Zoroastre – Erbitterter Kampf zwischen Gut und Böse in der Komischen Oper

Wieder einmal überrascht die Komische Oper mit einer Wieder- besser Neuentdeckung. Auch wenn das Werk schon über 250 Jahre alt ist, wird es doch nun erstmals in Berlin aufgeführt. Jean-Philipp Rameau, der Neuerer der französischen Barockmusik, schuf Mitte des 18. Jahrhunderts mit seiner Oper „Zoroastre“ eine harmonisch unerhört frische und farbenreiche Rarität. Der erfolgreiche, junge Regisseur Tobias Kratzer stellt sich damit erstmals dem Berliner Publikum vor.

Thomas Walker als Zoroastre (kniend) und Katherine Watson als Amélite. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Thomas Walker als Zoroastre (kniend) und Katherine Watson als Amélite

Zoroastre – hierzulande eher bekannt unter dem Namen Zarathustra und bei Rameau ganz dem Zeitgeist entsprechend der Vertreter des Wahren, Guten und Schönen – steht der Zauberer und Bösewicht Abramane gegenüber. Ein unerbittlicher Streit um das herrscherlose Reich Baktrien und die Thronerbin Amélite entbrennt, wobei auf der einen wie auf der anderen Seite alle zur Verfügung stehenden Mittel an den Start gebracht werden …

Der Kampf Gut-gegen-Böse ist thematisch ein Dauerbrenner über Genregrenzen hinweg – heute wie vor 250 Jahren. Tobias Kratzer entstaubt die Handlung, versetzt sie konsequent ins Hier und Heute und bringt brennende aktuelle Probleme auf den Punkt. Der Streit zwischen Gut und Böse spielt sich nun nicht unter höheren Mächten, sondern ganz im spießig Privaten ab. 4_2 (2)Schauplatz des mörderischen Geschehens ist die Vorgartenidylle einer kleinbürgerlichen Vorstadtsiedlung. Der offenbar gutsituierte Zoroastre mit schmuckem Häuschen, Designermöbeln und angemessenem Freundeskreis muss sich mit seinem eher prolligen Nachbarn Abramane herumärgern, der im düsteren, verwahrlosten Gartenlaubenambiente territoriale Ansprüche stellt. Lächerlich aber ganz und gar nicht ungewöhnlich entzündet sich ein erbitterter Streit um die Grundstücksgrenze. Wobei auch Bekannte und Freunde der Protagonisten nicht ungeschoren davonkommen. Ein kleines Rasenstück wird zum Gegenstand der hasserfüllten Kämpfe, die immer bizarrer eskalieren. Am Ende mit tödlichen Folgen.8_2 (2)

Der Bösewicht Abramane wird schließlich beim Angriff mit seiner furchterregenden Kampfmaschine – einem Benzinrasenmäher – beim Showdown vom edlen Zoroastre, erschossen. Angesichts des Toten im Vorgarten will der im Original beabsichtigte Triumph des Guten über das Böse zumindest im Kleinen nicht so recht aufkommen. Das Große spielt sich dagegen im Mikrokosmos auf der winzigen, so heiß umkämpften Rasenfläche ab. Hier lebt eine Ameisenkolonie – auf der Videoleinwand ins Monumentale vergößert. Im Ameisenstaat geht es schlicht ums Überleben, jenseits von Gut und Böse. _2 (2)Eine hübsche Idee, optisch reizvoll umgesetzt. Mitunter vielleicht ein bisschen zu viel Klamauk und Action. Die Musik gerät ins Hintertreffen, die Solisten haben es manchmal schwer, stimmlich dagegen anzukämpfen. Allesamt renommierte Barockspezialisten, darunter der britische Tenor Thomas Walker als Titelheld, der französische Bariton Thomas Dolié als sein Gegenspieler Abramane und die britische Sopranistin Katherine Watson als Objekt der Begierde Amélite Unterstützt vom Opernchor, der auch in den sicher unbequemen Ameisenkostümen sein Bestes gibt. Am Pult sorgt der britische Rameau-Spezialist Christian Curnyn für das authentische Klangbild.

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

www.komische-oper-berlin.de

Kommentar hinterlassen zu "Zoroastre – Erbitterter Kampf zwischen Gut und Böse in der Komischen Oper"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*