Micro Era – Medienkunst aus China überrascht und fasziniert

Schöne neue Welt! Farbenfroh, gewaltig und bedrohlich vorgeführt in einer spektakulärem Ausstellung chinesischer Medienkunst im Berliner Kulturforum. Foto: , © Lu Yang / SociétéSchöne neue Welt! Farbenfroh, gewaltig und bedrohlich vorgeführt in einer spektakulärem Ausstellung chinesischer Medienkunst im Berliner Kulturforum. Foto: , © Lu Yang / Société

Von Klara Berger.

Wenn Kunst und Kultur im Jahresendstress etwas zu kurz gekommen sind, sollte man sich unbedingt jetzt die Zeit nehmen und die noch bis zum 26.Januar im Berliner Kulturforum präsentierte Medienkunst aus China besuchen. Spektakulärer und angeregter kann man das Kulturjahr eigentlich nicht beginnen.

Videoinstallation. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Videoinstallation. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Der Ausstellungstitel ist rätselhaft. Er erschließe sich erst durch den Bezug zum Werk des chinesischen Science-Fiction-Autors Liu Cixin, erklärt die Kuratorin der Schau, Anna-Catharina Gebbers, genauer gesagt, zu dessen Erzählung von 1999 „The Micro-Era“. Liu spekuliert darin über eine posthumane Welt ohne historisches Bewusstsein. Darin gibt es nur zellgroße Mikromenschen, Jugendliche ohne Sorgen und Leiden, die niemals erwachsen werden. Sie sind die einzigen Überlebenden, nachdem die Sonne die Erde in Brand gesetzt hatte.

Kontext dieser vergangenheitsvergessenen, paradiesischen Gegenwart des Mikrozeitalters ist der chinesische Kulturwandel nach 1989. Die beiden jungen aber in ihrer Heimat und auch den USA bekannten Multimediakünstlerinnen Cao Fei (*1978) und Lu Yang (*1984) reflektieren in ihren popkulturell beeinflussten Arbeiten die rasanten Veränderungen der gegenwärtigen chinesischen Gesellschaft. Sie waren von der Nationalgalerie eingeladen, sich in Berlin zu präsentieren, und sie konnten sich für ihre Schau einen weiteren Künstler als ‚Dialogpartner‘ wählen. Cao Fei wählte den jungen Künstler Fang Di, Lu Yang ihren ehemaligen Dozenten Zhang Peili.

„Micro Era“ eröffnet einen Dialog zwischen Werken aus den späten 1980ern bis in die Gegenwart und Künstlern verschiedener Generationen. Von Dokumentarfilmbildern über die Auseinandersetzung mit klassischer Filmsprache bis hin zur japanischen Anime-Ästhetik konzentrieren sich die Kunstwerke in der Ausstellung auf das Verhältnis zwischen Geist, Körper und Technologie. Die medienkritischen Reflexionen und ethisch-philosophischen Fragestellungen der Künstler*innen stehen im Zeichen des rasanten wirtschaftlichen Wandels. Welche Rolle spielt der Mensch in einer Zeit, die vom digitalen Konsum vereinnahmt ist? Wie verstehen die gezeigten Künstler ihre Welt durch bildgebende Technologien, damals und heute?

Im Euro-Amerikanischen Kontext wird Videokunst historisch oft als demokratisierende Kunstform betrachtet. Denn durch die schnell zugängliche Technik ermöglichen Videos eine rasante Verbreitung von Informationen sowie globalen Ereignissen. Cao Fei, Fang Di, Lu Yang und Zhang Peili hinterfragen die verführerische These von dieser Demokratisierung, indem sie in ihrer Bildsprache ebenso die Massenproduktion von Waren reflektieren, wie die Art und Weise wie Bilder produziert und konsumiert werden oder wie wir unsere Welt durch bildgebende Technologien verstehen.

Zugleich bilden sich in der generationenübergreifenden Ausstellung mit dokumentarischen, narrativen wie installativen Bezügen und der Erweiterung in den virtuellen Raum die zentralen Richtungen in der Entwicklung der Medienkunst in China ab.

Cao Fei (*1978) verbindet in ihren Filmen und Installationen soziale Kommentare, popkulturelle Ästhetik, sowie Bezüge zum Surrealismus und Dokumentarfilm. Ihre Werke reflektieren die rasanten, chaotischen Veränderungen, die sich in der heutigen chinesischen Gesellschaft vollziehen. Für „Micro Era“ präsentiert Cao Fei ihre Werke „Asia One“ (2018) und „11.11“ (2018) erstmals in Deutschland.

Die um den Logistiksektor kreisende Multimediainstallation vermittelt die hyperreale Vision einer nahen Zukunft und zeigt die Auswirkungen von beschleunigtem Wirtschaftswachstum, technologischen Entwicklungen und der Globalisierung auf die Gesellschaft. Als Dialogpartner auf ihrer Ausstellungsfläche wünschte sich Cao Fei den jungen Multimediakünstler Fang Di.

Video

Videoinsstallation © Fang Di / Vanguard Gallery

Die Arbeiten von Fang Di (*1987) drehen sich um Fragen des Rassismus in einem breiteren geopolitischen Kontext. Durch das Einbeziehen von Filmmaterialien aus Nachrichten und Dokumentationen verbinden seine Arbeiten verschiedene visuelle Sprachen, um diese Verflechtungen kritisch zu untersuchen. Die drei gezeigten Werke basieren auf Fang Dis Arbeitserfahrung  in Papua-Neuguinea für ein Unternehmen der Belt and Road Initiative; diese bündelt seit 2013 die Interessen und Ziele Chinas zum Auf- und Ausbau interkontinentaler Handels- und Infrastruktur-Netze zwischen der Volksrepublik China und über 60 weiteren Ländern Afrikas, Asiens und Europas. Seine Tätigkeit in der südpazifischen Inselnation erlaubte ihm analog zum Embedded Journalism (kontrollierte zivile Kriegsberichterstatter, die Red.) eine intime Dokumentation der aktuellen gesellschaftlichen Situation.

LuYang2Lu Yang (*1984) verwebt in ihren Installationen virtuelle mit physischen Architekturen. Die Künstlerin lockt den Betrachtern in Bilder-Höllen einer erweiterten Realität und manipulierter Emotionen, für die symbolisch etwa die transkranielle Magnetstimulation steht (Titelfoto). Eine Technologie in der neurowissenschaftlichen Forschung, bei der mit Hilfe starker Magnetfelder Bereiche des Gehirns sowohl stimuliert als auch gehemmt werden können.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Mit kenntnisreichen Bezügen zu traditionellem Buddhismus, Technoreligionen, Cyberfeminismus und japanischen Subkulturen kreisen ihre Werke um Genderrollenklischees, Wissenschaftsglaube und posthumane Lebensformen. Für „Micro Era“ hat Lu Yang die bislang größte Präsentation ihrer Werke überhaupt in eine Installation eingebettet, die an die labyrinthischen Aufbauten von Comic Cons erinnern. Sie bat ihren ehemaligen Professor Zhang Peili zu einem Ausstellungsdialog.

16_NG_MicroEra_ZhangPeili_OppositeSpace2

Zhang Peili Oopposite Space, © Zhang Peili / Boers-Li Gallery

Zhang Peili (*1957) in Hangzhou, lebt in Hangzhou, China) ist ein Pionier der Multimedia-Kunst und entscheidend für die Entwicklung der chinesischen Avantgarde und der Entstehung und Verbreitung der chinesischen Videokunst. Für „Micro Era“ präsentiert Zhang Peili wegweisende Videokunstwerke wie „30×30“ (1988), „Document on Hygiene No. 3“ (1991) und erstmals in Deutschland die Installationen „Uncertain Pleasure I“ (1996) und „Opposite Space“ (1995). Die einkanalige Videoarbeit „30×30“ (1988) wird oft als das erste in China produzierte Videokunstwerk bezeichnet.

Micro Era veranschaulicht den ungeheuren ökonomischen, politischen und technologischen Wandel, den China in den letzten dreißig Jahren durchlaufen hat. Die ausgestellten Medienkunstwerke öffnen aber auch den Blick in eine eher bedrohlich als verlockend wirkende globale Zukunft. Wohl selten hat man eine Kunstausstellung so fasziniert aber auch so nachdenklich verlassen.

Micro Era. Medienkunst aus China

noch bis zum 26. Januar 2020

Eine Sonderausstellung der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin und der Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen kulturellen Austausch e.V. (GeKA e.V.)

Kulturforum, Sonderausstellungshallen

Matthäikirchplatz 6, 10785 Berlin

 

Kommentar hinterlassen zu "Micro Era – Medienkunst aus China überrascht und fasziniert"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*