ŒDIPE an der Komischen Oper Berlin

Mit ŒDIPE von George Enescu ist nach über 20 Jahren ein einzigartiges Stück Musiktheater des 20. Jahrhunderts erstmals wieder in Berlin zu erleben. Foto: Ingrid Müller-MertensMit ŒDIPE von George Enescu ist nach über 20 Jahren ein einzigartiges Stück Musiktheater des 20. Jahrhunderts erstmals wieder in Berlin zu erleben. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Von Katharina Zawadsky.

Mit ŒDIPE ist nach über 20 Jahren ein einzigartiges Stück Musiktheater des 20. Jahrhunderts erstmals wieder in Berlin zu erleben. Und damit auch ein würdiger Einstieg in die letzte Spielzeit von Barrie Kosky als Intendant der Komischen Oper. 25 Jahre hat der rumänische Komponist George Enescu (1881-1955) an seiner einzigen Oper gearbeitet, die 1936 in Paris uraufgeführt wurde. Entstanden ist ein Meisterwerk, das es verdient, in einer Reihe mit Alban Bergs Wozzeck oder Claude Debussys Pelléas et Mélisande genannt zu werden.

Leigh Melrose in der Titelpartie. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Leigh Melrose in der Titelpartie. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Gerahmt zwischen Geburt und Tod wird das Leben von Ödipus behandelt,einem der bedeutenden tragischen Helden der griechischen Mythologie.

Ein Opernereignis, dass allerdings ohne Leigh Melrose in der Titelpartie kaum machbar gewesen wäre. Der britische Bariton gilt zu Recht als einer der bedeutenden Spezialisten für die Opern des 20. Jahrhunderts.

Das Drama aus dem antiken Griechenland, geschrieben von Sophokles um 425 vor Christus, behandelt das durchaus zeitlose Thema des unausweichlichen Schicksals: Aufgrund eines schrecklichen Orakelspruchs von seinen Eltern ausgesetzt, bei Pflegeeltern ohne das Wissen über seine wahre Herkunft aufgewachsen, stemmt sich Ödipus mit all seiner Kraft gegen das scheinbar ausweglose Schicksal und kann doch nicht anders, als eben dieses Schicksal zu erfüllen: Wie vom Orakel angekündigt, tötet er seinen (ihm unbekannten) Vater und schläft mit seiner Mutter. Als er schließlich die schreckliche Wahrheit erfährt, nimmt er sich selbst das Augenlicht. Doch seinem Schicksal entkommt er auch durch diesen gewaltsamen Akt der Selbstbestrafung nicht. Erst in der Erkenntnis, dass der ewige, sinnlos erscheinende Kampf gegen das Schicksal Ziel und Bestimmung des Lebens ist, findet Ödipus schließlich seinen Frieden.

Ein packendes, zuweilen schockierendes Drama in kargem Bühnenbild (Rufus Didwiszus ) mit viel Mystik, Grausamkeit und Theaterblut. Inszeniert vom aufstrebenden russischen Regisseur Evgeny Titov, der mit seiner Inszenierung von Gorkis Sommergästen bei den Salzburger Festspielen 2019 für Furore sorgte.

Gänsehautmomente von Anfang bis Ende durch die üppig strömenden Klangbilder Enescus zwischen archaischen Tönen, rauschhaften Impressionen und gewaltigen, oratoriumshaften Chören. Chefdirigent Ainärs Rubikis ließ das Orchester zur Höchstform auflaufen. Besonderer Effekt: Der Chor ist über den ganzen zweiten Rang verteilt (Leitung David Cavelius) und füllt von oben herab zusammen mit Vocalconsort und dem Kinderchor der Komischen Oper (Dagmar Fiebach) den ganzen Raum mit überwältigender Klangfülle. Eine Offenbarung, die nahezu in Trance versetzt. Dass das Stück pandemiebedingt auf zwei pausenlose Stunden verkürzt wurde, verstärkt die monumentale Wirkung und erweist sich nicht als Nachteil.

Ein Abend überwältigender Schauspiel- und Sangeskunst. Wie schon eingangs gesagt: Überragend Leigh Melrose als Ödipus, der das Werk sowohl stimmlich als auch darstellerisch von Beginn bis zur Schlussapotheose souverän beherrscht.

Vazgen Gazaryan Susan Zarrabi,Leigh Melrose. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Vazgen Gazaryan Susan Zarrabi,Leigh Melrose. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Das hochkarätige Solistenensemble, unter anderem mit Jens Larsens (Tiresias), Vazgen Gazaryans (Hohepriester) und den beiden Mutterfiguren Karolina Gumos (Jocaste) und Susan Zarrapis (Merope) fasziniert mit tiefgründigen Charakterbildern.

Überschwängliche Begeisterung des Premierenpublikums.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=nLERf1YxPKA&t=21s

Nächste Vorstellungen: 11. und 26.September

www.komische-oper-berlin.de


Kommentar hinterlassen zu "ŒDIPE an der Komischen Oper Berlin"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*