Show, Glamour, Geschichte – der Berliner Friedrichstadt-Palast wird Denkmal

Seit August ist der Berliner Friedrichstadt-Palast als letztes großes Bauwerk der DDR vor der Wende unter Denkmalsschutz gestellt. Foto: Friedrichstadt-Palast/Bernd BrundertSeit August ist der Berliner Friedrichstadt-Palast als letztes großes Bauwerk der DDR vor der Wende unter Denkmalsschutz gestellt. Foto: Friedrichstadt-Palast/Bernd Brundert

Der Berliner Friedrichstadt-Palast ist seit dem 31.August offiziell ein Denkmal. Als Beispiel der sozialistischen Postmoderne wurde das Gebäude wegen seiner geschichtlichen, künstlerischen sowie städtebaulichen Bedeutung nun unter Denkmalschutz gestellt.

DDR-Plattenbau mit Charme. Foto: Ingrid Müller-Mertens

DDR-Plattenbau mit Charme. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Als letzter Repräsentationsbau vor Mauerfall und Wiedervereinigung stelle der 1984 neu eröffnete Friedrichstadt-Palast gleichzeitig den Höhe- und Endpunkt der Epoche der DDR-„Paläste“ dar, urteilte die Berliner Kulturverwaltung und das Landesdenkmalamt. Den verantwortlichen Architekten in der DDR sei es damals gelungen, ein künstlerisch einmaliges Gebäude mit hohem Wiedererkennungswert zu schaffen. Anklänge des Jugendstils und „Art déco“ träfen auf die „Platte“ als technisches und gestalterisches Merkmal. Unter Denkmalschutz gestellt wurden alle Bereiche des Gebäudes, neben den Äußeren auch Foyer und Zuschauersaal mit der Bühne. Zeitweilige Schließungs- oder Abrissforderungen nach der Wende sind damit wohl endgültig vom Tisch.

Ein glücklicher Tag für den Palast-Intendanten Berndt Schmidt.

Ein glücklicher Tag für den Palast-Intendanten Berndt Schmidt. Foto:Pedro Becerra Friedrichstadt-Palast

Ein glücklicher Tag für den Palast-Intendanten Berndt Schmidt und alle Mitarbeiter hinter und auf der Bühne: „Viele aus unserem heutigen Ensemble wurden in der DDR geboren und haben ihr Berufsleben dem Palast gewidmet. Was wir heute sind, verdanken wir auch ihnen. Die heutige Unterschutzstellung ehrt die Schöpfer, die Baukollektive und ebenso diese Biographien.“

Der Friedrichstadt-Palast – damals noch Friedrichstadtpalast ohne Bindestrich – wurde am 27. April 1984 nach einer für heutige Verhältnisse sensationellen Bauzeit von nur 36 Monaten mit der  Revue „Friedrichstraße 107“ eröffnet.  Er ist fast unverändert erhalten und noch immer die größte Revuetheaterbühne der Welt mit einer technischen Ausstattung, die zum größten Teil auch heute noch einmalig ist.

Nach wie vor besuchen über eine halben Million Gästen im Jahr  die Shows mit über 160 Mitwirkenden pro Vorstellung. Der große Saal bietet 1.899 Besucher*innen Platz, bewegliche Podeste, Haupt-, Seiten-, Hinter- und Vorbühne, Wasserbecken oder wahlweise Eislauffläche lassen gestalterisch keine Wünsche offen.  Ja, es gibt sogar einen Lastenaufzug, der im Bedarfsfall Elefanten auf die Bühne transportieren kann – was schon vorgekommen ist.

24.000 Farbsteine sorgen für entspannt-heiteres Ambiente. Foto: Ingrid Müller-Mertens

24.000 Farbsteine sorgen für entspannt-heiteres Ambiente. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Gebaut aus Fertigbauteilen wurde die Architektur mit speziellen Gestaltungselementen individuell der Funktion des Hauses angepasst. So sind 24.000 hochwertige bunte Glasbausteine in der Fassade verbaut, die bei Tageslicht innen glamourösen Glanz bringen, bei abendlicher Beleuchtung farbenprächtig nach Außen strahlen.

Elegante "Art-déco"-Elemente im Foyer. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Elegante „Art déco“-Elemente im Foyer. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Beeindruckend die großzügige Eingangshalle. Foyers und Treppenaufgang in lichter Eleganz. Kronleuchter und Wandschmuck in adaptiertem „Art déco“-Stil.

Der Entwurf von Manfred Prasser, Jürgen Ledderboge und Walter Schwarz entstand den Angaben zufolge unter Leitung von Erhardt Gißke, dem Generaldirektor der Baudirektion Berlin beim Ministerium für Bauwesen. Der Bau sollte als zeitgenössischer DDR-Bau erkennbar sein und war gleichzeitig so angelegt, den 1919 von Hans Poelzig spektakulär umgebauten und wegen Einsturzgefahr abgerissenen Vorgängerbau würdig zu ersetzen.

Ursprünglich als Markthalle am Schiffbauerdamm errichtet, später Circus Schumann, eröffnete Max Reinhardt dort am 29. November 1919 das Große Schauspielhaus, den Vorgänger des Palastes. Der modernistische Architekt Hans Poelzig schuf in Reinhardts Auftrag einen grandiosen Theaterbau. Ab 1924 kreierte der neu eingesetzte künstlerische Direktor Erik Charell Revuen, die den Ruf und die Ästhetik der Berliner „Goldenen Zwanziger” bis heute prägen. Und auch am neuen Standort An der Friedrichstraße 107 wird die Tradition der Revue glamourös und modern fortgeführt. Die größten Namen der Showbranche standen schon auf der Bühne dieses legendären Hauses, darunter Shirley Bassey, Joe Cocker, Phil Collins, Udo Jürgens, Hildegard Knef, Liza Minnelli und Caterina Valente.

Inzwischen ist der Palast im 21.Jahrhundert angekommen. Seine Grand Shows sind hochmodern in ihrer Ästhetik und begeistern mit den neuesten Hightech-Effekten. Einmalig auch die aus 60 Tänzerinnen und Tänzern bestehende Ballettcompagnie, die 18-köpfige Live-Show-Band und das junge Ensemble mit 280 Berliner Kindern zwischen sieben und 16 Jahren. Und natürlich als bejubelten Höhepunkt jeder Show die legendäre Girl-Reihe.

Opulente Kostüme von Jean Paul Gaultier. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Opulente Kostüme von Jean Paul Gaultier. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Der Denkmalschutz ist zweifellos ein  Höhepunkt und besonders freudiger Anlass für das weltberühmte Revue-Theater, das wie alle Kultureinrichtungen unter den Corona-Maßnahmen zu leiden hat.

Im Januar 2021 soll nun der reguläre Betrieb wieder aufgenommen werden. Zumindest ist es so geplant. Die Schließzeit wird mit der vorgezogenen Lüftungssanierung sinnvoll überbrückt.

 

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