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Dieckmann! Der (fast) vergessene Bauhäusler

VonRedaktion

Mai 11, 2022

Erich Dieckmann, Drei Stühle, 1925-1935, © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz

Von Klara Berger

Erich Dieckmann. © Margit Jäschke, Foto: Matthias Ritzmann

Erstmals seit über 30 Jahren wird dem Möbelgestalter, Bauhäusler und Lehrer Erich Dieckmann (1896–1944) eine große Einzelausstellung gewidmet. Der 1944 verstorbene Designer hatte sich vor allem mit der Möbelgestaltung beschäftigt. Seine streng nach geometrischen Formen entwickelten Typenmöbel und Stuhl-Entwürfe sind in der Bauhaus-Rezeption weitgehend unbeachtet geblieben. Auch wenn seine ebenso schlichten, wie formschönen und funktionalen Sitzmöbel, insbesondere seine Stahlrohrsessel, zu Bauhaus-Ikonen wurden. Bei einschlägigen Online-Händlern kann man immer wieder Exemplare seiner avantgardistischen und inzwischen klassischen Modelle kaufen. Als Nachbau oder begehrte, kostspielige Vintage-Artikel.

Erich Dieckmann, Sessel 1930–1931, vernickeltes Stahlrohr, © GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Leipzig, Foto: Christoph Sandig

Mit rund 120 Möbeln, Grafiken, Entwürfen und Zeichnungen sowie zeitgenössischen Positionen, die sich mit Dieckmanns künstlerischen Ansätzen beschäftigen, wird nun endlich in einer umfassenden der Ausstellung einer der prägenden Bauhaus-Gestalter gewürdigt.

Erich Dieckmann, Küchenstuhl H2, © Galerie Fiedler, Berlin,Foto: Martin Müller Fotografie

Erich Dieckmann kam 1921 an das Bauhaus nach Weimar, um dort eine Tischlerlehre zu absolvieren. Nachdem das Bauhaus 1925 nach Dessau weitergezogen war, blieb Dieckmann in der Nachfolgeeinrichtung, der Staatlichen Bauhochschule Weimar und wurde dort im selben Jahr Leiter der Tischlerwerkstatt. 1931 folgte er vielen ehemaligen Bauhäuslern an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein nach Halle (Saale). Dort leitete er von 1931 bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten 1933 die Tischlereiwerkstatt. Danach schlug er sich schwer krank mit Sachbearbeiter- und Referentenjobs durch, bis er im November 1944 mit nur 48 Jahren starb.

In der Ausstellung ist Dieckmanns erster Stuhl – ein Holzstuhl mit Binsengeflecht – zu sehen, den er 1923 als Bauhausschüler entworfen hatte. Es folgen Typenmöbel, die er um 1930 für die Einrichtungsprogramme entwickelt hatte, und damit ganze Räume, wie Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer auszustatten. Doch Dieckmann bleibt nicht bei den stark geometrischen Entwürfen stehen, sondern zeigt in der Folge geschwungene, dynamische Modelle wie seine Bugholz-, Stahlrohr- und Korbmöbel beweisen. Seine Korbmöbel wurden zu Prototypen für Gartenmöbel und von anderen mehrfach wiederholt und kopiert.

Dieckmann und Schüler*innen testen seine Gartenmöbel aus Korbgeflecht, um 1931, von links: Bernhard von Brandenstein, Katharina Dieckmann, Erich Dieckmann und Hela Jöns, © Sammlung Stadtarchiv Halle (Saale), Finsler

Weitere Exponate stammen aus dem von der Kunstbibliothek erworbenen zeichnerischen Nachlass Erich Dieckmanns, der rund 1.600 Objekte umfasst und inzwischen digitalisiert und wissenschaftlich erschlossen wurde. Zu den in der Ausstellung gezeigten Objekten des Nachlasses zählen u.a. Dieckmanns Kompositionsstudien und Entwürfe zu zahlreichen Möbelstücken,

Die Sektion „Die Anderen“ ergänzt die Ausstellung um Zeitgenoss*innen Erich Dieckmanns und präsentiert Gestalter*innen, die wie Dieckmann in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gewirkt haben. Aus dem reichen Fundus des Kunstgewerbemuseums wurden dazu Möbel und Designobjekte von u.a. Marcel Breuer, Mies van der Rohe und Eckart Muthesius ausgesucht, um die Vielseitigkeit der Möbelstile um 1930 aufzuzeigen. Im dritten Ausstellungsteil „Living like Dieckmann“ demonstrieren die zeitgenössische Künstlerin Margit Jäschke und der Designer Stephan Schulz, wie man Dieckmanns Entwürfe für das 21. Jahrhundert nachhaltig, kunstvoll und nützlich weiterentwickeln kann.

Luis-Konstatin Schlicht, MRS1, 2021, © Luis-Konstatin Schlicht, Foto: CHOREO Roman Häbler, Lars-Ole Bastar

Studierende der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle befassen sich in einem eigenen Ausstellungsteil „SITZEN neu betrachtet“ mit dem einstigen Lehrer ihrer Schule und entwickelten in mehreren Semesterprojekten Arbeiten, die Dieckmanns Werk in die Gegenwart folgen. Historische Objekte, Skizzen sowie Möbel aus dem Archiv der Kunsthochschule sowie der Stadt Halle (Saale) dienten dabei als Grundlage für die aktuelle Annäherung. Auch mit mit Mitteln und Technologien der aktuellen Produktgestaltung, Material- und Rohstoffnutzung, Herstellungstechniken bzw. ökologische Produktionsprozesse spielen dabei eine Rolle.

„Gönnen wir auch unseren modernen Wohnungen etwas Menschliches,“ war Dieckmanns Maxime. Das gilt heute gleichermaßen wie vor 100 Jahren.

„Stühle: Dieckmann! Der vergessene Bauhäusler Erich Dieckmann“ ist ein gemeinschaftliches Projekt des Kunstgewerbemuseums und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin sowie der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt und der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Das Projekt wird maßgeblich durch das Land Sachsen-Anhalt gefördert.

Stühle. Dieckmann! Der vergessene Bauhäusler Erich Dieckmann

Kulturforum, Kunstgewerbemuseum, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin

noch bis 14.8.2022

Weitere Infos: www.burg-halle.de/zwischendenstuehlen

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