Die Operette mit dem „Z-Wort“ – Klassiker von Johann Strauß neu interpretiert

Die Komische Oper Berlin wagt sich an die Neuinterpretation eines Operettenklassikers von Johann Strauß und nennt sie Der »Zigeuner«baron. 
Dominik Köninger (links), als Graf Peter Homonay und Thomas Blondelle als Sándor Barinkay.   
Foto: Monika RittershausDie Komische Oper Berlin wagt sich an die Neuinterpretation eines Operettenklassikers von Johann Strauß und nennt sie Der »Zigeuner«baron. Dominik Köninger (links), als Graf Peter Homonay und Thomas Blondelle als Sándor Barinkay. Foto: Monika Rittershaus

Als am letzten Sonntagabend nach acht Monaten Corona-Zwangspause die Komische Oper erstmalig wieder zu einer Vorstellung einlud, hätte die Freude und Rührung nicht größer sein können. Begeisterter Applaus der getesteten, genesenen oder geimpften Gäste für Hausherrn Barrie Kosky, der es sich natürlich nicht nehmen ließ, sein maskenvermummtes erwartungsvolles Publik zu begrüßen und auf den Abend einzustimmen. Und das war auch nötig. Denn das Haus hatte gleich eine Premiere zu bieten, die schon im Vorfeld zu Diskussionen herausforderte und nicht unumstritten war und ist.

Foto: Komische Oper/Monika Rittershaus

Foto: Komische Oper/Monika Rittershaus

Siebzig Jahre nach Walter Felsensteins legendärer Aufführung des „Zigeunerbaron“ , inszenierte der für seinen Bayreuther Tannhäuser gefeierte Regie-Star Tobias Kratzer nun eine der berühmtesten Operetten von Johann Strauß (1825 – 1899). Nach eigenen Aussagen als Parabel auf die Konflikte einer multikulturellen Gesellschaft. Eine Neufassung, die „verdichtet auf die zeitlosen Themen wie  Ausgrenzung und Integration, Heimatlosigkeit und Entwurzelung und das Auffinden einer neuen Heimat – und die zerstörerische und doch auf fatale Weise einheitsstiftende Wirkung von Krieg. . . eingehen will. Für Regisseur Tobias Kratzer bietet das Stück »eine hervorragende Folie für das, was Theater auch sein kann: Auf der Bühne exemplarisch verschiedene Konfliktsituationen vorzuführen, mit denen man sich auch in der eigenen Gesellschaft auseinanderzusetzen hat.

Man war gespannt, wie das aussehen sollte.

Dazu wurde erst einmal der historische Titel des Werkes der aktuellen Diskussion angepasst. Da man nicht ganz auf das böse Z-Wort verzichten konnte – eines der populärsten und meistgespielten Werke der Wiener Operette heißt nun mal so – sollen Anführungszeichen die heutige Distanz verdeutlichen.

Philipp Meierhöfer als reicher Schweinezüchter Kalmán Zsupán. Foto: Komische Oper/ Monika Rittershaus

Philipp Meierhöfer als reicher Schweinezüchter Kalmán Zsupán. Foto: Komische Oper/ Monika Rittershaus

Der „Zigeuner“baron – im Original Mitte des 18.Jahrhunderts in der Donaumonarchie angesiedelt – spielt nun kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs. In der – auch Corona-Bedingungen geschuldeten – pausenlosen Kurzfassung von 100 Minuten wird die Geschichte aus der Perspektive des Grafen Homonay (Dominik Köninger) erzählt, der als k.und k.-Husar zur Einstimmung auf offener Bühne ein bisschen zu lange über die glorreichen alten Zeiten sinniert, nostalgische Schellackplatten abspielt und sich – dem Publikum stockt der Atem- ein „Z-Schnitzel“ schmecken lässt. „Das Zigeunerschnitzel wollen sie mir auch noch nehmen“, ruft er grimmig in die Runde und outet sich eindeutig als reaktionärer Anhänger der alten Ordnung.

Und da ist man auch schon mitten im Dilemma. Das weltbekannte walzerselige Strauß-Opus lebt natürlich vom „Zigeuner“-Ambiente, mit farbenfroher Szenerie, verklärter Romantik und exotischem Flair. Auch wenn das ursprüngliche Libretto (Ignatz Schnitzer) durchaus Widersprüche und Vorurteile aufzeigt, ganz eliminieren lässt sich das Z-Thema eben nicht. Auch nicht durch den rigorosen Verzicht auf äußere Attribute,  Stereotype und Klischees. Die Z-Lieder bleiben zwangsläufig erhalten – Anführungsstriche sind schwer zu singen.

Thomas Blondelle (Sándor Barinkay), Mirka Wagner (Saffi) und Katharina von Bülow (Czipra). Foto: Monika Rittershaus

Thomas Blondelle (Sándor Barinkay), Mirka Wagner (Saffi) und Katharina von Bülow (Czipra).
Foto: Monika Rittershaus

Alle handelnden Personen in einem ganz und gar nicht operettenhaften Einheitslook gleichermaßen grau und düster darzustellen mag vielleicht nach heutigem Verständnis eine politisch korrekte Lösung sein, des Walzerkönigs beliebteste und vielleicht anspruchsvollste Operette ist es so nicht mehr.

Da nicht jeder mit dem Inhalt des Werkes detailliert vertraut ist, macht sich dann auch angesichts der fehlenden optischen Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen den Gesellschaftsklassen und Minderheiten Irritation breit. Sinn und Grundkonflikte der Handlung bleiben lange nebulös. Das Publikum zunächst ganz ungewöhnlich reserviert. Warum die überaus beliebte Bravour-Arie des Schweinezüchters Zsupán „Ja das Schreiben und das Lesen:..“ zu einem schwarz/weiß-Video vom Band ertönt, erschließt sich auch nicht ganz. Löste aber immer hin – nun ja – die Schockstarre im Publikum auf und die in keiner Fassung tot zu kriegenden hinreißenden Melodien des Walzerkönigs verfehlten ihre Wirkung auch in dieser Interpretation nicht. Das nach der langen Zwangspause besonders spielfreudige Ensemble lockerte dann zusehends die Stimmung auf. Frenetischer Beifall am Ende für die Solisten. Mirka Wagner (Saffi ) entzückte mit warmherziger Darstellung und leuchtendem Sopran, Thomas Blondelle als Titelheld Sandor Barinkay überzeugte mit Verve und operettenhaftem Schmiss, Dominik Köninger bleibt als Graf Homonay etwas unterfordert. Das Orchester als Backgroundband im Bühnenhintergrund unter Stefan Soltesz wirkt noch etwas steif, hervorragend der Chor, leider komplett unsichtbar. Der Regisseur war aus persönlichen Gründen nicht anwesend. Das eine oder andere Buh wäre wohl fällig gewesen.

Ein Abend, der etwas ratlos zurücklässt. Auch so mancher genderbewußte und jedweder Diskriminierung oder Rassismus abholde Besucher mag mit der strengen und absolut nicht werkgetreuen Auslegung seine Schwierigkeiten haben.

Schließlich rettete Barrie Kosky mit seinem unnachahmlichen Charme die Stimmung des Premierenabends durch die Verleihung seines „Golden Flipper“-Preises. Eine Auszeichnung, die alljährlich an Mitglieder des nicht künstlerischen Personals verliehen wird und diesmal der in Zeiten fast tägliche erforderlicher Umplanungen besonders verdienten Chef-Disponentin Saskia Lintzen und dem in den vergangenen Monaten hauptsächlich mit Tests und der Umsetzung von Hygieneregeln beschäftigten Produktionsleiter Sebastian Ukena zuteil wurde. Herzlicher Applaus. Die Welt war wieder in Ordnung.

Komische Oper Berlin:

Johann Strauss: Der „Zigeuner“baron

Operette in drei Akten [1885]

Nächste Vorstellungen : 26., 28.Juni, 1.Juli

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