„Quartett“ eröffnet die Saison in der Staatsoper Unter den Linden

Faszinierend und verstörend: Heiner Müllers vertontes Stück "Quartett" an der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Ingrid Müller-MertensFaszinierend und verstörend: Heiner Müllers vertontes Stück "Quartett" an der Staatsoper Unter den Linden. Foto: Ingrid Müller-Mertens

 

Von Katharina Zawadsky.

Eigentlich hätte man sich zur Eröffnungspremiere der Saison 2020/21 der Staatsoper Unter den Linden am 3.Oktober, dem 30.Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung, einen etwas weniger düsteren Auftakt gewünscht. Der Zuschauer fröstelt im – nach Hygienevorschrift – spärlich besetzten Saal und angesichts des eiskalten Hauchs der Endzeitstimmung, der anderthalb Stunden lang von der Bühne weht (Bühnenbild Barbara Hanicka).

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Angesiedelt in einem Bunker auf der, nach einem dritten Weltkrieg unbewohnbaren nördlichen Erdhalbkugel, nimmt das Musiktheaterwerk nach Heiner Müllers Schauspiel „Quartett“ seinen verstörenden Verlauf.

Basierend auf dem berühmten Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos (erschienen 1782), 1980 vertont von dem italienischen Komponisten Luca Francesconi. In dem vor der Französischen Revolution entstandenen Zwei-Personen-Stück begegnen sich die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont in einem unerbittlichen, zynischen Geschlechterkampf (Inszenierung Barbara Wysocka).  Um sich in der Katastrophe lebend zu spüren, spielen sie. Der Einsatz sind sie selbst: Als Projektionsflache ihrer Phantasien zwischen Lust, Macht und Gewalt, Unterdrückung, Erniedrigung und Verletzung überschreiten sie Grenzen. Sexualität und Sprache sind die Waffen.

 

Mojca Erdmann (als Merteuil) und Thomas Oliemans (als Valmont). Foto: Ingrid MüllerMertens

Mojca Erdmann (als Merteuil) und Thomas Oliemans (als Valmont). Foto: Ingrid Müller-Mertens

Man gerät teilweise an emotionale Grenzen, fühlt sich hin und hergerissen zwischen Faszination und Grauen. Gerät in den Sog der jenseits aller Operngewohnheiten facettenreichen, mitunter bizarren elektronischen Computersounds und einem technisch verstärkten und vervielfältigten Raumklang der Live-Musiker. Ergänzt durch Tonaufnahmen von Chor und Orchester der Mailänder Scala. Kongenial geleitet von Daniel Barenboim.

Zu bewundern und entsprechend gefeiert, Mojca Erdmann (als Merteuil)  mit ihrer sängerisch und darstellerisch exzessiven, bisweilen das Maß des erträglichen sprengenden, Interpretation.

QUARTETT

Oper in zwölf Szenen und einem Epilog (2011) Musik und Text von Luca Francesconi nach dem gleichnamigen Schauspiel von Heiner Müller. Erstaufführung der Deutschen Fassung

Weitere Vorstellungen am 10. und 18. Oktober 2020 Staatsoper Unter den Linden

Informationen unter  www.staatsoper-berlin.de

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