„Jewgeni Onegin“- Hochgenuss für Auge und Ohr

Tschaikowskys Oper „Jewgeni Onegin“ in der Komischen Oper Berlin. / Bild: Ingrid Müller-MertensTschaikowskys Oper „Jewgeni Onegin“ in der Komischen Oper Berlin. / Bild: Ingrid Müller-Mertens

Von Ingrid Müller-Mertens

In seiner neuesten Inszenierung fasziniert Barrie Kosky, Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, nach seinen lebhaften, ja gern auch schrillen, spektakulären Opernproduktionen nun mit einer poetischen und zutiefst gefühlvollen Aufführung. Sein „Jewgeni Onegin“ ist ein eher leises aber intensives Psychodrama. Und nicht nur musikalisch ein Hochgenuss, sondern auch optisch ein ästhetisches Erlebnis, das die Szenerie jeden Moment zu einem „Augenschmaus“ macht, einem stimmungsvollen Gemälde in Grün und Pastell (Bühnenbild Rebecca Ringst). Auf einer üppigen Wiese vor dichten, hohen Laubbäumen vergnügt sich eine fröhliche unbeschwerte Landgesellschaft, spielen sich aber auch die psychologisch buchstäblich auf den Punkt ausgeleuchteten schicksalhaften Ereignisse der Protagonisten ab. Individuelle Zustände und gesellschaftliche Zwänge als Gänsehautmomente inmitten einer trotz allem Realismus traumhaften Szenerie.

1878 komponierte Peter Tschaikowsky nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin die Oper „Jewgeni Onegin“. Natürlich geht es um die Liebe, die unerfüllte, tragische. Vier junge Menschen begegnen sich auf der idyllischen Waldlichtung und werden einander zum Schicksal. Als der Dichter Lenski (Ales Briscein) seine Verlobte Olga (Karolina Gumos) besucht und einen geheimnisvollen Freund mit sich bringt, ist es um Olgas Schwester – die introvertierte Tatjana (Asmik Grigorian) – geschehen. Mit dem Überschwang der ersten Liebe verfällt sie dem weltmännischen, arroganten Jewgeni Onegin (Günter Papendell) und schreibt dem Angebeteten einen bekennenden Liebesbrief … Doch hart weist der Tatjanas Gefühle von sich und trifft sie zutiefst. Ein wütender Streit Onegins mit Lenski endet im Duell. Onegin trifft den Freund tödlich.

Jahre später begegnet er erneut Tatjana – nun ist sie es, die Onegins plötzliches Interesse zurückweist, weil sie sich trotz ihrer nie erkalteten Liebe zu ihm, verantwortungsvoll und pfichtbewußt für ihren Gatten (Alexey Antonov) entscheidet. Onegin ist buchstäblich am Boden zerstört. Tatjana verlässt ihn endgültig. Ein hochtheatralischer, bis an die Schmerzgrenze emotionaler Augenblick, in dem ein heftiger Regenguss beide Darsteller total durchnässt und nicht nur symbolisch, sondern ganz realistisch die belastende Vergangenheit von verschmähter Liebe, Schuld und Sühne herunterwäscht. Bleibt zu hoffen, dass die wunderbare Asmik Grigorian und der großartige Günter Papendell keinen Schnupfen davontragen. Ein effektvolleres Ende für dieses beeindruckende Musikdrama kann man sich jedenfalls nicht vorstellen. Das Premierenpublikum klatschte sich die Hände wund.

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