Candide – Einer der auszog, das Gute zu finden. Bissig-bittere Satire in der Komischen Oper

Candide macht auf seiner Suche nach dem Glück auch unliebsame Bekanntschaft mit dem Galgen. Foto: Ingrid Müller-MertensCandide macht auf seiner Suche nach dem Glück auch unliebsame Bekanntschaft mit dem Galgen. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Von Klara Berger.

Voltaire mit überdimensionaler Alonge-Perücke (Franz Hawlata ). Foto: Ingrid Müller-Mertens

Voltaire mit überdimensionaler Alonge-Perücke (Franz Hawlata ). Foto: Ingrid Müller-Mertens

Voltaire, der große französische Philosph des 18. Jahrhunderts ist  mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus, der Feudalherrschaft und dem  weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche Vordenker der Aufklärung und geistiger Wegbereiter der Französischen Revolution. Als unübertroffen gelten der oft sarkastische Witz und die Ironie seiner Schriften. Eine der bösartigsten und vergnüglichsten Satiren ist zweifellos das abenteuerliche Leben Candides, eines Kleingeistes, „faden Langweilers“ und unverbesserlichen Optimisten. Eine Spezies, der sich Voltaire offenbar mit besonders grimmigen Vergnügen widmete. Fast zweihundert Jahre nach Erscheinen nahm sich Leonard Bernstein dieser Steilvorlage an und jetzt auch die Komische Oper Berlin im Rahmen ihres „Festivals Bernstein 100“.

Diesem außergewöhnlich anspruchsvollen Musical-Stoff widmete sich Leonard Bernstein 1953, unmittelbar nach seinen ersten Broadway-Erfolgen. Während seine fast gleichzeitig komponierte West Side Story amerikanischer kaum sein könnte, gilt Candide als Bernsteins Liebeserklärung an die europäische Musikgeschichte und brilliert mit den unterschiedlichsten Formaten von Koloraturarie oder Kavatine, Tango-, Mazurka- oder Walzer-Rhythmen bis zum Choral.

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Nach dem überwältigenden Erfolg der von aller Patina befreiten West Side Story in der Komischen Oper inszeniert Barrie Kosky nun mit „Candide“ ein Werk, das in keine Schublade zu passen scheint: Das rasante Operetten-Musical rund um die Frage »Warum passieren guten Menschen schlimme Sachen?« ist wildes Roadmovie und satirische Philosophiestunde. Ganz und gar nicht historisch sondern höchst aktuell. Denn wie man sehr anschaulich und vergnüglich vorgeführt bekommt: Auch nach 200 Jahren bleiben menschliche Schwächen und die gesellschaftlichen Verhältnisse die Gleichen.

Candide (Alan Clayton) macht sich auf in die große weite Welt. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Candide (Alan Clayton) macht sich auf in die große weite Welt. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Und so agiert die Hauptperson zunächst in zünftigen Lederhosen. Knall auf Fall muss der einfältige aber gutgläubige Bauerntölpel Candide (Allan Clayton ) nach der Enthüllung seiner Liebe zur edlen Baronesse Kunigunde ( Nicole Chevalier) die geliebte Heimat verlassen. Arglos und unbekümmert macht er sich auf eine Reise durch die Welt, angetrieben vom Credo seines Lehrers Pangloss (Franz Hawlata) das da lautet: Die Welt, wie sie ist, ist die einzige, die es gibt, und folglich auch die bestmögliche.

 

Nun begegnet Candide auf seiner Reise von Bulgarien bis Lissabon, von Paraguay bis Venedig allerdings nichts als haarsträubende Grausamkeit von Natur und Mensch: Krieg, Prostitution, Menschenhandel, Erdbeben und gleich eine Vielzahl an verschiedensten Morden.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Vom promiskuitiven, erstochenen Großinqusitor bis zum erhängten und wiederauferstehenden Philosophen pflastern bizarre Tote und Untote den Weg von Candides wundersamer Reise.

Doch angetrieben durch seinen unüberwindbaren Optimismus, lässt sich Candide von nichts in seinem Glauben an das Gute und an die Liebe zu Kunigunde beirren.  Schließlich darf er sein Herzblatt nach unzähligen Abenteuern rund um den Globus endlich wieder in die Arme schließen.

Kostümdesigner Klaus Bruns hatte die einzelnen Stationen  pointiert und üppig mit dem jeweiligen landestypischen Nationalkolorit ausgestattet. 15Und der kanadische Dirigent Jordan de Souza entlockt dem Orchester den Bernstein typischen Swing-Sound, vermag aber auch mit den schnell wechselnden musikalischen Formaten souverän umzugehen. Die Inszenierung steht und fällt mit dem stimmgewaltigen spielfreudigen Chor (David Cavelius) und den überaus agilen Tänzerinnen und Tänzern (Choreographie Otto Pichler).

Die Schlussapotheose mit dem blauen Planeten gerät vielleicht etwas zu ausführlich und zu pathetisch, was den rasanten, so vergnüglich bösartigen Eindruck von Candides Weltreise leider etwas schmälert. Bernstein brachte „Candide“ nicht den gewünschten Erfolg. Ob Barry Koskys Inszenierung das ändern kann wird man sehen.

www.komische-oper-berlin.de

 

 

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