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Ethnologische Museum im Humboldt-Forum – ein gigantisches Projekt und nicht unumstritten

VonRedaktion

Okt 24, 2021

Die Präsentation der Weltkultur-Schätze aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien im Berliner Humboldt-Forum ist ein gigantisches Projekt. Das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin haben nun ihre ersten Ausstellungsräume im Humboldt Forum eröffnet. Im zweiten und dritten Obergeschoss des Westflügels werden bedeutende Bestände der beiden Museen zu sehen sein, die bis vor vier Jahren in Berlin-Dahlem ausgestellt waren, etliches wird aber auch erstmals gezeigt werden. „Wir eröffnen eine Ausstellungsfläche, die so groß ist wie die Ausstellungsfläche des Alten Museums“, sagt Chefrestaurator Toralf Gabsch. Auf 4.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden insgesamt circa 3.000 Museumsobjekte präsentiert, die in den letzten zwölf Jahren bearbeitet worden seien, so Gabsch.



Und bis zum Sommer des kommenden Jahres werden auf weiteren Ausstellungsflächen noch weit über 20.000 Objekte dazu kommen. „Mit diesen Sammlungen im Humboldt Forum und jenen zur Kunst- und Kulturgeschichte Europas und des Nahen Ostens auf der Museumsinsel wird die Mitte Berlins damit zu einem wahren Ort der Weltkulturen“, freut sich Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, bei der Eröffnung.Zu den Highlights gehören u.a. besondere Objekte wie ein 50 Quadratmeter großes chinesisches Bild einer Buddhapredigt aus dem 18. Jahrhundert, ein Thron aus dem Königreich Bamum (Kamerun) aus dem 19. Jahrhundert, Boote aus verschiedenen Regionen Ozeaniens, die teilrekonstruierten Höhlen der Seidenstraße, die Kunstschätze des Hinduismus, japanische Stellschirme und vieles mehr. In die Ausstellungen integriert sind auch zeitgenössische künstlerische Interventionen, die sich unmittelbar auf die Sammlungen beziehen oder in Auseinandersetzung mit ihnen entstanden sind, etwa die raumgreifende „Township Wall“ des angolanischen Künstlers António Ole oder ein als Kunstwerk gestaltetes Kleid der namibischen Modekünstlerin Cynthia Schimming. Spektakulär sind auch die Raumgestaltungen wie etwa der elliptische Hörraum der Musikethnologie vom chinesischen Architekten und Pritzker-Preisträger Wang Shu gestaltete Raum im Museum für Asiatische Kunst.

Ein gigantisches Projekt auch, weil hier nun ganz neue Wege der Museumspräsentation gefunden werden mussten. Denn ein höchst brisantes Thema beeinflusste seit Anbeginn das ehrgeizige Projekt einer Zusammenführung globaler Kulturschätze an einem Ort: Die Frage nach der Herkunft der gezeigten Objekte. Kunstwerke, archäologische Fundstücke und Artefakte, für die 10 Millionen Euro an Restaurierungskosten aufgewendet wurden und von denen jedes einzelne auf sein Provenienz überprüft, entsprechend ausgewiesen und gegebenenfalls an die die Herkunftsländer zurückgegeben werden muss. Quasi eine Lebensaufgabe für die vier festangestellten ProvenienzforscherInnen. Etwa 4.000 Jahre würde es dauern, so die Chefin des Zentralarchivs, Christina Howald, um für jedes einzelne der rund 20.000 kolonialen Objekt die Herkunft zweifelsfrei festzustellen. Aber die Bereitschaft zur Aufklärung und Restitution ist groß, auch wenn das für viele europäische Museen zu einem gewaltigen Kahlschlag führen könnte.

Und so erlebt der Besucher mehr als eine eindrucksvolle Schau zum größten Teil einmaliger exotischer Exponate. Die Exponate erzählen Geschichten von damals und heute, davon, auf welche Weise sie nach Europa gelangten und was sie noch heute für die Menschen in den Herkunftsländern bedeuten. Dabei geht es eben nicht mehr nur um den westlichen Blick auf die Geschichte, erwünscht und auch schon angelaufen ist der interkulturelle Dialog, der dynamische Prozess zwischen den Kulturen um zu mehr Verständnis und Toleranz zu kommen.

Dabei geht es auch nicht nur um die koloniale „Opferrolle“. Zu berücksichtigen im Diskurs ist auch die Tatsache, dass viele, wenn nicht die meisten Objekte überhaupt nur deshalb noch vorhanden sind, weil sie – wenn auch oft unter verbrecherischen Umständen – in den Besitz und die Obhut europäischer Museen und Sammler gekommen sind.

Die Ambivalenz der Sachlage zeigt sich besonders deutlich am Beispiel des sogenannten Luf-Bootes, zweifellos die Hauptattraktion der Sammlung. Das Boot aus Papua-Neuguinea, ein 15 Meter langer, prachtvoll verzierter Zweimaster kam im Winter 1904 nach Berlin. Zuvor hatten Soldaten der kaiserlichen Marine viele Menschen in der damaligen Kolonie Deutsch-Neuguinea in Ozeanien ermordet – auch auf der Insel Luf, deren Bewohner seit dem als ausgestorben galten. Aber, wie sich im Zuge der Provenienzforschung herausstellte, existieren auf umliegenden Inseln Nachfahren der Luf-Insulaner. Stanley Innum ist einer davon und ihr Sprecher. In einer bewegenden Video-Botschaft äußert er stellvertretend für sein Volk die Freude, dass dieses Boot noch existiert, restauriert und als wichtiges Erbe ihrer Kultur erhalten werden konnte. Das einzigartige Zeugnis ihrer Kultur soll in Berlin bleiben aber es wurde der Wunsch ausgesprochen, das Boot im Original zu sehen und zu begutachten, um es dann als Wahrzeichen ihrer Identität nachzubauen. Und so wird also in naher Zukunft eine Delegation der Luf-Nachfahren das Humboldtforum besuchen.

,Wie sollen wir außereuropäische Kunstwerke betrachten, wird der Besucher zu Beginn des Rundgangs im Raum „Ansichtssachen“ gefragt und mit der These konfrontiert, dass das, was wir wissen und das, was wir glauben, unsere Wahrnehmung beeinflusse.

Die Sammlungen und die gezeigten Objekte werden daher aus unterschiedlichen Perspektiven präsentiert oder kommentiert. Von Beginn an war es ein Anliegen der Kuratorinnen und Kuratoren, dem multiperspektivischen Blick zu folgen. Das bedeutet, dass die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern und Mitgliedern von Herkunftsgesellschaften integraler Bestandteil des Ausstellungskonzeptes war. Dabei präsentieren die Museen nicht nur aktuelle, kooperative Forschung zu den Objekten und neue Ausstellungs- und Vermittlungskonzepte, sondern stellen sich auch der eigenen Sammlungsgeschichte und aktuellen postkolonialen Fragen. Die kritische Aufarbeitung der Provenienzen und Erwerbungskontexte ebenso wie deren Einbettung in die Kolonialgeschichte sind Teil der Erzählung im Humboldt Forum .

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

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