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Rache dürstende Götter und menschliche Leidenschaften in der Staatsoper Unter den Linden

VonRedaktion

Nov 8, 2021

Im Rahmen der diesjährigen Barocktage – noch bis zum 14. November – finden 14 Konzerte an der Staatsoper Unter den Linden statt, bei denen die Musikkultur Frankreichs zu Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Fokus steht. Dabei werden Werke von Komponisten wie André Campra, Jean-Baptiste Lully, François Couperin, Monsieur de Sainte-Colombe oder Marin Marais gespielt.


Mit der Oper „Ideomeneé“ unter der musikalischen Leitung von Emmanuelle Haïm wird in Kooperation mit der Opéra de Lille zum ersten Mal überhaupt ein Bühnenwerk von André Campra, einem zentralen Repräsentanten der französischen Barockoper, an der Staatsoper Unter den Linden und in Berlin zu erleben sein.

„Campras Musik ist geprägt von Südfrankreich, der Verbindung zur Volksmusik und dem italienischen Einfluss. Ich würde sie als sonnendurchflutet bezeichnen. „Idomeneé“ illustriert das perfekt, denn die einzigartige Persönlichkeit des Komponisten, mal schwermütig, mal überschwänglich, zeigt sich über das ganze Stück hinweg“, so Dirigentin Emmanuelle Haïm, die ihr Hausdebüt mit dieser Oper gibt und sich als ‚Anwältin‘ für dieses fast nie gespielte Stück einsetzt.

Der aus Südfrankreich stammende Campra wirkte seit den 1690er Jahren in Paris und machte in den letzten Regierungsjahren Ludwigs XIV. mit seinen rund fünfzehn damals sehr erfolgreichen Opern auf sich aufmerksam. Sein „Idoménée“ besticht durch großen Formenreichtum von streng deklamierten Rezitativen über verschiedene Arienformen und Instrumentalstücke bis zu Ballettdivertissements und ermöglicht dabei einen faszinierenden Einblick in die Tragédie lyrique der Zeit zwischen ihrem Schöpfer Jean-Baptiste Lully und ihrem späteren Reformator Jean-Philippe Rameau.

Inszeniert wird die Tragédie lyrique, ein Gesamtkunstwerk aus Gesangs-, Instrumental- und Tanznummern, von Àlex Ollé, einem der sechs künstlerischen Leiter des in Barcelona gegründeten Theaterkollektivs La Fura dels Baus, der damit erstmals an der Berliner Staatsoper Regie führt.
Es ist derselbe Stoff, der Mozart später zu seiner italienischen Opera seria „Idomeneo“ inspirierte.

Der Meeresgott Neptun lässt König Idoménée nur unbeschadet ein Unwetter überstehen, als dieser gelobt, aus Dankbarkeit den ersten Menschen zu opfern, den er trifft. Als sich das Opfer als sein Sohn Idamante herausstellt, gerät Idoménée in einen Widerstreit von Vatergefühlen, seinen Aufgaben als Souverän und religiöser Verpflichtung. Doch am Ende tötet er seinen eigenen Sohn.

Nicht nur Vater und Sohn, König und Prinz, sondern auch die rivalisierenden Königstöchter Ilione und Électre geraten in den Strudel der göttlichen Verwicklungen. Den Gattungskonventionen der Tragédie lyrique folgend stehen nicht nur die menschlichen Leidenschaften im Mittelpunkt: Auch die nach Rache dürstenden Götter Venus und Neptun haben beeindruckende Auftritte und bringen die Oper – anders als Mozarts Version – zu einem tragischen Ende.

Zum Ensemble zählen u. a. Tassis Christoyannis in der Titelrolle, Samuel Boden, Chiara Skerath und Hélène Carpentier. Es spielt das von Emmanuelle Haïm gegründete Ensemble Le Concert d’Astrée, eines der führenden Alte-Musik-Ensembles aus Frankreich, das erstmals an der Staatsoper Unter den Linden zu Gast ist und sein 20-jähriges Jubiläum während der Barocktage in Berlin feiert.

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

Weitere Vorstellungen: 10. /14./20.November 2021

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