Tradition – 70 Jahre Komische Oper Berlin

Riesengeburtstagstorte zum 70.Jubiläum der Komischen Oper Berlin. Foto: Ingrid Müller-MertensRiesengeburtstagstorte zum 70.Jubiläum der Komischen Oper Berlin. Foto: Ingrid Müller-Mertens
Max Hopp als Tevje. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Max Hopp als Tevje. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Tradition – das ist nicht nur das Schlüsselwort für den Erfolg in der umjubelten Jubiläumsinszenierung „Anatevka“ – es ist auch das Schlüsselwort für den Erfolg des Intendanten und Chefregisseurs der Komischen Oper, Barrie Kosky und der internationalen Anerkennung des Hauses in der Behrenstraße. Tradition ja – aber nicht zu verwechseln mit Nostalgie oder falscher Sentimentalität. Tradition als Besinnung auf das Gute der Vergangenheit. Tradition als Basis für ein modernes, innovatives Musiktheater. Und zur Tradition des Hauses gehört auch der Blick nach vorn und die ständige Aktualisierung der reichen Musiktradition, wie auch die Beschäftigung mit modernen, zeitgemäßen Themen und Werken.

Barrie Kosky. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Barrie Kosky. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Und so ist es für den Australier Barrie Kosky – der nun auch seit kurzem einen deutschen Pass hat – eine Herzensangelegenheit, das 70jährige Jubiläum des Hauses vor allem Walter Felsenstein zu widmen, der es 1947 im schrecklich kriegszerstörten Berlin geschafft hat, der damaligen sowjetischen Militärbehörde in der Sektorenstadt die Erlaubnis und –was fast noch wichtiger war – erforderliches Material für den Aufbau des teilweise zerstörten Theaterbaus und die Ausstattung der Inszenierungen zu entlocken.

Gedenktafel an der Komischen Oper

Gedenktafel an der Komischen Oper

Walter Felsenstein, 1945 aus Wien emigriert, sah in Berlin nun eine Möglichkeit, seine Ideen und Visionen eines volkstümlichen, realistischen Musiktheaters zu verwirklichen. Und so schuf er die Komische Oper als einen Ort -und inzwischen eine Institution-, an dem sich Musiktheaterschaffende nicht einfach auf die reiche Operntradition verlassen, sondern sie hinsichtlich ihrer Aktualität und Zukunftsfähigkeit immer wieder aufs Neue befragen.

Dazu gehörte auch ein völlig neuer Inszenierungsstil. Der Belcanto-Tenor, unbeweglich an der Rampe, war passé. Felsensteins Akteure mußten nicht nur singen sondern auch spielen können und sich wie im wahren Leben auf der Bühne bewegen. Heute eine Selbstverständlichkeit, damals eine Revolution im Musiktheater. Bei Felsenstein gab es keine herausgehobenen Stars. Ihm ging es immer um die Ensembleleistung Und so erhielt vor allem auch der Chor eine völlig neue Bedeutung, der nicht nur gut singen sollte, sondern durch sein Agieren ganz wesentlich den Handlungsverlauf bestimmt. Bis heute eine besondere Stärke der Komischen Oper.

Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier und Gattin zur Jubiläumspremiere . Foto: Ingrid Müller-Mertens

Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier und Gattin zur Jubiläumspremiere . Foto: Ingrid Müller-Mertens

Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier, der sich als Fan der Komischen Oper outete, verlas bei seiner Gratulationsrede am Sonntagabend anläßlich der Jubiläumspremiere von „Anatevka“ einen Auszug aus Felsensteins Bittbrief an die Kulturabteilung der sowjetischen Zentralkommandantur, in der unter anderem dringend 10.000 Stück Gitternieten, 2.000 Stück Scharniere, 50 Paar Damenschuhe und vieles mehr erbeten wurden. Alles knappe Ware im Jahr 1947, und doch Alltag im Gründungsjahr der Komischen Oper.

Heute schwer vorstellbar. Aber das war die Realität im zerstörten Nachkriegsberlin, wo um alles gekämpft werden musste und die Kultur zunächst total am Boden lag. Und doch hat Walter Felsenstein in dieser schlimmen, chaotischen Zeit den Grundstein zu dem gelegt, was die Komische Oper heute ist und das der Bundespräsident als „modernes und selbstbewusstes Musiktheater” würdigt. Die Komische Oper sei für ihn etwas Besonderes, bekannte er. Die seit Jahrzehnten erfolgreiche Bühne bediene sich einer Sprache, „die selbst im polyglotten Babylon Berlin jeder versteht”. Gerade auch, wenn man kein eingefleischter Opernliebhaber ist, als Kind kein Instrument gelernt hat oder gerade erst damit anfängt, das Musiktheater zu erkunden könne uns hier eine altehrwürdige Kunstform ganz aktuell berühren und begeistern. Und vielleicht sei es noch wichtiger, wie wir mit dem Schatz unserer Kulturgeschichte umgehen, ganz ohne Mottenkugeln und Hurrapatriotismus, sinnierte Steinmeier.

Und so wird der 70. Geburtstag der Komischen Oper aus der Tradition heraus mit den beiden wohl erfolgreichsten Felsenstein- Inszenierungen gefeiert: Der Jaques-Offenbach-Operette „Ritter Blaubart“ und dem Broadway-Musical „Anatevka“ (bei Felsenstein „Der Fiedler auf dem Dach“) , das am Sonntagabend, dem 70.Geburtstag der Komischen Oper, frenetisch gefeiert wurde. Und als besondere Überraschung gab es dann auf der Bühne eine riesige Geburtstagstorte – ein Konditorenmeisterstück in Form des Hauses – die drei ehemalige Ensemblemitglieder aus der Ära Felsenstein anschneiden durften und die sich dann bei der anschließenden fröhlichen Geburtstagsfeier im Foyer des Hauses alle Gäste schmecken ließen.

Mehr zum Opernjubiläum in der  digitalen Ausstellung »70 Jahre Zukunft Musiktheater«  unter

www.komische-oper-berlin.de/70_startseite/

Kommentar hinterlassen zu "Tradition – 70 Jahre Komische Oper Berlin"

Hinterlasse einen Kommentar

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*