Gundermann: Baggerfahrer, Poet, Idealist, Sozialist – ein bewegender Film von Andreas Dresen

Alexander Scheer beeindruckt als Gerhard Gundermann. Foto: PandorafilmAlexander Scheer beeindruckt als Gerhard Gundermann. Foto: Pandorafilm

Von Klara Berger.

„Gundi“ steht auf dem Grabstein. Keine Daten. Schlicht in Weiß und der Stein ist ein Findling. Auf dem Waldfriedhof Hoyerswerda Kühnicht liegt Gerhard Gundermann begraben. Immer wieder kommen auch Fans hierher und hinterlassen Kleinigkeiten. An diesem Tag im März liegt noch eine CD samt aufgeweichter Hülle von Gundermanns letztem Konzert in Krams im Rest von Schnee. Mit Widmung. „Was ich dir nicht mehr sagen kann: Deine Lieder haben mich bisher über 20 Jahre begleitet, mein Leben geprägt und beeinflusst. Danke! Gut, dass es dich gab“, steht geschrieben.

Alexander Scheer ist Gerhard Gundermann. Foto: Pandorafilm

Alexander Scheer ist Gerhard Gundermann. Foto: Pandorafilm

Neben seiner musikalischen Karriere arbeitet Gundermann immer parallel als Baggerfahrer. Er tut das bewusst, um sich seine Unabhängigkeit von der Musikindustrie zu bewahren. 1997 wird auch er arbeitslos, ebenso wie Tausende vor ihm.

Buchtitel. Christoph Links Verlag

Buchtitel. Christoph Links Verlag

Die Grube Brigitta ist schon lange geschlossen, Gundermann hat nicht mal mehr einen Beruf: Maschinist für Tagebaugroßgeräte steht auf der Liste von 160 Berufen, die im Westen gar nicht existieren. Er beginnt eine Umschulung zum Tischler, tritt mit seinem neuen Soloprogramm auf und spielt die CD „Engel über dem Revier“ ein. Dies sollte sein letztes Projekt sein. Die jahrelange Doppelbelastung durch Schichtarbeit und Konzerte fordern ihren Tribut. Am 21. Juni 1998, im Alter von nur 43 Jahren, stirbt er an einer Gehirnblutung.

Die Arbeit als Baggerfahrer im Braunkohletagbau und sein Alltag liefern Gundi die Ideen für seine Songs und Stücke, die sich oft mit dem Leben der Arbeiter und der „einfachen Menschen“, mit seiner Familie, mit Umweltproblemen und seiner Heimatstadt Hoyerswerda („Hier bin ich geboren“, „Hoywoy“) beschäftigen. In der Wendezeit 1989/90 mischt er sich aktiv in die Ereignisse des politischen Umbruchs ein. 1992 gründet er seine Band mit dem bewusst provokanten Namen „Seilschaft“, mit der er bis 1998 seine Auftritte bestreitet und unter anderem als Support bei Konzerten von Bob Dylan und Joan Baez auftritt.

Politisch war Gundermann (und ist es bis heute) umstritten: Er war Mitglied der SED, wurde allerdings 1978 „wegen unerwünschter eigener Meinung“ ausgeschlossen. Nach Protesten wurde dieser Ausschluss in eine strenge Rüge umgewandelt. 1976 wurde er vom Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) unter dem Decknamen Grigori angeworben. 1984 folgte ein erneuter Ausschluss aus der SED, im gleichen Jahr auch von der Stasi wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“. 1995 wurde Gundermanns Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit öffentlich. Gundermann selbst stellte sich seiner Vergangenheit, outete sich auf der Bühne während eines Konzerts und setzte sich in einem Interview mit seiner Rolle als Spitzel auseinander („Nie mehr: Der Zweck heiligt die Mittel“, Lausitzer Rundschau, Mai 1995).

Regisseur Andreas Dresen. Foto: Pandorafilm

Regisseur Andreas Dresen. Foto: Pandorafilm

Mit feinem Gespür, Zärtlichkeit und Humor wirft Regisseur Andreas Dresen einen Blick auf das Leben von Gerhard „Gundi“ Gundermann, einem der prägendsten Künstler der Nachwendezeit. Das Drehbuch stammt von Laila Stieler. Die Hauptrolle spielt Alexander Scheer, der alle Lieder im Film selbst eingesungen hat. Anna Unterberger steht als seine Frau Conny Gundermann vor der Kamera und in weiteren Rollen sind unter anderem Axel Prahl, Thorsten Merten, Bjarne Mädel, Milan Peschel, Kathrin Angerer und Peter Sodann zu sehen.

Axel Prahl als Parteisekretär. Foto: Pandorafilm

Axel Prahl als Parteisekretär. Foto: Pandorafilm

„Gundermann“erzählt von einem Baggerfahrer, der Lieder schreibt. Der ein Poet ist, ein Clown und ein Idealist. Der träumt und hofft und liebt und kämpft. Ein Spitzel, der bespitzelt wird. Ein Weltverbesserer, der es nicht besser weiß. Ein Zerrissener. „Gundermann“ ist Liebes- und Musikfilm, Drama über Schuld und Verstrickung, eine Geschichte vom Verdrängen und Sich-Stellen. „Gundermann“ ist ein Film über Heimat. Er blickt noch einmal neu auf ein verschwundenes Land. Es ist nicht zu spät dafür. Es ist an der Zeit.

„Der Film kommt mitten in eine Zeit hinein, in der im Land wieder sehr viel über Ostidentitäten debattiert wird“, sagt Andreas Dresen. „ Ich bin sehr vorsichtig mit Begriffen wie Ostidentität und Ostalgie ist mir verhasst. Ich will nicht zurück ins Land DDR, was nicht bedeutet, dass ich die Idee davon sang- und klanglos verabschiedet habe. Gundermann sagt es ja so schön in seinen Bagger-Tagebüchern: “Ich gehöre zu den Verlieren. Ich habe aufs richtige Pferd gesetzt aber es hat nicht gewonnen“.

www.gundermann-derfilm.de/

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