Eisbärin Tonja wurde als junge Bärin in Russland vertauscht

Tonja (rechts) mit Tochter Hertha.  Foto: Tierpark-Berlin 2021Tonja (rechts) mit Tochter Hertha. Foto: Tierpark-Berlin 2021

Im vergangenen Jahr tauchten im Zoo Moskau Unterlagen auf, welche Zweifel an der Abstammung der Tierpark-Eisbärin Tonja aufkommen ließen. Eine daraufhin vom Tierpark Berlin in Auftrag gegebene Genanalyse lieferte nun das Ergebnis: Tonja wurden vor ihrem Umzug nach Berlin vor mehr als 10 Jahren die falschen Dokumente zugeordnet. Bevor Tonja nach Berlin zog, war sie – zeitgleich mit einer gleichaltrigen Bärin – in Moskau in Quarantäne. Als Folge dieser Verwechslung soll Tonja in absehbarer Zeit keinen weiteren Nachwuchs bekommen, kann aber gemeinsam mit ihrer Tochter Hertha bis auf weiteres in Berlin bleiben.

Zum 2.Geburtstag von Eisbärin Hertha gab es eine leckere Eistorte. Foto: Tierpak Berlin 2020

Zum 2.Geburtstag von Eisbärin Hertha gab es eine leckere Eistorte. Foto: Tierpak Berlin 2020

Der Biologin Marina Galeshchuk aus dem Zoo Moskau fielen 2020 bei der Durchsicht älterer Unterlagen widersprüchliche Angaben bezüglich des Geburtsdatums von Eisbärin Tonja auf: Während in allen bislang vorliegenden Unterlagen der 14.11.2009 als Geburtsdatum angeführt war, tauchte nun ein Dokument auf, in dem der 16.11.2009 als Geburtsdatum angegeben wurde. Tatsächlich gab es damals bei einer anderen Eisbärfamilie in Moskau beinah zeitgleich zur Geburt Tonjas ein weiteres weibliches Jungtier, das in den offiziellen Unterlagen mit Geburtsdatum 16.11.2009 gelistet ist. Umgehend hat der Tierpark Berlin, in dem Tonja seit Januar 2011 lebt, in Absprache mit dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Eisbären (EEP) das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) um eine Elternschaftsanalyse der Eisbären gebeten. Die Forscher*innen stellten dabei fest, dass Tonjas Eltern nicht, wie bisher angenommen, die Eisbären Untay und Murma sind, sondern Vrangel und Simona. Marina Galeshchuk, seit Sommer 2020 Koordinatorin des EEP, erklärt: „Unser Ziel ist es, im Sinne des Artenschutzes eine genetisch möglichst vielfältige Eisbärpopulation zu erhalten.“ Da die Abstammungslinie von Vrangel und Simona in Europa sehr stark repräsentiert ist, hat das EEP in einer Sondersitzung nun entschieden, dass Tonja vorerst keine weiteren Nachkommen haben soll.

Foto: Tierpark Berlin 2019

Foto: Tierpark Berlin 2019

Das gleiche gilt für ihre Tochter Hertha, die Ende 2018 im Tierpark Berlin gesund zur Welt kam. Von den selben Eltern wie Tonja stammt auch Herthas Vater ab, der Eisbären-Mann Wolodja, der am 27.11.2011 in Moskau zur Welt kam. Herthas Eltern sind also Bruder und Schwester. „Wäre uns das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Tonja und Wolodja bekannt gewesen, hätten wir die beiden Eisbären selbstverständlich nicht für eine Zucht empfohlen. Das war ein Fehler“, so Marina Galeshchuk.

Bevor Tonja ihren Nachwuchs Hertha erfolgreich aufzog, verstarben einige Jungtiere bereits in den ersten Lebenswochen, darunter auch der Eisbär Fritz. Dessen Obduktion wurde im Leibniz-IZW in der Wildtierpathologie durchgeführt. Der Tierpark Berlin hat hierzu Prof. Dr. Achim Gruber, Direktor des Instituts für Tierpathologie an der Freien Universität Berlin, zu Rate gezogen, um zu klären, ob ein Zusammenhang zwischen dem Verwandtschaftsverhältnis der Elterntiere und dem Tod der Jungtiere besteht: Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen – sowohl für Eisbär Fritz, dessen Todesursache multiples Organversagen aufgrund einer Leberschädigung war, als auch beim weibliche Jungtier (ohne Namen), das 2017 kurz nach der Geburt an einer Lungenentzündung infolge aspirierter Milch gestorben war. „Es besteht grundsätzlich keine Möglichkeit, eine solche Vermutung anhand von wissenschaftlichen Analysen abschließend zu bestätigen oder auszuschließen – eine Diskussion darüber wäre also reine Spekulation“, erklärt Prof. Dr. Achim Gruber. Die Jungtiersterblichkeit ist bei Eisbären auch im natürlichen Lebensraum hoch: Vier von fünf Jungtieren erreichen das zweite Lebensjahr nicht. In menschlicher Obhut überleben immerhin 50%.

Foto:© 2018 Tierpark Berlin / Zoo Berlin

Foto:© 2018 Tierpark Berlin / Zoo Berlin

Das Ergebnis der Genanalyse war für alle Beteiligten im Tierpark Berlin ein Schock. „Für die verantwortungsvolle Arbeit des Europäischen Erhaltungszuchtprogrammes ist dieser folgenschwere Fehler ein sehr bedauerlicher Rückschlag“, macht Zoo- und Tierparkdirektor Dr. Andreas Knieriem deutlich und betont: „Es muss jetzt darum gehen, aus solchen Fehlern zu lernen und unsere Arbeit in allen Bereichen noch stärker auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Wir werden daher noch intensiver mit wichtigen Partnern wie dem Leibniz-IZW und der Freien Universität zusammenarbeiten. Unsere Möglichkeiten sind da heute ganz andere, als noch vor 10 Jahren.“ Für die Zukunft der Eisbären sei es wichtig, dass dank der Genanalyse nun Klarheit bestehe, so Knieriem. „Gemeinsam mit dem EEP haben wir beschlossen, dass Hertha und Tonja nun bis auf Weiteres Berlinerinnen bleiben werden. Die Tatsache, dass die beiden putzmunteren Bärinnen sich bestens miteinander verstehen, ändert sich glücklicherweise nicht.“

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