Manifesto – Sensationelle Schau im Hamburger Bahnhof

Julian Rosefeldt stellt seine Filminstallaton „Manifesto“ im Hamburger Bahnhof vor. / Bild: Ingrid Müller-MertensJulian Rosefeldt stellt seine Filminstallaton „Manifesto“ im Hamburger Bahnhof vor. / Bild: Ingrid Müller-Mertens

Von Ingrid Müller-Mertens

Im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst, ist derzeit ein sensationelles Beispiel für Film-Art zu erleben. Die Nationalgalerie widmet damit Julian Rosefeldt (geb. 1965) eine Einzelausstellung. Der in Berlin lebende Künstler ist neben seinen fotografischen Werken vor allem durch aufwendig inszenierte Videoinstallationen bekannt geworden. Seine Werke wurden unter anderem im Museum of Modern Art, New York, in der Royal Academy of Arts London und im Kunstmuseum Bonn gezeigt. In seiner neuesten Filminstallation lässt Rosefeldt in perfekt inszenierten Kurzfilmen Manifeste zu verschiedenen Kunstgattungen – Surrealismus, Dadaismus, Futurismus, Pop Art,Fluxus oder auch Konzeptkunst – rezitieren. Alle Rollen grandios dargestellt von der australischen Schauspielerin Cate Blanchett.

Dabei brilliert die Oscarpreisträgerin mit total unterschiedlichen Typen, Gesten, Stimmen und Sprechweisen. Sicher ein seltener Glücksfall für eine Vollblutschauspielerin wie Blanchett. Was offenbar erklärt, dass sich die Diva nach einer zufälligen Begegnung mit Julian Rosenthal bei einer seiner Ausstellungen sofort bereiterklärt hatte, diese einmalige Herausforderung anzunehmen und zwar – wie der Künstler versichert – ganz ohne Gage. Allerdings dürften die meisterhaft choreografierten und optisch opulenten 13 parallel laufenden Filme ein durchaus kostspieliges Unternehmen gewesen sein. Realisiert dank zahlreicher Sponsoren der internationalen Kultur- und Kunstszene.

„Manifesto“ ist ein Fest für Augen und Ohren aber eben nicht nur optisch, sondern in der Komplexität der vielschichtigen Filminstallation vor allem eine Hommage an die bewegte Tradition der Künstlermanifeste. Authentische, zumeist historische Absichtserklärungen, die zu ihrer Zeit zu Revolutionen aufriefen – sowohl auf politischer Ebene, man denke an das Kommunistische Manifest von 1848, als auch in der Kunst. Und so hat Rosefeldt heute vergessene Originaltexte aus zahlreichen Manifesten zu einstmals provokanten und gesellschaftskritischen Kunstrichtungen buchstäblich wieder zum Leben erweckt. Faszinierend verkündet von Cate Blanchett, ohne die natürlich dieses außergewöhnliche und man möchte sagen, einmalige Projekt nicht zu diesem sensationellen Erlebnis geworden wäre. Durch Kostüm, Maske, Drehort und ihr facettenreiches Spiel verwandelt sich Blanchett unter anderem in so unterschiedliche Figuren wie eine Grundschullehrerin, Baggerführerin, Puppenspielerin, Brokerin, Trauerrednerin oder – Meisterwerk der Verwandlung – einen Obdachlosen.

Teilweise wurde in Berlin gedreht. So besuchte Cate Blanchett beispielsweise unter strenger Geheimhaltung den Friedrichstadt-Palast und arbeitete mit dem Ballett-Ensemble für eine Szene, in der sie als exzentrische Ballettmeisterin mit russischem Akzent die Tänzerinnen und Tänzern mit Fluxus-Traktaten belegt. Als Grabrednerin irritiert sie die Trauergemeinde mit dem Dada-Manifest , verkündet als treusorgende Mutter der um den Esstisch versammelten genervten Familie nicht enden wollende Pop Art-Weisheiten oder zelebriert als unterkühlte Geschäftsfrau im edlen Ambiente eines vornehmen Empfangs hinreißend die Postulate des Abstrakten Expressionismus.

Allerdings müsste man schon über perfekte Englischkenntnisse verfügen, noch dazu in verschiedenen Dialekten, um die von Rosefeldt mitunter ironisierten und aktualisierten Manifesttexte zu verstehen. So ist die Wirkung zwar optisch überwältigend aber inhaltlich verpufft weitgehend die Intention des Künstlers, was bedauerlich ist. Vielleicht wären Flyer mit den gedruckten Texten eine gute Möglichkeit.

Julian Rosefeldt zeigte sich äußerst zufrieden mit dem Projekt, das in nur 12 Drehtagen entstanden ist und für alle Beteiligten „ein einziger Rauschzustand“ war. „Atemberaubend“ ist für ihn, was Cate Blanchett daraus gemacht hat. Es wäre einen dritten Oscar wert.

Noch zu sehen bis zum 10.Juli.

Infos unter: www.julianrosefeldtinberlin.de

Mehr zum Thema: Julian Rosefeld über „Manifesto“ (auf Englisch):

 

1 Kommentar zu "Manifesto – Sensationelle Schau im Hamburger Bahnhof"

  1. Waren gerade da und ich bin hingerissen. Allerdings konnte ich nicht alles aufnehmen, nach etwas über einer Stunde war ich dicht. Und ich teile die Meinung des Autors, dass ein bißchen mehr Textbegleitung geholfen hätte, z.B. Untertitel, kann aber auch verstehen, wenn der Künstler das als störend empfindet. Habe begeistert Schauplätze in und um Berlin entdeckt. Und diese Cate Blanchett … so grossartig.

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