Die lustigen Weiber von Windsor – Vorstadtweiber in der Bungalowsiedlung

Die lustigen Weiber von Windsor" in der Berliner Staatsoper nach jahzehntelanger Abstinenz wieder auf dem Spielplan. Foto: Ingrid Müller-MertensDie lustigen Weiber von Windsor" in der Berliner Staatsoper nach jahzehntelanger Abstinenz wieder auf dem Spielplan. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Von Katharina Zawadsky.

1Abstoßender geht´s nicht mehr: Ein ungewaschener Fettwanst mit strähnigen Zottelhaaren, abgetragenen, schmutzigen Klamotten, ausgelatschten Sandalen und einem monströsen Bierbauch, der unter dem fleckigen Unterhemd wabbelnd hervorquillt. Ein Falstaff, mit Ekelfaktor. Sicher der komplette Gegenentwurf zur ursprünglichen Hauptfigur adeligen Geblüts in Otto Nicolais ganz entzückender komisch-phantastischen Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ nach einem Komödienstoff des großen Shakespeare.

Im März 1849 an der Hofoper Unter den Linden erstmals auf die Bühne gebracht, avancierte das Werk des Berliner Hofkapellmeisters Nicolai rasch zu einem Favoritenstück des damaligen Repertoires. Mozarts Geist und Mendelssohns Esprit sind ebenso spürbar wie der Belcanto südlicher Prägung, Energie, Spielwitz und theatralische Komik. Viele Jahre stand dieses lebenssprühende Werk, eine musikalische Komödie im besten Sinne, nicht mehr auf dem Spielplan der Staatsoper – jetzt kehrt die Oper mit ihrer inspirierten Musik an den Ort ihrer Uraufführung zurück. Vergnüglich mit Zeitgeist aufgehübscht.

Der selbstgefällige, eitle Ritter Sir John Falstaff, der seine besten Tage schon hinter sich hat, war und ist ein Kabinettstück musikalischer Charakterisierungskunst. Und natürlich auch der Kunst der Maskenbildner. Nie hätte man hinter dem schlampigen Ekelpaket den seriösen und im echten Leben durchaus ansehnlichen Baß-Star der Lindenoper, René Pape, vermutet. Der allerdings schien sich durchaus wohlzufühlen in der außergewöhnlichen und sehr aufwendigen Vermummung inklusive Fatsuit. Und nach anfänglicher Schockstarre folgt man seiner Darstellung mit zunehmender Begeisterung. Überaus possierlich versucht der selbstgefällige „Ritter“ gleich zwei reifere Ladies mit textgleichen Liebesbriefen zu erobern, die „lustigen Weiber“ Frau Fluth und Frau Reich (Mandy Fredrich und Michaela Schuster).

Die beiden Nachbarinnen im Vorgarten einer Reihenhaussiedlung – stilecht angesiedelt in den 1970er Jahren – langweilen sich im spießigen Eigenheim mit Plastikmöbeln, Gartengrill, Swimmingpool und Wäschespinnen. Vorstadtidylle samt eifersüchtigem Gatten die eine – aufmüpfiger Punk-Tochter (Anna Prohaska) die andere. Da kommt die wohlformulierte Werbeofferte des notorischen Weiberhelden Falstaff gerade recht. Man beschließt, ihm einen kräftigen Denkzettel zu verpassen – dem eifersüchtigen Gatten (Michael Volle) gleich mit.

Und so nimmt das neckische Verwirrspiel seinen Lauf, inklusive einem unfreiwilligen Bad in der Themse, Saufgelage am Swimmingpool und vergnüglicher Scharaden.

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Schließlich wird der gefoppte Ritter von allerlei Spukgestalten zu Einsicht und Reue getrieben. Herr Fluth bittet die Gattin beschämt um Verzeihung und Jungfer Anna bekommt ihren Auserkorenen. Ende gut alles gut.

Ein paar hintersinnige Gags sorgen für zusätzliche Lacher: Seitenhiebe auf die aktuelle Me Too-Debatte in der Opernwelt oder eine Anspielung auf autoritäre Generalmusikdirektoren. Daniel Barenboim im Orchestergraben nimmt`s gelassen und entlockt der Staatskapelle selten liebliche und innige Töne. Und eine Anleihe bei Herbert Grönemeyer passt schließlich auch gut, denn der liebeshungrige Falstaff ist im Grunde ein harmoniebedürftiges Sensibelchen und resümiert herzzerreißend: „Männer sind so verletzlich. Männer sind einfach unersetzlich.“

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

Staatsoper Berlin

„Die lustigen Weiber von Windsor“, Singspiel von Otto Nicolai

Daniel Barenboim (musikalische Leitung), David Bösch (Regie)

Solisten: René Pape, Michael Volle, Wilhelm Schwinghammer, Pavol Breslik, Linard Vrielink, David Oštrek, Mandy Fredrich, Michaela Schuster, Anna Prohaska und der Staatsopernchor

Nächste Vorstellungen: 11., 13. und 19.Oktober

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