Frau Marie hat sich Paul (Aleš Briscein) vollkommen in seine „Kirche des Gewesenen“ zurückgezogen. Abgeschottet nach außen lebt er einzig der Erinnerung an die Verstorbene, als eines Tages die Tänzerin Marietta auftaucht, die Marie zum Verwechseln ähnlich sieht (Sara Jakubiak). Er verliebt sich in sie und will doch letztlich nur die verlorene Tote wieder zum Leben erwecken. Immer mehr verstrickt sich Paul in seiner besessenen Liebe, bis es zur Katastrophe kommt. Oder war alles nur ein Traum? Ein Streich des Unbewussten?

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Als Vorlage der Oper diente der symbolistische Kultroman Bruges-la-Morte (Das tote Brügge) des Belgiers Georges Rodenbach, der in seiner Morbidität und symbolträchtigen Vieldeutigkeit ganz den Geist des Fin de Siècle atmet. Korngold, der sich mit seinem ersten abendfüllenden Bühnenwerk die Opernwelt eroberte, zählte zeitweilig neben Richard Strauss zu den meistgespielten Komponisten auf deutschsprachigen Bühnen, ehe die Nationalsozialisten seiner Opernkarriere ein jähes Ende setzten. In den letzten Jahrzehnten erfährt Korngolds Werk endlich die ihm gebührende Renaissance.

www.komische-oper-berlin.de

 

 

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