„The Bassarids“ – antikes Musikdrama mit beängstigender Aktualität

Ernst Werner Henzes packendes Musikdrama "The Bassarids" begeistert in der Komischen Oper Berlin. Foto: Komische Oper/Monika RittershausErnst Werner Henzes packendes Musikdrama "The Bassarids" begeistert in der Komischen Oper Berlin. Foto: Komische Oper/Monika Rittershaus

von Katharina Zawadsky.

Nach ihrem Erfolg mit Schönbergs Moses und Aron an der Komischen Oper Berlin nahmen sich Dirigent Vladimir Jurowski und Chefregisseur Barrie Kosky nun eines in Monumentalität und Archaik ebenbürtigen Werkes an: Hans Werner Henzes „The Bassarids“ . Eine blutige Tragödie nach der literarischen Vorlage „Die Bakchen“ des großen griechischen Tragödiendichters Euripides über politische Demagogie und die Verführung der Massen – heute noch ebenso aktuell wie gut 400 Jahre vor Christus.

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Bacchanal. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Der junge Pentheus hat die Herrschaft in Theben übernommen. Doch ein Fremder unterwandert die Autorität des Königs, indem er zu Ehren des Gottes Dionysos das Volk zu rauschhaften Feiern, zur Hingabe an Vergnügen und Lust verführt. Immer mehr Menschen schließen sich ihm an, darunter sogar Pentheus’ Mutter Agaue. Vergeblich versucht der König, sich der Macht der Triebe mithilfe der Vernunft entgegenzustellen. Schließlich will er sich ein eigenes Bild machen und mischt sich – als Frau verkleidet – unter die Menge. Im Exzess einer nächtlichen Orgie wird er brutal von der eigenen Mutter getötet, die ihn für ein wildes Tier hält. Erst am nächsten Morgen begreift sie, dass sie den Kopf ihres Sohnes in den Armen hält. Der Fremde aber gibt sich allen als Gott Dionysos zu erkennen und fordert bedingungslose Anbetung.

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Sean Panikkar und Ballett . Foto: Ingrid Müller-Mertens

Bestechend an betörender Stimme, erotischer Ausstrahlung und exotischer Attraktivität der junge amerikanische Tenor Sean Panikkar als Dyonisus. Seinen Gegenpart, König Pentheus, verkörperte Günther Papendell ebenso stimmlich herausragend und darstellerisch beeindruckend. Tanja Ariane Baumgartner als Königinmutter und unfreiwillige Sohnesmörderin Agave wird mit ihrem in allen Facetten berührenden Mezzosopran von einer zunächst exaltiert-komischen zur berührendsten Figur in diesem packenden Drama.

Das monumentale Musikdrama ist für alle Mitwirkungen vor, auf und hinter der Bühne eine gewaltige Herausforderung. Um den gigantischen Klangkörper unterzubringen, nehmen die Bläser auf der Bühne Platz Links und rechts einer stufenförmigen, amphietheaterartigen Spielfläche Platz, auf der Solisten, Ballett und Chor mit großer Präzision und Energie agieren. Vor allem der Chor – erweitert durch die Gruppe Vocalconsort Berlin – , bekanntlich in der antiken Tragödie das tragende Element, besticht durch glanzvolle Stimmgewalt und Präsenz. Die Tänzer kommentieren die Handlung mit Rasanz und Ausdruckskraft. Durch eine zweite Spielebene vor dem Orchestergraben wird der Zuschauer direkt in das Geschehen einbezogen und emotional extrem gefordert.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Über allem als rauschhafter Klangteppich Ernst Werner Henzes außerordentlich packende Musik: Von aufrüttelnder lautstarker Gewalt bis zu leisen Tönen von betörender Schönheit. Immer mit großer theatralischer Wirksamkeit.

„The Bassarids“ – ein faszinierendes Psychodrama, in dem der pflichtbewusste und aufgeklärte König von Theben, Pentheus, auf Dyonisus trifft, den Gott der Sinnlichkeit, Trunkenheit und des Rausches. Ein Kampf zwischen Vernunft und Exzess. Pentheus wird ihn verlieren Dyonisus triumphieren. Die Vernunft ist besiegt, Dunkelheit bricht herein. Für einen kurzen Moment auch im total stillen Zuschauerraum. Effektvoller Schluß nach gut 210 Minuten angespannter Aufmerksamkeit und Faszination. Jubel für alle Beteiligten.

Da die englische Fassung verwendet wird, könnte es nicht schaden, sich vor einem beabsichtigten Besuch über die sonst schwer verständliche Handlung kundig zu machen.

„The Bassarids“ , Musikdrama in einem Akt von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman [1966] nach der Tragödie Die Bakchen des Euripides

Musik: Ernst Werner Henze

Musikalische Leitung Vladimir Jurowsky, Inszenierung Barrie Kosky, Choreographie Otto Pichler, Kostüme Katrin Lea Tag

Weitere Vorstellungen: 20.Oktober, 2., 5. und 10.November

www.komische-oper-berlin.de

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