Meeresrauschen und Thai-Küche

Eine Winterreise an die polnische Ostseeküste auch in Corona-Zeiten. Foto: Ronald KeuschEine Winterreise an die polnische Ostseeküste auch in Corona-Zeiten. Foto: Ronald Keusch

Von Ronald Keusch.

Wir stapfen auf einem schmalen fest getretenen Pfad an der polnischen Ostsee-Küste entlang. Der in der Nacht gefallene Schnee und der Frost haben eine bizarre Eislandschaft geformt. Ohne Unterlass rauschen die Meereswellen und die Gischt spritzt kleine Eisklumpen über schroffe Eisbarrieren am Strand. Vom blauen Himmel lacht die Sonne und lässt Schneekristalle leuchten. Die breiten schneeweißen Strände sind menschenleer, nur ganz in der Ferne sind Spaziergänger zu sehen. Eine erholsame und trotz der Schneemassen eine entspannte Wanderung am Strand.

 

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Kann man nach diesem Anfang mit dem Reisebericht fortfahren, in dem man zunächst einiges über Regelungen und Verordnungen der Bundesregierung aufschreibt? Es ist wohl notwendig, um heutzutage Reisefreuden und Reiseleiden zu verstehen.

Seit der jüngsten Kanzlerin Merkel-Runde mit den Ministerpräsidenten (sozusagen der neuen Corona-Regierung in Deutschland) gibt es immer noch keine Perspektive für die Öffnung von Hotels. Anfang November ist in Deutschland der Hotelbetrieb im Wesentlichen eingestellt worden. Einzig Buchungen von Geschäftsreisenden sollen noch möglich sein und als Einnahmequelle herhalten. In deutschen Tourismus-Regionen, auch an der Ostsee, natürlich auch einige Dutzend Kilometer in westlicher Richtung von Pobierowo entfernt, z. B. auf der Insel Usedom, sind die Hotels dicht, ohne Perspektive für die Hoteliers, ohne Nachweis der Notwendigkeit eines solchen nun viermonatigen Berufsverbotes, Ignoranz der Macht ohne wissenschaftlichen Beleg. Und scheinbar ist auch kein Stufenplan, der diskutiert wurde, in Sicht. Die Rede war von Öffnungen bei 35, 20 und zehn (jeweils Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen) – genauso willkürliche Zahlen wie 50 als Messgröße für die Einstufung als Risiko-Gebiet. Also erst Hotel-Öffnungen bei einer Inzidenz von weniger als 20? Man stolpert über Bürokraten-Deutsch in dem Beschluss und man ist erstaunt über das strikte Vorgehen gegen den Tourismus und das Reisen. In bislang ungekannter Schärfe wird dekretiert:

„Nicht notwendige private Reisen und Besuche – auch von Verwandten – sind weiterhin zu unterlassen. Das gilt auch im Inland und für überregionale tagestouristische Ausflüge“ (Auszug aus Beschluss)

reval-13Keine guten Aussichten, aber auch kein Verbot von Reisen, sofern Einhaltung von Kontaktverbot gewährleistet ist. Allerdings raten die Merkel-Pandemiker in der Regierung von Bund und Land von Reisen stark ab, weil sie in überregionalen Reisen wegen der damit verbundenen Mobilität einen Treiber des Infektionsgeschehens sehen. In anderen Ländern haben Hotels geöffnet wie Schweiz, Niederlande, Frankreich. In Polen sind zunächst nur für Geschäftsreisende Hotels geöffnet, dann in der 2. Februarwoche ist auch die Öffnung für Touristen gestattet worden. Es soll bis zum Ende des Monats getestet werden, dann will man entscheiden, wie weiter zu verfahren ist. Vor Reisen ins Ausland wird auch in anderen Ländern gewarnt. Aber Deutschland beansprucht durch besonders scharfe Regeln und Aufforderungen eine führende Position. Wann in Deutschland wieder Hotels öffnen werden, ist weiterhin nicht klar. Doch Tourismus und Hotellerie benötigen unbedingt eine Perspektive. Sie ist in den Merkel-Beschlüssen nicht zu finden. Nun also: Kann man denn auf die Reise gehen, wenn so viele ehrenwerte Gremien stark davon abraten, eine verlängertes Urlaubswochenende an der polnischen Ostseeküste einlegen? Ja, auf jeden Fall! Zunächst: Was bei einer Reise mit dem eigenen Auto die Gefahr betrifft, als Infektionstreiber auffällig zu werden, sei bei dieser Polenreise in einem Satz beantwortet: Es fand eine Null Kontakt Tour von Berlin bis ins Hotel statt.

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Ziel der Reise ist das online bestellte Quartier im Appartement Hotel Wy&Spa in Pobierowo. Es liegt unmittelbar an der Küste mit Blick auf die Ostseewellen, den vereisten Strand, Meeresrauschen inklusive. Bei einem Spaziergang durch den Ort entdeckt der deutsche Urlauber schon wieder etwas in der Heimat Verbotenes. In einem Schaufenster taucht in blauer Farbe die Leuchtschrift „open“ auf und wird mit polnischer Pop-Musik untermalt. Die blonde Frisöse Elena, wie wir erfahren aus der Ukraine, fegt Schnee vom Fußweg vor dem Studio Urody Marakesz in der Moniuszkistr. 1 in Pobierowo. Seit dem letzten Herbst ist der Friseursalon durchgehend geöffnet. Ein Herrenschnitt ist für 39 bis 55 Zloty zu haben, der Schnitt einer Damenfrisur ist etwas teuer 70 Zloty. (4,5 Zloty = 1 Euro) . Auch in dem kleinen Friseurladen steht ein Teller mit Pfannkuchen auf dem Tisch des Warteraums. Am 11. Februar, dem Donnerstag vor Aschermittwoch, bevor die Fastenzeit beginnt, die bis zu den Ostertagen dauert, wird hier wie überall in Polen der fette Pfannkuchen gefeiert. Nach der Tradition muss jeder mindestens einen Pfannkuchen essen, um sich für den Rest des Jahres Glück und Wohlstand zu sichern.

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Köche aus Thailand

Nach zwei Tagen Aufenthalt sind wir immer noch die einzigen Gäste im Hotel Wy&Spa. Bei gebuchter Halbpension haben wir am Abend die Auswahl à la carte mit einem Dutzend Vorspeisen und einem weiteren Dutzend Hauptgerichten. Welches deutsche Hotel würde diesen Aufwand für zwei Gäste auf sich nehmen? Eine Besonderheit auf der Speisekarte sind fünf Spezialitäten aus Thailand, bei Zuzahlung von 20 Zloty (4,50 Euro) zum Preis der Halbpension. Wieso werden hier an der Küste asiatische Spezialitäten serviert? Es gibt eine einfache Erklärung. Alle Köche vom Wy&Spa sowie vom nahen Wellness Resort Oasis im wenige Kilometer entfernten Ort Rewal stammen aus Thailand. Mit der Entscheidung für die thailändische Kochkunst hat das Betreiber- und Eigentümer-Ehepaar Gabriela und Michael Krull eine glückliche Hand bewiesen. Beide haben übrigens von der Pike auf in der Hotelbranche ihre Sporen verdient, in europäischen Großstädten und später gemeinsam im berühmten Warschauer Luxus-Hotel „Bristol“ Seit 20 Jahren zählen die Häuser des Ehepaars mit ihren insgesamt 50 Appartements zu den angesagtesten Adressen der Hotelbranche. Vierzig Mitarbeiter sind für die Gäste da, die die Schönheit der Küstenlandschaft und die Ruhe und Entspannung im Spa suchen. Und sie finden zudem eine ganz außerordentliche Küche, was nicht nur Reisejournalisten, sondern auch die Gourmets der Zeitschrift „Feinschmecker“ würdigen.

Das Hotel Wy&Spa wird natürlich auch dem „Spa“ in seinem Namen gerecht. Nach viel zu langer Wartezeit durch den Lockdown zu Hause endlich wieder Saunagänge einschließlich Aufguss erleben. Eine geräumige Trocken-Sauna bringt es auf 90 Grad. Im Spa-Bereich werden professionelle Massagen zu moderaten Preisen angeboten. Rund um den Urlaubsort Pobierowo befindet sich eine ganze Reihe von sehenswerten Ausflugs-Zielen. Ein Tagesziel ist der nur wenige Kilometer entfernte bekannte kleine Urlaubsort Rewal. Von der Ortskirche mit dem Kreuz auf der Turmspitze sind es nur wenige hundert Meter bis zur Promenade. Zahlreiche Restaurants und Cafes liefern nur Getränke wie Grzaniec Glühwein und Essen zum Mitnehmen (take away). Bestellen und Abholen nur mit Mundschutz und niemand darf sich nirgendwo platzieren. Auch polnische Gesundheitsämter haben die Corona-Ordnung unter Kontrolle und fest im Griff.

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Die Kirchenruine in Trzesacz

Auf dem Weg nach Rewal sollte unbedingt Station gemacht werden bei der Kirchenruine von Trzesacz. Eine knapp 40 Meter lange Aussichtsplattform bietet einen wunderschönen Anblick. Dabei handelt es sich um eine übriggebliebene Rückwand einer spätgotischen Kirche, die nach und nach ins Meer gestürzt war. Wie auch andere Kirchen an der Ostsee und das, was von ihnen noch erhalten ist, wurde die verbliebene Wand der Kirche berühmt gezeichnet. Der weltbekannte deutsch-amerikanische Künstler Lyonel Feininger fertigte vor knapp 100 Jahren bei seinen Aufenthalten an der Küste der Ostsee Zeichnungen und Aquarelle davon an, die es bis ins MOMA nach New York geschafft haben.

Ein weiterer Anziehungspunkt ist für die Urlauber der Leuchtturm von Niechorze. Der 45 Meter hohe Backsteinbau steht direkt an der 30 Meter hohen Steilküste des Ortes. Er wurde 1866 gebaut und gilt als einer der schönsten Leuchttürme an der polnischen Küste. Die Aussichtsplattform (Ticket 9 Zloty) erreicht der Besucher über 200 Stufen auf einer steilen Wendeltreppe und wird mit grandioser Aussicht belohnt.

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Auf dem Rückweg nach Berlin lohnt es, der Seebrücke in Międzyzdroje (deutsch Misdroy) einen Besuch abzustatten. Sie hat die stattliche Länge von 395 Metern und ist 17 Meter breit. Die heutige Brücke ist Anfang der 90er Jahre von der Reederei Adler in Betrieb genommen und dient dem Schiffsverkehr nach Usedom. Zwei Brückentürme aus dem Jahr 1920 sind noch erhalten geblieben. Wie bei der Hinfahrt gestaltet sich auch die Rückfahrt per Auto wieder als Null-Kontakt-Tour bis nach Berlin unter den Carport.

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Übrigens: Wir hätten den Kurzurlaub auch gerne an der verschneiten deutschen Ostseeküste gemacht. Die deutschen Hoteliers brauchen unsere solidarische Unterstützung als Konsumenten genauso wie die polnischen. Laut einer aktuellen Umfrage des Dehoga-Verbandes in Mecklenburg-Vorpommern unter Hoteliers und Gastronomen sind 75 Prozent der Betriebe akut von Schließungen bedroht. Lars Schwarz, Präsident der Dehoga in Mecklenburg Vorpommern(MV) im Nordkurier: „Noch Mitte Januar war uns versprochen worden, dass es im Februar zumindest einen Perspektivplan für Hotel- und Gastronomie-Unternehmen geben soll. Doch wieder einmal hat die Politik ein Versprechen gebrochen“. Lars Schwarz hat das Vertrauen in die große Politik verloren, tausende Mitarbeiter in den 1500 Hotels und gastronomischen Betrieben in MV auch, Millionen von Betroffenen in ganz Deutschland sowieso. Haben die Politiker in Deutschland den Schuss nicht gehört?

Kurz vor der Rückreise haben wir unsere Einreise nach Deutschland online angemeldet, wie derzeit gesetzlich vorgeschrieben ist und die Telefonnummern hinterlegt. Nun begaben wir uns, wie es derzeit immer noch die Politik befohlen hat, für 14 Tage in Quarantäne. Genügend Zeit, um über diese kurze 5-Tage Urlaubsfahrt in unser Nachbarland Polen ein paar Zeilen zu schreiben.

  1. Nachtrag Auf ihrer facebookseite teilen die Hotels Wy&Spa in Pobierowo sowie Oasis in Rewal deutsch und polnisch mit: „Ab dem 12.2. sind wir für Touristen wieder geöffnet. Hygienekonzepte sind professionell eingerichtet.“
  2. Nachtrag Pauschalreisen sind nicht Treiber des Infektionsgeschehens, mahnt eine Pressemitteilung des Deutschen Reiseverbandes DRV. Reisen mit dem eigenen Auto an die polnische Ostseeküste sind es auch nicht. „Unsachgemäße und leichtfertige Äußerungen von Politikern in den vergangenen Tagen zu Oster- und Sommerurlaub sorgen abermals für Verunsicherung bei den Kunden. Solche Aussagen sind verantwortungslos und führen die Reisewirtschaft Stück für Stück näher an den Abgrund und sorgen bei den rund drei Millionen Beschäftigten für Existenzangst“ (Norbert Fiebig, Präsident des DRV). Dass die Stigmatisierung von organisierten Reisen nicht sachgerecht ist, wird im übrigen auch durch das Robert-Koch-Institut in einer jüngst veröffentlichten Studie belegt.

Fotos von Ronald Keusch

http://wellnesshotel-polen.de/wyspa/

Quelle: chexx.de

 

 

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