„Ich gestalte gern“ – Angela Merkel vor der internationalen Presse

Angela Merkel vor der internationalen Presse am Tag nach der Bundestagswahl. Foto: Ingrid Müller-MertensAngela Merkel vor der internationalen Presse am Tag nach der Bundestagswahl. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Montag, 25.September im Konrad-Adenauer-Haus. Warten auf die Bundeskanzlerin. Riesenandrang der deutschen und internationalen Presse in der CDU-Parteizentrale. Knisternde Anspannung im Saal. Sensation liegt in der Luft. Wie wird die Kanzlerin auf das desaströse Wahlergebnis reagieren? Moderatoren stehen schon im Sendemodus mit ihren Mikrophonen vor den Kameras , Notebooks und Tablets sind bereit, Kugelschreiber gezückt. Mehr Erwartung geht nicht mehr.

13.30 Uhr: Angela Merkel erscheint. Die Frisur sitzt! Pokerface. Sie wirkt unaufgeregt und irgendwie erleichtert. Es ist geschafft, strahlt sie aus. Gerade hat sie Beratungen mit der CDU-Spitze hinter sich und tritt nun ans Rednerpult. Eine kurze Einschätzung der Lage. Demonstrative Gelassenheit. Von Selbstkritik keine Spur: „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“, sagt sie. Dann darf gefragt werden.

merkel9Nein, ein Triumph ist es gerade nicht. Die CDU hat enorm an Stimmen verloren und ein historisches Tief hinnehmen müssen. Da ist Zurückhaltung angebracht. Aber mit 33 Prozent der Wählerstimmen bleibt sie stärkste Partei. Und so stellt die bisherige und vermutlich künftige Bundeskanzlerin sofort klar: Die Union habe ihr strategisches Ziel erreicht. Auch wenn sie sich eine breitere Zustimmung gewünscht hätte. Denn die aktuelle Lage sei schwierig und die kommende wird nicht leichter. „Wir haben einen klaren Regierungsauftrag“, sagt die CDU-Chefin und sie will Gespräche mit FDP, Grünen und auch der SPD über eine neue Regierung führen. Es sei sehr wichtig, dass Deutschland auch künftig eine stabile Regierung haben. Sie habe zwar zur Kenntnis genommen, dass die Sozialdemokraten in die Opposition gehen wollen. Aber Gesprächsangebote schließe das nicht aus. Auf die Frage, ob auch Neuwahlen eine Option sind, erklärt Merkel: „Jedes Spekulieren auf irgendeine Neuwahl ist die Missachtung des Wählervotums. Davon bin ich zutiefst überzeugt“. Sie habe zum Thema Neuwahl eine klare Meinung, sagte Merkel: „Wenn der Wähler uns einen Auftrag gibt, dann haben wir den umzusetzen.“ Und ein Stück Demut vor den Wählern sei dringend nötig.

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Nö, Fehler von sich oder ihrer Partei im Wahlkampf sieht sie nicht. „Ich habe diesen Wahlkampf gut durchgedacht, ich habe ihn so gemacht wie ich ihn gemacht habe und bin jetzt auch am Tag danach nicht der Meinung, dass ich das anders sehe als ich das gestern oder vorgestern oder vor zwei Wochen gesehen habe.“

Natürlich wolle man die verlorenen Stimmen durch gute Politik wiedergewinnen. Die Ursachen der Abwanderung von potentiellen CDU-Wählern zur AfD sieht die Kanzlerin vor allem in den ungelösten Problemen in den sozialen Brennpunkten, Verlustängste, die Versäumnisse im ländlichen Raum oder der Herausforderung der illegalen Migration. Zwar habe die Bundesregierung in der Flüchtlings- und Migrationspolitik eine große Entwicklung gemacht, zugleich aber noch viel Arbeit vor sich. Sie übernehme die persönlich Verantwortung für die politische Polarisierung in Deutschland, denn diese Entwicklung sei auch ganz offensichtlich mit ihr als Person verbunden. Sie se vorbereitet gewesen auf Anfechtungen von links und rechts. „Trotzdem halte ich die Grundentscheidungen, die getroffen wurden, und für die ich natürlich in ganz besonderer Weise verantwortlich bin (…) für richtig“, betont die CDU-Vorsitzende zu ihrer Entscheidung von 2015, Flüchtlinge und Migranten nach Deutschland zu lassen. Und welche Strategie habe sie jetzt für den Umgang mit der AfD? „Die beste Strategie ist, dass man die Probleme der Menschen ernst nimmt und versucht, sie zu lösen“, antwortet die Kanzlerin.

Auf die Frage, wie sie dem Hass und der Wut von Menschen, die ihr bei Wahlkampfveranstaltungen entgegengeschlagen sei, begegnen wolle, sagt Merkel, die CDU werde diesen Menschen „trotzdem ein Angebot machen“. Die Antwort müsse sein, gerade auf jene Menschen zuzugehen und das Gespräch zu suchen. Sie müsse aber zur Kenntnis nehmen, dass es einige gebe, die gar nicht zuhören wollten. Auch das gehöre zur Demokratie. Aber sie wolle auch in Zukunft versuchen, nicht immer über die anderen zu sprechen, sondern die eigenen Hausaufgaben zu machen. Eine ideale Welt können wir uns nicht basteln. Täglich kommen neue Probleme und Aufgaben und die müssen gelöst werden.merkel11

Ein britischer Journalist möchte wissen, ob sie auch nach dieser Wahl noch wie bisher, als die „Säule der Stabilität für Europa“ gelten werde. Erstmalig huscht ein kleidsames Lächeln über das bemüht amtlich-ernste Gesicht. Auch die Anspannung im Auditorium löst sich durch einen Anflug von Heiterkeit. Ein wenig kokett antwortet die Kanzlerin, wer auch immer sie so sehe, ihre Aufgabe sei es weiterhin, sich nach besten Kräften für Europa einzusetzen. Wie man sie dann beurteilt sei Sache der Anderen.

Angesichts der besonders desaströsen Verluste in den neuen Bundesländern – in Sachsen ist die AfD sogar stärkste Kraft geworden – wird die Frage aufgeworfen, ob sie vielleicht den Osten „vergessen“ hat. Ganz und gar nicht, lautet die Antwort. Sie habe ja auch ihren Wahlkreis dort und ihn gewonnen. Aber angesichts der erdrückenden globalen Aufgabe und Probleme sei es schon möglich, dass der Kontakt nicht so war „wie er sein sollte“.

Ob sie nun nach dem ernüchternden Ergebnis bei ihrem Versprechen bleibt, bis zum Ende der kommenden Legislaturperiode Kanzlerin zu bleiben, möchte eine italienische Journalistin wissen. Daran gibt es für Angela Merkel keinen Zweifel. Selbstverständlich stehe sie weitere vier Jahre zur Verfügung.

Eine Frage überrascht die Kanzlerin ein wenig: „Was bedeutet Macht für Sie“. Die Antwort kommt prompt: „ Dass ich gestalten kann. Ich gestalte gern“.

Fotos: Ingrid Müller-Mertens

 

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