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Wie ein schwimmender Garten

VonRedaktion

Nov 1, 2022

Das maritime Szczecin zwischen Tradition und Moderne

von Ronald Keusch

Immer mehr Brandenburger und Berliner und darüber hinaus auch zunehmend Touristen aus ganz Deutschland entdecken Szczecin(deutsch Stettin) als Reise- und Urlaubsziel. Denn es ist eine außergewöhnliche boomende Stadt im Oderhaff. In seiner schillernden reichen Geschichte fiel es in polnische, dänische, schwedische und preußische Hände, historische Gebäude und Denkmäler zeugen davon.

Blick von der Jakobikirche

Am Ende des zweiten Weltkrieges war Stettin zu Zweidrittel zerstört – eine Ruinenstadt. Nun ist sie wie Phönix aus der Asche wieder erstanden und verbindet das historisch-traditionell Alte mit dem modernen Neuen auf wunderbare Weise. Wegen der im 19. Jahrhundert gebauten sternförmigen Plätze und breiten Alleen wird Stettin von manchen Touristikern sogar euphorisch als „Paris des Nordens“ bezeichnet.

Heumarkt

Faszinierende Altstadt

In der Altstadt erhebt sich umgeben von engen Gassen das Schloss der Pommerschen Herzöge. Nur ein paar Dutzend Meter entfernt, befindet sich der Heumarkt mit dem AltenRathaus und zwei imposanten Giebelhäusern. Diese Häuser wurden erst in den 90er Jahren liebevoll restauriert und bieten den davor platzierten Bier- und Restaurantgärten eine beeindruckende Kulisse.

Ausgrabungen

Am Altem Rathaus sind hinter einem Bauzaun derzeit Archäologen damit beschäftigt, die Fundamente der Nikolai-Kirche auszugraben, einer Steinkirche aus dem 13. Jahrhundert.

Vor dem Alten Rathaus steht eine der berühmten Szczeciner Straßenpumpen, auch „Berlinkas“ genannt, weil sie den Berliner Wasserpumpen ähneln aber statt eines Bären am Fuß einen Stettiner Greifen haben.

Es gibt noch 123 Pumpen im Stadtgebiet, viele von ihnen sind aus Gusseisen, 28 wurden in den Rang eines Denkmales erhoben. Sie sind jede für sich ein kleines Kunstwerk, mit gerillter Säule, mit dem Stadtwappen unten und einer Krone oben. Und das Wasser fließt aus einem Speier in Form eines Drachenkopfes.

Das Renaissance-Schloss der Pommerschen Herzöge

Das Schloss hat über die Jahrhunderte eine Reihe von Umbauten erlebt. Beim Wiederaufbau entschieden sich die polnischen Architekten, es im Stil der italienischen Renaissance zu erstellen, als eine Referenz an die Blütezeit des Herzogtums der Pommern, erläutert unser Guide Przemyslaw Jackowski.

In den Innenhof des Schlosses ist heute neben einem Museum und Kunstgalerien auch die Oper der Stadt eingezogen.


Eine Sehenswürdigkeit im wahrsten Sinn des Wortes ist die Turm-Uhr aus der Zeit der Schweden-Herrschaft Ende des 17. Jahrhunderts.

Die sieben Meter hohe Uhr mit pommerschem Wappengreif und schwedischem Löwen schlägt zu jeder vollen Stunde und informiert über Monatstage und Mondviertel. Mittig auf dem Uhrenblatt prangt das Antlitz eines Hofnarren, der mit seinen Augen den Stundenzeiger verfolgt und das aktuelle Datum im Mund anzeigt.

Im Schloss wird auch eine spannende Geschichte der Gastronomie erzählt. Eine frühere Kantine im Schloss stieg vor 26 Jahren zu einem kultigen Restaurant auf mit dem skurrilen Namen „Na Kuncu Korytarza“ (Am Ende des Korridors).

Hier kann der Gast in der regionalen Küche der Ostseeküste schwelgen, von der Ente bis zur Zandersuppe. Die Spezialität sind allerdings Heringsgerichte in unzähligen Variationen, meist finden sich mindestens ein Dutzend (!) auf der Speisekarte.

Der Gast har die Qual der Wahl zwischen Hering mit Sherry, Honig, Majoran, Knoblauch und sogar Lebkuchen-Hering. Auf dem Korridor zum Restaurant findet sich eine Bildtafel der sächsischen und pommerschen Fürsten und erinnert an die Zeit als hier die Greifen-Fürsten regierten.

Erfolgreiche Heirats-Diplomatie

An der Schlossstraße nahe dem Pommernschloss steht eine Statue von Herzog Bogislaw X. und Anna von Polen (polnisch: Anna Jagiellonka), die 1491 in Szczecin heirateten. Bereits im Jahr zuvor hatte Bogislaw X., der Pommern schon früher durch geschickte Heiratspolitik geeint hatte, den Neubau des Schlosses als Hochzeitsgeschenk für die gerade 14-jährige Anna in Auftrag gegeben. Die Statue ist eine unverzichtbare Station bei Stadtführungen und zeigt, wie erfolgreich Heirats-Diplomatie in der Politik auch in Osteuropa sein konnte.

Barockes Stadttor

Die multizentrische Stadt mit ihren breiten Straßen und einer weiten Ausdehnung besitzt durchaus auch ein typisches Innenstadt-Zentrum. Das könnte die große Kreuzung sein, auf der das Historische und das Neue und Moderne auf ein Bild passen: das historische barocke Stadttor, in dem unter anderem ein attraktives Cafe eingerichtet ist und ein moderner Gebäudekomplex mit verglaster Außenfassade, der ein Marriott-Hotel und Büros beherbergt.

Modernes Hotel und altes Stadttor

Philharmonie – Meisterleistung der Architekten

Wer in der Innenstadt von Stettin unterwegs ist, trifft unweigerlich auf eine mit dicken roten Strichen gezogene Linie. Das ist die vor zehn Jahren von den Touristik-Managern entworfene Touristische Stadtroute. Ausgangspunkt und Endpunkt mit etwa 50 Stationen ist der Hauptbahnhof. Die Strecke umfasst insgesamt vier Kilometer und ist mit einer nummerierten dazugehörigen Skizze der Stadt und Erklärungen gut handhabbar. Selbstverständlich ist auch die im Jahr 2015 eröffnete Philharmonie eine Station auf der Besucher-Tour.

Sie ist der Stolz der Einwohner. Denn sie bietet den anspruchsvollsten Musikliebhabern ein herausragendes Hörerlebnis. Neben klassischen Konzerten und Opernmusik hat hier auch der Swing und der Jazz eine Bühne. Zugleich erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen für das interessanteste architektonische Werk in Europa. So gewann der von einem italienisch-spanischen Architekturbüro aus Barcelona entworfene Bau den Mies-van-der-Rohe-Preis des Jahres 2014.

Rekordverdächtig ist außerdem der Kostenrahmen für den Bau mit insgesamt 25 Millionen Euro und der Ticket-Preis liegt im Durchschnitt umgerechnet bei zehn Euro, also Kulturangebot für jedermann. Im Vergleich dazu beliefen sich die Kosten für die Elb-Philharmonie in Hamburg auf 866 Millionen Euro – das ist höchst „Preis“-verdächtig und über die Eintrittspreise breiten wir im Vergleich zu Stettin schamhaft den Mantel des Schweigens.

Pasteten vom Fließband

Neben einer Reihe von weiteren wichtigen Sehenswürdigkeiten und historischen Gebäuden wie beispielsweise dem Geburtshaus der späteren Zarin Katharina II. gibt es zusätzlich zur Besucher-Tour auch spannende Hingucker. Da ist das Szczeciner Regionalprodukt Pastetchen „Paszteciki“. Aber nicht das Gebäck, sondern die Maschine für seine Produktion ist das Bemerkenswerte, eine Erfindung in der Sowjetunion aus den 50er Jahren. Damit sollten Militäreinheiten schnell mit Nahrung versorgt werden, bis zu 800 Stück pro Stunde. Die Pasteten werden teilweise noch mit den ersten Originalmaschinen bei 170 Grad in Öl frittiert und durch eine Trommel ausgeworfen, heute mit unterschiedlichen Füllungen. Sie sind bei den Stettinern sehr beliebt und auch die Touristen kosten dieses schmackhafte und preiswerte polnische Fastfood.

Polnischer Alltag zu besichtigen

Ebenfalls nicht auf dem Tour-Programm, aber ein heißer Anwärter dafür, aufgenommen zu werden, ist das erst vor einigen Monaten neu eröffnete Museum über den polnischen Alltag. Ein weit verbreitetes Mosaik begrüßt die Besucher. Der Zeitrahmen wird durch die Abkürzung vorgegeben: PRL für Polnische Volksrepublik.

Stoewer-Autos im Straßenbahn-Depot

Das Technikmuseum von Stettin hat sich ohne Übertreibung in knapp 20 Jahren zu einer einzigartigen Sehenswürdigkeit der Sammlung der Automobil- und Industriegeschichte entwickelt. Die Geburtsstunde schlug, als ein ausgedientes Straßenbahn-Depot mit großen Hallen der Stadt Stettin einen Platz für großräumige Technik bot. Hinzu kam, dass ein in Stettin geborener Sammler und Museumsmacher aus Hessen seiner Heimat-Stadt 900 Exponate seines Stoewer-Museums verkaufte, darunter restaurierte historische Autos, Fahrräder, Schreib- und Nähmaschinen. Jetzt haben sie in Szczecin einen würdigen Platz gefunden im Rahmen einer vielfältigen Sammlung polnischer Verkehrstechnik von Autos und Bussen bis zu Straßenbahnen. Lange Jahre waren die edlen Automobile der Stettiner Stoewer-Werke in Vergessenheit geraten. Mindestens genauso spannend ist die polnische Nachkriegs-Autogeschichte.

Motorengeräusch auf Knopfdruck

Überall trifft der Besucher auf Kreatives. Er kann beispielsweise per Knopfdruck bei vielen Autos für einige Sekunden das Motorengeräusch anschalten. In den 80er Jahren hatte die Stadt Stettin von ihrer Partnerstadt in Westdeutschland gut erhaltene Straßenbahnen bekommen. Die Stettiner verpassten ihnen als Spitznamen den Vornamen des damaligen Bundeskanzlers Kohl. So wird auch eine Helmut Straßenbahn ausgestellt.

Das familienfreundliche Museum hat in einer historischen Straßenbahn einen Fahrsimulator eingebaut, der von Groß und Klein gern ausprobiert wird.

Stettin als schwimmender Garten

Die Haken-Terrassen

Die Stadt Szczecin kann sich mit einem besonderen Titel schmücken. Sie ist mit Abstand die grünste Stadt in Polen. Drei große Waldregionen umgeben Szczecin, die Buch-, die Gollnower- und die Ueckermünder Heide. Sie reichen teilweise bis ins Zentrum der Stadt, durch die die Oder fließt und ihr östlicher Arm, die Regalica. Der Boulevard an der Oder lädt zum Spaziergang ein, vorbei an dem bekanntesten Bauensemble der Stadt Stettin, Waly Chrobrego und den Haken-Terrasse. Sie entstanden um das Jahr 1900 zusammen mit dem dahinterliegenden Museum und sind nach dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt benannt. Einer der besten Ausblicke auf Stettin bietet sich vom Turm der St. Jakobikirche.

Zwei Fahrstühle befördern den Besucher auf die Aussichtsplattform in 56 Metern Höhe. Der Turm selbst ist stattliche 110 Meter hoch und wurde mit Mitteln der EU im Jahr 2008 neu errichtet, 64 Jahre nach dem anglo-amerikanische Bomben Kirchenschiff, Nordfassade, den Turmaufbau wie auch die umliegenden Viertel der Altstadt in Schutt und Asche legten.

Die Oder mündet noch im Stadtgebiet in Polens viertgrößten Binnensee. Das Grün allerorten unterstreicht das Konzept des Stadtgartens Ende des 19. Jahrhunderts. Mehr als die Hälfte der Stadtfläche ist von Wasser und Grünanlagen bedeckt. Aus der Vogelperspektive erscheint die Stadt wie ein großer schwimmender Garten.

Fotos: Ronald Keusch

Quelle: www.keusch-reisezeiten.de



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