„Marisha – Das Mädchen aus dem Fass“

Lesung im Centrum Judaicum für Schüler mit Hannah Herzsprung. Foto: Ingrid MüllerMertensLesung im Centrum Judaicum für Schüler mit Hannah Herzsprung. Foto: Ingrid MüllerMertens

Eine Unterrichtsstunde der ganz besonderen Art steht auf dem Stundenplan. Mit Sicherheit eine, die die Schüler der sechsten Klassen aus verschiedenen Berliner Schulen nicht so schnell vergessen werden. Sie findet statt im Veranstaltungssaal der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, Museum und Gedenkstätte der Berliner Juden. Ein fremdartiger Ort, den die Zwöflfjährigen bisher kaum kannten und von über dessen Bedeutung sie wenig wissen. So lauschen sie erwartungsvoll der Begrüßung von Anja Siegemund der Direktorin der Stiftung Centrum Judaicum und Uwe Neumärker, Direktor Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Noch ist es unruhig im Auditorium. Wasserflaschen fallen mit Getöse um, man amüsiert sich, tuschelt.

Eingeladen wurde zu einer Buchlesung. _1 (2)Es geht um „Marisha – Das Mädchen aus dem Fass“, eine Geschichte, die so berührend und unfassbar ist, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie wahr ist. Aber das ist sie. Und Gabriele Hahnmann, die nach vielen Gesprächen mit der noch lebenden Titelfigur deren Schicksal niedergeschrieben hat, versteht es gut, den Schülern einfühlsam die Umstände klar zu machen, die zu dieser schrecklichen Tragödie geführt haben ohne sie mit historischen Fakten zu überfordern. Eine kindgerechte, emotional ansprechende und sensible Erstbegegnung mit der Shoa.  Erzählt wird die Verfolgung von Marisha und ihrer jüdischen Familie durch die Nazis, ihre Internierung im Ghetto, dem Verlust der Eltern, von Hunger, unbeschreiblichem Elend, Angst, Tod und dem Kampf ums Überleben.

Dann betritt Hannah Herzsprung das Podium.

Hannah Herzsprung und Autorin Gabriele Hannemann. Foto. Ingrid Müller-Mertens

Hannah Herzsprung und Autorin Gabriele Hannemann. Foto. Ingrid Müller-Mertens

Die junge Schauspielerin ist hier bestens bekannt und hat sofort die ganze Aufmerksamkeit der Mädchen und Jungen als sie sehr einfühlsam und persönlich bewegt aus dem Buch zu lesen beginnt.

Fassungslosigkeit und tiefes Mitgefühl breitet sich aus. Denn Malka Rosenthal, so der heutige Name von Marisha musste sich in Polen unter unbeschreiblichen Umständen vor den Nazis eineinhalb Jahre in einem Fass verstecken, das im Stall einer polnischen Bauernfamilie in die Erde vergraben und mit Stroh abgedeckt war. Nur eine Stunde am Tag darf die Neunjährige ihr enges Gefängnis verlassen. Immer in Todesangst und unter Lebensgefahr der mutigen Retter. Sie wird schwer krank, überlebt den Holocaust und kommt schließlich nach einer beschwerlichen Odyssee durch Europa 1948 nach Israel zu ihrer Tante, deren Adresse ihr die Mutter eingeimpft hatte und die sie als einzigen Hoffnungsschimmer immer vor Augen hatte.

Andächtige Stille als Hannah Herzsprung das Buch zuklappt. Dem Angebot, Fragen zu stellen können die emotional tief beeindruckten Schüler zunächst kaum folgen. Dann eine zaghafte Wortmeldung: Was ist ein Ghetto? Gut, das die jüngste Generation heute dieses Wort und seine schreckliche Bedeutung nicht mehr kennt. Wichtig aber auch, dass sie es verstehen lernt. Die allgemeine Bestürzung weicht sofort lebhaftem Interesse als auf der Videoleinwand über Skype Marisha persönlich erscheint. Nun allerdings um über 80 Jahre älter. Sofort bildet sich eine lange Schlange vor dem Laptop, denn alle wollen mit ihr sprechen, Fragen stellen und ihr einen Moment über Tausende von Kilometern nahe sein.

Malka Rosenthal freut sich über das Interesse der Schüler und beantwortet geduldig alle Fragen.

Malka Rosenthal über Skype. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Malka Rosenthal über Skype. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Eine davon versteht sie zunächst nicht so ganz und das zeigt vielleicht am deutlichsten, wie sehr sich die Welt verändert hat. „Haben Sie dann in Israel eine Therapie gemacht?“, will ein Mädchen wissen. „Nein“ sagt Malka Rosenthal nachsichtig lächelnd, „damals hat uns keiner geholfen, wir mussten uns selber helfen“. Und sie möchte den Schülern noch eine Message mit auf den Weg geben, ihnen sagen, dass sie nicht schuld sind an dem, was ihr und so vielen Leidensgenossen geschehen ist. „Ich liebe Euch und alle Kinder auf der Welt. Shalom“.

 

Gabriele Hannemann: »Marisha. Das Mädchen aus dem Fass«. Ariella-Verlag Berlin

www.ariella-verlag.de

Gedenkstätte er Kinder in Yad Vashem. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Gedenkstätte der Kinder in Yad Vashem. Foto: Ingrid Müller-Mertens

Die Retterfamilie Kott wird die später in der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem als “Gerechte unter den Völkern”geehrt.

 

www.centrumjudaicum.de

 

1 Kommentar zu "„Marisha – Das Mädchen aus dem Fass“"

  1. Sensibel geschrieben, diese anrührende „Schulstunde“. Chapeau!

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