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„Die Sache Makropulos“ und die Sehnsucht nach dem ewigen Leben

VonRedaktion

Feb 28, 2022

Ist es Glück oder Fluch unsterblich zu sein? Leoš Janáčeks Oper „Die Sache Makropulos“ widmet sich dem Thema. In der Staatsoper Unter Den Linden mit Starsopranistin Marlis Petersen eindrucksvoll in Szene gesetzt. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Was bedeutet ewiges Leben und um welchen Preis ist dieser Traum erstrebenswert? Welche Bedeutung hat der Augenblick und die Vergänglichkeit? Wie schaut man mit Distanz auf das Leben und die menschliche Existenz? Während „Die Sache Makropulos“ des tschechischen Komponisten Leoš Janáček (1854-1928) nach dem gleichnamigen Schauspiel von Karel Čapek, vordergründig ein ziemlich absurdes Kriminalstück rund um einen komplexen Erbschaftsstreit ist, wirft die in der Berliner Staatsoper Oper Unter Den Linden aufgeführte Oper unter der Oberfläche existentielle Fragen auf.

Marlis Petersen als Emilia Marty

Čapek, der vor allem durch seinen Schelmenroman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ bekannt und berühmt wurde, hatte hier nun den surrealen Einfall, mit der Operndiva Emilia Marty eine 337 Jahre alte, in ihrem sozialen Agieren aber dank eines Jugendelixiers im besten Verführalter stehende Frau als Zeitreisende aus der Spätrenaissance im Prag der „goldenen Zwanziger“ reichlich Verwirrung stiften zu lassen.

Als Tochter des Alchimisten Hieronymus Makropulos am Hofe Kaiser Rudolf II, musste sie sozusagen als Versuchskaninchen auf kaiserlichen Befehl ein vom Vater gemixtes Elixier trinken, dass ewiges Leben schenken sollte und sie zum Zombie machte. Ein Schicksal, das sie schon 3 Jahrhunderte lang umtrieb – in wechselnden Gestalten und Identitäten, die alle mit den Initialen E. M. beginnen. Nun, – Handlungsort Prag 1922 – wo die Wirkung merklich nachlässt und sie zu altern beginnt, sucht sie verzweifelt nach der Formel des lebensverlängernden Elixiers, die im Laufe der Jahrhunderte abhanden gekommen ist.

Dazu begibt sie sich in eine kafkaesk anmutende Anwaltskanzlei, die einen schon seit hundert Jahren schwelenden Erbschaftsprozess vertritt und verwirrt die aktuell Beteiligten durch ihr unerklärliches Detailwissen über längst vergangene Vorgänge. Dabei nutzt die kühle Schönheit die Tatsache, dass ihr alle Männer verfallen sind, für ihre rätselhaften Absichten aus.

Nach und nach wird klar, unter den sich inzwischen angehäuften Bergen von Papier aus dem endlosen Prozess befindet sich die Rezeptur für das Wunder-Elixier, das Emilia in ihre Hände bekommen muss, um weitere 300 Jahre zu existieren.Doch nachdem sie buchstäblich über Leichen gegangen ist und endlich das Dokument in den Händen hält, begreift sie, welchen Preis ewiges Leben hat. Unendlich müde und überdrüssig verschenkt sie es und ergibt sich in einer quasi Erlösungsapotheose dem Los alles Sterblichen.

Grandios Marlis Petersen mit leuchtendem, alle Facetten auslotenden Sopran in der Rolle der zwischen Sehnsucht und Zynismus, Überdruss und Lebensgier schwankenden Emilia. In jeder Szene von faszinierender Präsenz und überzeugender Stilsicherheit. Auch die weiteren Akteure beeindruckend: Bo Skovhus als Adelsgigolo Jaroslav Prus, Spencer Britten als sein emphatisch sich selbstmordender Sohn, die drei weiteren Tenöre Ludovit Ludha (Prozessgegner Albert Gregor), Peter Hoare (Anwaltsgehilfe Vitek), Jan Ježek (Altverehrer Hauk-Sendorf), sowie Jan Martiník (Anwalt) und Natalia Skrycka als Viteks theaterschwärmende Tochter Krista.

Nach den Opernproduktionen „Aus einem Totenhaus“, „Katja Kabanowa“ und „Jenufa“ sowie der konzertant aufgeführten »Glagolitischen Messe«, setzt Stardirigent Simon Rattle mit dieser Neuproduktion seine künstlerische Auseinandersetzung mit zentralen Werken von Janáček an der Berliner Staatsoper fort. Auch Regisseur Claus Guth, ebenfalls regelmäßiger Gast an der Staatsoper, kehrt nach dem Erfolg mit der Uraufführung von Beat Furrers „Violetter Schnee“ Anfang 2019 mit seinem Team zurück: Étienne Pluss, der für sein Bühnenbild zu „Violetter Schnee“ mit dem FAUST-Preis ausgezeichnet wurde, ist erneut für das Bühnenbild verantwortlich, Ursula Kudrna für die Kostüme.

Eine rundum gelungene Produktion, die eine neue Sicht auf Janáček erlaubt und zu Recht stürmisch gefeiert wurde.

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

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