Steppende Nasen, fahrende Rikscha-Tische und groteskes Volksgewimmel – „Die Nase“ in der Komischen Oper

Eine Nase macht sich selbständig - groteske Suche nach dem verlorenen Körperteil in der Komischen Oper. Foto: Ingrid Müller-MertensEine Nase macht sich selbständig - groteske Suche nach dem verlorenen Körperteil in der Komischen Oper. Foto: Ingrid Müller-Mertens

nase1Eines schönen Morgens nach durchzechter Nacht muss Kollegienassessor Kowaljow  erschrocken feststellen, dass ihm seine Nase abhanden gekommen ist.

Das Entsetzen ist groß. Verzweifelt macht er sich im zaristischen St.Petersburg auf die Suche nach dem abhandengekommenen Körperteil, denn andauernde Nasenlosigkeit würde in der obrigkeitshörigen Gesellschaft das Aus für ihn bedeuten! Günter Papendell brilliert als eitler, nasenloser Beamter in Dmitri Schostakowitschs eigenwilliger Vertonung der grotesk-absurden Erzählung von Nikolai Gogol, angesiedelt im 18. Jahrhundert.nase_1

In der Kathedrale, mitten in einer Beerdigungszeremonie begegnet Kowaljow seiner Nase wieder, doch sie will nicht zu ihm zurück. Sie entpuppt sich als äußerst hochnäsig, weil sie sich im Rang eines Staatsrats sieht und damit gesellschaftlich weit über dem Assessor steht. Unter reger Anteilnahme aller Beteiligten geht die rasante Suche weiter. Schließlich ist ganz Petersburg auf den Beinen – ein groteskes Spektakel, wie es absurder und vergnüglicher nicht sein könnte.nase5 Auf der Bühne wimmelt es nur so von skurrilen Gestalten, die alle die Nase finden wollen oder ihr böses Spiel mit dem armen Assessor treiben. Von allen verspottet und verlacht, jagt Kowaljow wie in einem Albtraum dem verlorenen Körperteil hinterher, bekommt ihn  jedoch nie zu fassen.

nase4Endlich wird ihm die Nase vom Polizeioberhauptmeister höchstpersönlich zurückgebracht, doch nun will sie nicht im Gesicht haften bleiben! Nach weiteren demütigenden Erfahrungen befindet sich der widerspenstige Gesichtserker schließlich so plötzlich, wie er verschwunden war, wieder an seinem Platz – wo er hoffentlich auch bleibt.

 

Natürlich ist dieser Stoff (Libretto von Dmitri D. Schostakowitsch, Jewgeni I. Samjatin, Georgi D. Ionin und Aleksandr G. Preis) eine Steilvorlage für Regisseur Barrie Kosky. Steppende Nasen, fahrende Rikscha-Tische, knallbunte, üppige Kostüme zwischen Folklore und Historismus (Buki Shiff ) in einem kühlen, trotz seiner Größe klaustrophobisch wirkenden Raum . Barrie Kosky inszeniert die surrealistische Geschichte um die Verlustängste und die Paranoia eines kleingeistigen Emporkömmlings als revueartiges Kaleidoskop der Eitelkeiten. Und wenn man glaubt, Absurder geht´s nicht mehr – Barrie Kosky setzt immer noch einen drauf.

nasenballett1Ein Spaß der Extraklasse das Pappnasen-Stepptanzballett oder auch die langbärtigen Travestie-Tänzer im sexy Body und Strapsen (Choreographie: Otto Pichler). Erfreulich, dass der Text nicht – wie leider inzwischen üblich – in der Sprache des Librettos, sondern deutsch gesungen wird (Deutsche Textfassung von Ulrich Lenz). Einen russischen Text wollte man vielleicht bei den musikalisch extrem schwierigen Partien den Darstellern nicht zumuten.

Auch 90 Jahre nach der Uraufführung hat die Musik von Schostakowitsch , die er mit gerade mal 21 Jahren komponierte, nichts von ihrer exzessiven Kraft und überwältigenden Klangsprache eingebüßt. Ainars Rubikis, der neue Generalmusikdirektor des Hauses von der kommenden Saison an, gab damit seinen überzeugenden Einstand im Haus in der Behrenstrasse.

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Barrie Koskys umjubelte Debüt-Inszenierung am Royal Opera House Covent Garden ist nach einer Zwischenstation in Sydney als Koproduktion mit The Royal Opera House Covent Garden, der Opera Australia und dem Teatro Real, Madrid nun auch in Berlin zu erleben.

 

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

www.komische-oper-berlin.de

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