„Falstaff“ in der Staatsoper

Verdis "Falstaff" - modern und turbulent an der Staatsoper. Foto: Matthias BausVerdis "Falstaff" - modern und turbulent an der Staatsoper. Foto: Matthias Baus

Im Alter von fast 80 Jahren gelang dem längst zum Mythos gewordenen Giuseppe Verdi noch einmal ein sensationeller Erfolg: Ausgehend von der genialen Librettovorlage des wesentlich jüngeren Arrigo Boito schuf er nach fünf Jahrzehnten tragischer Bühnenwerke doch noch ein Meisterwerk der komischen Opernliteratur. Weise und entlarvend, karikierend und auf das Genaueste charakterisierend, fand der alte Verdi mit seinem „Falstaff“ zu einer sehr natürlichen und bildhaften Musiksprache voller Wortwitz, rhythmischen Finessen und klanglichen Assoziationen.

Das Gebaren des alternden Sir John Falstaff – ein schlitzohriger Schmarotzer, Lebemann und Möchtegern- Weiberheld – sorgt im spießbürgerlichen Windsor für Aufruhr: Nicht nur, dass er sich auf Kosten anderer seinen Lebensunterhalt ergaunert und seinen dicken Bauch füllt – der über jeden Selbstzweifel erhabene Genussmensch glaubt auch noch, er könne gleich zwei Damen mit gleichlautenden Liebesbriefen Avancen machen und sich sowohl ein Liebesabenteuer als auch einen kleinen „Zuverdienst“ davon erhoffen. Die empörten, doch gewitzten Frauen aber schmieden ein Komplott, bei dem sie ganz nebenbei auch noch den Weg für die Liebesheirat der Tochter ebnen.

Daniel Barenboim hat sich das altersweise Verdi-Werk zum 75. Geburtstag geschenkt. Und auch für Bariton-Weltstar Michael Volle ist es ein Debüt. „Ich hätte Falstaff und vieles andere früher gar nicht singen können. Ich glaube nicht an Zufälle, es ist Schicksal“, sagt der 58-Jährige.

Michael Volle scheint die Rolle des „Falstaff“ auf den Leib geschrieben. Er beherrscht das Geschehen mit seiner enormen Bühnenpräsenz und begeistert einmal mehr mit seiner kraftvollen stimmlichen Darstellungskraft. Großartig auch das Ensemble der gelangweilten Luxusdamen, vor allem Daniela Barcellona, als wunderbar intrigante Mrs. Quickley, Barbara Frittoli als glamouröse Alice Ford und Katharina Kammerloher als Meg Page in ihrer Champagneridylle mit Swimmingpool.

Foto:Matthias Baus

Foto:Matthias Baus

Regisseur Mario Martone sieht Falstaff als einen glücklosen aber durchaus nicht unglücklichen Freigeist, allen weltlichen Genüssen zugetan, der sich letztlich auch mit seinem Dickwanst und unerschütterlichem Selbstbewusstsein noch für unwiderstehlich hält, insbesondere was seine Wirkung auf Frauen angeht. Angesiedelt in einer Art Kreuzberger Hausbesetzerszene.

Foto: Ingrid Müller-Mertens

Foto: Ingrid Müller-Mertens

 

Dazu im krassen Gegensatz die spießbürgerliche Welt der High Society und die empörten Reaktionen der vermeintlich auf sein Liebeswerben eingehenden feinen Ladies. Für die gelangweilten Damen um die 50 eine willkommene Abwechslung, die sie mit List und Tücke auskosten.

Und wenn m Finale bei der turbulenten Maskerade der scheinbar bloßgestellte Falstaff den entfesselten Spießbürgern weit überlegen ist und der ganzen Situation noch eine gehörige Portion Humor und Lebensweisheit abgewinnen kann, ist das ein großer Spaß. Nicht zuletzt für das Publikum.

 

www.staatsoper-berlin.de

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