Abseits des sozialistischen Realismus – dissidentische Kunst in der DDR

Beeindruckende Werke dissidentischer DDR-Künstler im Berliner Martin-Gropius-Bau.Bild: Ingrid Müller-MertensBeeindruckende Werke dissidentischer DDR-Künstler im Berliner Martin-Gropius-Bau.Bild: Ingrid Müller-Mertens

Man fragt sich, warum es erst einen Anlass geben musste, um endlich eine repräsentative Schau der anderen, oppositionellen, dissidentischen Kunst in der DDR zu zeigen. Sicher kein leichtes Unterfangen. Denn diese Werke befinden sich zwar in einigen privaten Sammlungen aber kaum in Museen und Galerien. Das Interesse der Öffentlichkeit im Westen ist „skandalös niedrig“, das der Museen „gleich Null“, wie Eugen Blume, einer der Kuratoren, bitter feststellt. Nach der Wende richtete sich der Fokus eher auf die staatstragende Kunst der untergegangenen DDR als auf die so überaus vielfältige Szene der Untergrundkunst, deren Bildsprache sich an den Expressionisten, Existenzialisten, Abstrakten oder auch der frühen sowjetischen Avantgarde orientierte und die es nach dem Verständnis der westlichen Kunstwissenschaft in der indoktrinierten, stasidominierten Kunstszene eigentlich auch gar nicht geben durfte. Außergewöhnliche Werke von 80 Künstlern im Berliner Martin-Gropius-Bau belegen  das Gegenteil. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.

Beeindruckend auch die zu jedem Exponat beigefügten Statements der Künstler, zu ihrem Werk und zu ihrer Befindlichkeit damals und auch heute. So kann man zum Beispiel von Jürgen Schäfer lesen: „Ein Beweggrund für meine Bilder war, dass ich etwas durch sie sagen wollte. . . Nach einem Vierteljahrhundert habe ich das Gefühl von Erleichterung, weil ich erkenne, die Bilder von damals sind immer noch aktuell und befinden sich logischerweise immer noch unter „meinem Dach“. Erleichterung deshalb, weil ich die Bilder jetzt nicht mehr malen muss. Sie sind schon da. Heute erschaffe ich mir romantische Landschaften für den Eigenbedarf und meine Freude“.

Und Trak Wendisch teilt mit: „Zu besichtigen sind hier Bilder eines Einzelnen. Zeugnisse der Ortlosigkeit, der Wut, der Trauer, der Gegenwehr gegen die Zumutungen des ’Unsere Menschen’…“ Und mit Blick auf die bundesdeutsche Gegenwart: „… Im Übrigen bleibt mein Platz zwischen den Stühlen, auch wenn es sich um Designermöbel handelt.“

Für viele der kritischen Künstler hat sich offenbar nicht wirklich etwas geändert. Ihre künstlerische und persönliche Freiheit ist nicht mehr in Gefahr, jetzt reguliert der Kunstbetrieb und Marktwert, also Angebot und Nachfrage, die künstlerische Produktion. Wer sich dem entzieht oder für Galeristen und Museen uninteressant ist, resigniert. Eine mehr oder weniger organisierte Gegenbewegung von solidarischen Künstlern wie in der DDR gibt es heute nicht.

Aufzuzeigen, dass eben gerade unter den singulären politischen und kunsthistorischen Bedingungen der damaligen Zeit in der DDR, fern von Marktmaßstäben, eine überwältigende und einmalige Vielfalt an Kunstwerken aller Genres entstand und man die DDR-Kunst differenziert betrachten muss, ist das Verdienst dieser faszinierenden Ausstellung. Vor allem ihrer beiden Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert.

Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976 – 1989

Vom 16. Juli – 26. September 2016 im Martin-Gropius-Bau

Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin

www.gropiusbau.de

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